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Holzhäuser Heckethaler - Der Nordhessische Literaturpreis 2020

Stadtsparkasse Grebenstein - Stadt Immenhausen - Vereinsgemeinschaft Holzhausen
 

Aktuelle Ausschreibung

19. Nordhessischer Literaturpreis „Holzhäuser Heckethaler“ 2020
 

1)  Für alle Altersstufen ab 14 Jahren im deutschsprachigen Raum.

2)  Jugend-Literaturpreis für junge Schreibende aus Hessen von 14 bis 29 Jahren.


Thema für beide Wettbewerbe: JUBILÄUM (Prosatexte)


Holzhausen am Reinhardswald ist Stadtteil der nordhessischen Stadt Immenhausen und feiert in diesem Jahr das 1000. Jubiläum der urkundlichen Ersterwähnung.
Der von dem damals in Holzhausen lebenden Schriftsteller-Ehepaar Dagmar (†) und Dr. Burckhard Garbe vorgeschlagene Nordhessische Literaturpreis (anfangs: Literatur-Nachwuchs-Preis) „Holzhäuser Heckethaler“ will deutsch schreibende literarische Talente aufspüren und fördern, unterstützt von der Stadt Immenhausen, der Stadtsparkasse Grebenstein, dem Waldhotel Schäferberg und neun Jurorinnen und Juroren. Im Jahr 2020, zum 19. Wettbewerb, werden wieder zwei Preise ausgesetzt: ein allgemeiner und einer für ausschließlich hessische junge Autorinnen und Autoren.

 


 

Der Nordhessische Literaturwettbewerb "Holzhäuser Heckethaler"

 

Gestiftet von der Stadtsparkasse Grebenstein

Idee: Dagmar Garbe († 9.6.2012) und Dr. Burckhard Garbe

Ideelle Trägerin: Stadt Immenhausen
Unterstützt durch die Vereinsgemeinschaft Immenhausen-Holzhausen

 


 

Nachstehend sind die prämierten Geschichten zu lesen:

 


 

1. Preis, 14-29 Jahre aus Hessen

Paul Reiß

Mondschein matters

 

Der Mond scheint vom Nachthimmel herab. An den dunklen Wolken quetschen sich die schmalen Lichtstrahlen vorbei und beleuchten einzelne Stellen im Park. Zwischen Baumkronen und Büschen fällt das spärliche Licht auf einen Teich. Die starre Wasseroberfläche beginnt zu glitzern und zu funkeln. Enten verstecken ihre müden Augen im Schilf. Kurz aufkommende Windböen bringen die Baumkronen zum Rascheln und erzeugen kleine Wellen auf dem Teich, die ans Ufer schwappen. Der Ruf einer Eule schallt durch den Park.

Ich beobachte wie die Wellen immer größer werden. Aus der Mitte des Teichs ertönt ein leises Grummeln. Kleine Luftblasen steigen vom dunklen Grund auf. Das Grummeln wird lauter. Plötzlich beginnt das Wasser laut zu sprudeln. Ein Knall durchfährt die Stille der Nacht. Vorsichtig öffne ich meine Augen wieder. Der Teich ist noch da, mit etwas weniger Wasser, aber dennoch vorhanden. Mond und Sterne stehen auch noch am Himmel. Alles wie immer?

„Bah, mein teures Gewand. Alles nass“, schimpft eine laute Stimme. Ich zucke zusammen.

„Und muffig riecht es auch.“ Erschrocken blicke ich mich um. Die Stimme scheint aus dem Teich zu kommen. Im Mondschein erkenne ich eine Person, die im flachen Wasser liegt und langsam beginnt aufzustehen.    

„Wer hat denn hier einen Teich hingebaut?! Das war so nie vorgesehen und ist mehr als unpraktisch. Alles Taugenichtse heutzutage“, meckert die nasse Person vor sich hin und macht den ersten Schritt ans Ufer. Ich verstecke mich hinter der Hecke und schaue vorsichtig zwischen den Blättern hindurch.  Ich erkenne einen etwas dickeren Mann, der sichtlich erbost probiert das Wasser aus seiner Kleidung zu wringen.

„Mal sehen, ob wenigstens alles andere so geblieben ist, wie es einmal war.“ Der Unbekannte läuft zielstrebig durch den Park, als ob er etwas sucht. Ich verlasse mein Versteck und laufe ihm mit etwas Abstand hinterher. Wer auch immer er ist und woher er kommt, er kennt er sich echt gut aus und läuft viel zu schnell durch diese Sommernacht. Mist! Ist er jetzt links oder rechts gelaufen? Ich habe ihn aus den Augen verloren. Na toll.

Frustriert setze ich mich auf die nächste Parkbank. „Oh nein, ich bin so ein Idiot“, denke ich. Ich hätte wenigstens ein Foto machen sollen.

„Die modernen Waffen werden ja immer kleiner. Wie viel Schuss hat dieses vorzügliche Gerät?“ Ich fahre zusammen und drehe mich vorsichtig um. Hinter mir steht der fremde Mann. Sein Atem ist eisig, er trägt etwas uniformartiges und riecht modrig.  Fasziniert starrt er auf mein Handy.

„Nun antworten sie! Respektlos diese jungen Leute. Das gab es zu meiner Zeit nicht.“ Dieser Mann verwirrt mich. Von was spricht er?

„Erzählen sie mir doch erstmal wer sie sind und warum sie nachts im Teich baden gehen?“, schlage ich ihm vor.

„Das ist eine Frechheit!“, brüllt er und schimpft weiter: „Von Baden kann keine Rede sein. Einer ihrer ach so schlauen Zeitgenossen ist schuld an diesem Fauxpas!“ Ich verstehe seine Wut genauso wenig wie seine französischen Fachbegriffe.

„Otto mein Name. Landgraf Otto“, der Fremde reicht mir seine Hand.

„Haha genau, und ich bin Volker Bouffier“, lache ich und reiche ihm meine Hand.

„Oh ein Franzose“, der Mann rümpft seine Nase. „Wie dem auch sei. Sehr angenehm“, sagt er und schüttelt meine Hand. Ich bin neugierig und will noch mehr über diesen lustigen Rentner wissen. Bezeichnet sich selbst als Landgraf. Und dann noch dieser Style. Ein echt verrückter Typ. Plötzlich greift er mein Handy, welches ich neben mich auf die Bank gelegt hatte und hält es in die Höhe.

„Nun sagen sie schon. Was kann dieses Gewehr alles? Ein Soldat hat mir vor 100 Jahren schon die neusten Geräte gezeigt. Aber dieses hier scheint noch neuer zu sein. Habt ihr den Krieg denn eigentlich gewonnen?“, fragt mich der selbsternannte Landgraf interessiert.

Ich beginne ihm von Handys und Telefonen zu erzählen. Der Mann hat die letzten Jahre scheinbar völlig verpennt. Das Internet erwähne ich dann lieber gar nicht erst.

„Waren sie denn Soldat? Und wie konnten sie bei der Bundeswehr arbeiten ohne etwas über Telefone zu wissen?“, frage ich ihn.

„Junge, du bist wohl einer von den ganz lustigen. Ich habe kommandiert. Sehe ich aus als kämpfe ich selbst. Ich hatte ein Heer von 900 Mann“, erzählt er mir stolz. Ich vermute mittlerweile, dass er ein seniler Soldat im Ruhestand ist.

„Dann sind ihre Jets hoffentlich zuverlässiger geflogen“, scherze ich etwas.

„Herr Bouffier, sie scheinen mir ein Narr zu sein. Was ist ein Jet?“

Vermutlich war dieser Mann noch nie die hellste Leuchte. Mein Versuch ihm zu erklären was ein Jet ist, endet in einem Vortrag über die Luftfahrt allgemein. Zu meinem richtigen Namen komme ich gar nicht erst, so viele Fragen hat er noch.

 

Mittlerweile steht die Sonne hoch am Himmel und die stressgeplagten Menschen aus der Stadt erobern den Park.

„Folgen sie mir zum Schloss!“, befiehlt mir der Alte und stapft los. Ich schüttle den Kopf und folge ihm. Zielstrebig geht er an dem alten Gemäuer vorbei und verschwindet in einem Busch. Ich schiebe die Sträucher zur Seite und sehe wie der Alte probiert einen Stein zu verrücken.

„Schauen sie mir nicht nur dumm zu, so helfen sie doch!“, motzt er mich an. Mühevoll rücke ich solange an dem Stein, bis eine verdreckte Klappe aus Holz zum Vorschein kommt. Mit einem lauten Knarzen öffnet der Alte sie und steigt eine Treppe hinunter. Ich folge ihm durch diesen dunklen Gang. Mehrfach muss ich mir Spinnennetze aus dem Gesicht wischen. Was mir an den Füßen alles vorbeihuscht will ich gar nicht genau wissen.

„Alles Idioten. Haben die einfach einen Schrank vor meinen Geheimgang gestellt“, höre ich den Senior schimpfen. Nicht gerade leise, aber immerhin erfolgreich, schiebt er den Ausgang frei. Durch einen alten Kamin gelangen wir in einen prunkvollen Saal. Dort sticht mir direkt ein Bild ins Auge, vor dem der Alte steht. Auf dem Gemälde ist ein König zu sehen. Er trägt die gleichen Kleidungsstücke wie der Senior. Auch sonst sieht er ihm sehr ähnlich.

„Gefällt dir das Portrait von mir?“, fragt er mich. Meine Blicke waren scheinbar etwas zu offensichtlich.

„Ja, echt gut getroffen“, sage ich und lache dabei leicht. Frage dann aber ernsthaft nach: „Jetzt mal ehrlich, weshalb tragen sie diese historische Kleidung?“

„Du musst noch viel Lernen, Junge. Das Portrait zeigt Landgraf Otto im 18. Jahrhundert. Dieser hat das Schloss und den Park erbaut. Ich bin der Landgraf. Das ist schwer zu verstehen und um es zu erklären fehlt mir die Zeit. Glaub es oder glaub es nicht.“

Ich bin verwirrt und unsicher. Lasse ich mich gerade von einem senilen Rentner verschaukeln oder soll ich diese Story glauben?  Aber eigentlich ist das völlig egal. Es ist unheimlich spannend und Spaß macht es auch. Mir fällt auf, dass der Landgraf schon weiter gegangen ist. Schnell laufe ich ihm hinterher.

Er steht an einem Fenster und schaut interessiert nach draußen.  „Was ist denn das dort draußen für eine Veranstaltung?“, fragt er mich und zeigt aus dem Fenster. Vor dem Schloss stehen Buden, Zelte und Bänke. Viele Menschen drücken sich durch das Gemenge hin zu einer großen Bühne. Ein großes Banner weist auf das Fest hin.

„300 Jahre Schloss und Parkanlage werden heute gefeiert“, lese ich es vor.

„Schön, dass die Nachwelt sich dafür interessiert. Aber weshalb sind so viele ausländische Gäste geladen?“

Ich schaue einmal quer über den Vorplatz, kann aber keine auffälligen Reisegruppen erkennen. Dann fällt mir auf, was er meint.

„Das sind alles deutsche Staatsbürger hier, wir haben uns gesellschaftlich stark gewandelt“, ich probiere ihm zu erklären, dass wir uns nicht mehr über Hautfarben definieren, sondern über unsere Grundeinstellungen gegenüber Demokratie und Grundrechten. Jedoch werde ich unterbrochen, da meine Stimme kaum noch zu hören ist. Von draußen kommt ohrenbetäubender Lärm. Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine Lawine an Menschen, die auf das Schloss zukommt. Ausgestattet mit großen Plakaten und Trillerpfeifen kommen diese immer näher. Der Versuch die Mikrophone lauter zu stellen, ändert nichts daran, dass die Worte des Ministerpräsidenten im Gebrüll versinken.

Aufgeregt schaut der Landgraf mich an.

„Ist das ein Bürgerkrieg? Solch ein Aufstand wurde zu meiner Zeit nicht geduldet. Warum kommen keine Soldaten?“ Er ist voll in seinem Element und glaubt mir nicht, dass wir sogar ein Recht auf Demonstrationen haben. Dann entdeckt er ein Plakat mit einem verunglimpften Bild von sich drauf.  Geistesgegenwärtig springt er aus dem geöffneten Fenster und eilt auf die Bühne. Die ganze Technik scheint ihn etwas zu überfordern, dennoch gelingt es ihm das Mikrophon zu aktivieren. 

„Das ist eine Schande“, brüllt er zornig. Plötzlich wird es ganz still.  „Was habt ihr törichtes Gesindel gegen mich?“, fragt er die Menge. Ein junger Mann erhebt sich und ruft ihm zu:

„Uns stört es, dass Personen und Figuren weiter geehrt werden, die eine fragwürdige Vergangenheit haben. Wir müssen uns im 21.Jahrhundert endlich von diesen Fesseln lösen und eine neue, offene Welt schaffen. Das geht aber nicht, wenn vieles weiterhin an altem haftet“, die Menge jubelt und klatscht. Der junge Mann führt seine Visionen weiter fort: „All die Denkmäler und Straßennamen müssen weg. Sie behindern unseren Fortschritt und grenzen weiter aus. Sie selbst haben ein Menschenbild geschaffen, das Ausbeutung und Ausgrenzung salonfähig gemacht hat! Ich brauche keinen Park nach ihrem Namen. Sie haben diese Welt nicht reformiert“, die Menge jubelt erneut und der Landgraf schaut nachdenklich geworden aus. Er lässt sich etwas Zeit bevor er antwortet. Ich hoffe er bringt das nicht zum Eskalieren. Denn die ersten Demonstranten nähern sich nämlich dem Landgrafen Denkmal und beginnen am Steinsockel zu hämmern.

„Ich habe sie für schlauer gehalten. Sie können Geschichte doch nicht verstecken. Wenn sie ihre Augen davor verschließen sehen sie etwas nicht, aber es hat doch trotzdem existiert. Aus Geschichte muss man lernen, dazu ist sie da. Das geht aber nur, wenn man sie auch kennt. All diese Namen, diese Statuen sollen mahnen und erinnern. Daran, dass es mal schlechtere Zeiten gab. Sie können Antrieb sein für eure Bemühungen! Niemand muss das alte bedingungslos gutheißen.“

 

Ob der Name des Landgrafens den Park in 100 Jahren noch ziert, wenn dieser wieder für einen Tag aus seinem Grab erwacht, ist ungewiss. Dass sein Todestag sich jährt, steht fest.

Ein dumpfes Grummeln aus der Ferne endet mit einem lauten Platschen. Wassertropfen landen auf meinem Gesicht. Mühevoll öffne ich meine Augen. Die ersten Sonnenstrahlen fallen vom Himmel, meine Kleidung ist ganz feucht.

 


 

2. Preis, 14-29 Jahre aus Hessen

Sofia Ledderhose

Elisabeth

In diesem Jahr ist alles anders. Ich hätte meine Konfirmation feiern und nach England reisen sollen. Aber ich durfte nicht: Wegen Corona und der Infektionsgefahr veranlasste die Politik Verbote zum Feiern mit vielen Leuten und Reisen ins Ausland. Mir wurde auch verboten die Schule zu besuchen. Diese Ferienverlängerung gefiel mir zuerst gut. Nach zweimonatiger Schulpause aber freute ich mich auf meinen einzigen Präsenzschultag pro Woche - immer donnerstags. Ja, ich beklagte mich sogar darüber, dass gleich mein erster Schultag ausfiel – wegen dem Himmelfahrts-feiertag am 21. Mai. Echt krass, ich hätte nie gedacht, dass ich mich jemals über freie Tage beklagen und die Schule vermissen würde. Aber in diesem Jahr ist eben alles anders. Dazu kommt das Homeschooling. Das finde ich eigentlich ganz cool, weil ich morgens lange im Bett bleiben kann und abends lange auf. Blöd nur, dass ich Physik und Chemie online noch weniger kapiere als im echten Unterricht. Meine Mutter hat da auch keine Ahnung, aber trotzdem checkt sie regelmäßig das Schulportal und die Homepage der Schule, um mich mit Aufgaben zu stressen. So wie mit dem Link auf der Homepage zu diesem Schreibwettbewerb. Ich hatte eigentlich keinen Bock drauf, zumal ich ja nicht so antik bin wie meine Eltern und schon zig Jubiläen gefeiert habe, über die ich schreiben kann. Aber meine Mutter nervte mich und fragte ständig nach, welches Jubiläum denn letztes Jahr an der Schule gefeiert worden wäre. Ich müsse das doch noch wissen! Nee, wusste ich nicht mehr. Es war ja keine große, laute Feier im Frühjahr 2019 gewesen. Ich dachte nach. Es hatte etwas mit der Namensgeberin meiner Schule zu tun gehabt. Todestag? Geburtstag? Ich schaute in meiner alten PoWi-Mappe nach und spulte meine Gedanken um ein ganzes Jahr zurück: Ich war 13, ging in die 7. Klasse an der Zierenberger Gesamtschule und war mit drei Mitschülern zu einer Gruppenarbeit eingeteilt worden. Wir sollten etwas über das Leben von Elisabeth Selbert herausfinden und ein Plakat machen. Ich wünschte, wir hätten über jemand Bekannteren wie z.B. Billie Eilish was machen können, die ist cool und von der gibt es wenigstens viele bunte Fotos im Internet. Aber Elisabeth Selbert? Wir fanden kaum Bilder. Kennen Sie Elisabeth Selbert? Elisabeth wurde 1896 zu einer Zeit geboren, als das Leben noch schwarz-weiß war. Oder grau wie auf den wenigen Fotos von ihr. Sie hatte drei Schwestern, und ihr Vater arbeitete im Gefängnis in Kassel. Man nannte dies eine bürgerliche oder kleinbürgerliche Familie. Ich würde heute „normal“ dazu sagen. Oder vielleicht auch eher arm, denn Elisabeth war schlau, gut in der Schule und wäre gerne Lehrerin geworden. Doch ihre Eltern hatten nicht genug Geld, um sie Abitur machen zu lassen. Das wäre ohnehin schwierig gewesen damals, denn die Mädchen wurden eher dazu erzogen, später Hausfrauen und Mütter zu werden. Elisabeth aber machte eine Ausbildung, arbeitete nach dem 1. Weltkrieg im Telegraphendienst und nahm an politischen Veranstaltungen teil. Sie heiratete einen SPD-Politiker, bekam zwei Kinder, holte ihr Abitur 1926 nach und studierte Rechtswissenschaften. 1930 wurde sie zum Dr. jur. promoviert mit ihrer Doktorarbeit „Zerrüttung als Ehescheidungsgrund“ und arbeitete als Rechtsanwältin. Ihr Mann kümmerte sich um die Kinder, sie verdiente das Geld für die Familie und mischte in der Politik mit. Nach dem 2. Weltkrieg wünschten sich die westlichen Besatzungsmächte ein föderal strukturiertes Deutschland. Die SPD-Politikerin Elisabeth Selbert wurde 1946 als Rechts- und Staatswissenschaftlerin erst in die Verfassungsberatende Landesversammlung in Wiesbaden und später in den Parlamentarischen Rat gewählt, um ab September 1948 in Bonn eine Gesamt-Verfassung für die westlichen Deutschlandteile zu erarbeiten. Sie wurde eine der „vier Mütter des Grundgesetzes“. Sie kämpfte für das, was für uns heute selbstverständlich ist: Gegen die Diskriminierung und für die Gleichberechtigung der Frauen. Von ihr stammt Artikel 3 Absatz 2 im Grundgesetz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Eigentlich ganz easy, aber damals war es das nicht. Damals, damit meine ich den 23. Mai 1949. Ein wirklich wichtiges Datum für Deutschland, für Frauen und Mädchen in Deutschland. Und für mich heute, 71 Jahre später.
Meine Schule feierte 2019 also den 70. Jahrestag des Gleichberechtigungsgrundsatzes von Elisabeth Selbert im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Dieses Jubiläum wurde so gefeiert, wie es Elisabeth auch gefallen hätte: Mit Gedenken an sie durch unsere Projektarbeiten über sie und ihre Arbeit, die sie selbst auch immer in den Vordergrund gestellt hat. Ohne große laute Feier. Leise erinnernd an die Werte des Grundgesetzes und den zweiten Satz des dritten Artikels. Echt cool, die Emanze Elisabeth.

 


 

1. Preis, Alle ab 14 Jahren

Sonja Dohrmann
Klassentreffen

Als vor vier Wochen der Brief ins Haus flatterte, traf mich die Einladung zum 25. Jahrestag unseres Schulabschlusses mit dem Foto auf der Innenseite mit voller Wucht. Dieser Jahrestag war doch kein Tag zum Feiern!

Meine ehemaligen Mitschüler, deren Namen mir fast alle noch im Gedächtnis waren, wurden von mir und meiner Zwillingsschwester flankiert. Meine Zwillingsschwester, die an dem Tag zum letzten Mal fotografiert worden war und die den darauffolgenden Tag nicht mehr erleben durfte, strahlte dem Fotografen entgegen. Meine Zwillingsschwester Süske, die ermordet worden war. Ich schaute mir das Foto genau an. Süske und ich hatten als kleine Kinder nie die gleiche Kleidung getragen, da unsere Mutter unsere Individualität unterstützen wollte, und auch als Jugendliche mochten wir diese Art Zwillingsuniform nicht. Dennoch hatten wir von unserer Patin zur Konfirmation eine gleich gearbeitete Kette bekommen, nur farblich unterschiedlich - Süske eine grüne aus Peridot und ich eine rote aus Granat. Zwischen den Edelsteinen waren in lockeren Abständen kleine Perlen und Silberplättchen eingezogen. Beide Ketten waren zeitlose Unikate, gefertigt von einer Goldschmiedin, die kunsthandwerklich wahre Meisterstücke fabrizierte. Auf dem Foto trugen wir diese Ketten. Merkwürdig, kaum einer aus der Familie hatte je den Verbleib dieser Kette angesprochen. Was war mit ihr geschehen? Hatte Süske sie an ihrem letzten Lebensabend verloren?

Ach, was schauten wir alle hoffnungsfroh in die Kamera.

Ich fragte mich, was die Jungs und Mädels meiner Klasse inzwischen machten. Sollte ich, um dies herauszubekommen, der Einladung folgen? Sollte ich jene Menschen treffen, von denen vielleicht einer Süske ermordet hatte? Aber was dachte ich denn da? Das konnte, das durfte nicht sein.

Meine ganze Familie war nach Süskes Tod weggezogen, zuerst ich nach Kiel zum Studieren und zum Vergessen, Jahre später meine Mutter und zum Schluss mein Bruder und auch mein Vater mit seiner neuen Frau. Wir konnten einfach nicht mehr in der Gegend leben, wo Süske erschlagen worden war. Ihr Mörder wurde nie gefasst. Die Polizei befragte damals alle Mitschüler, was sie nach der Abschlussfeier gemacht hatten, wer Süske zuletzt auf der Feier gesehen hatte. Es gab Verdächtige in unseren Reihen, doch der "Fall Süske" wurde nie aufgeklärt. Meine Klassenkameraden wussten nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollten und entzogen sich. Im Gegensatz zu damals kann ich dieses Verhalten heute sogar verstehen.

Trotz Widerwillen ging ich zum nächsten Briefkasten und warf zögernd meine Anmeldung ein. Abends ärgerte ich mich darüber  - nicht umsonst war ich nach der Schulzeit aus meinem Wohnort fortgezogen. Der Briefkasten war mittlerweile gelehrt worden.

Nun quälten mich vier Wochen lang Überlegungen und Fragen. Wie würde es sein, die alte Klasse zu treffen? Die ausgewählte Lokalität passte, warb sogar damit, die Gäste mit ihrem Interieur in die "Gute alte Zeit" zurückzuversetzen. Doch wollte ich das? Obwohl mich seit Süskes Tod nichts mehr mit meiner alten Heimat verband und ich mich nicht zurückerinnern mochte, tauchten vor meinem inneren Auge nach und nach die Protagonisten meiner Schulzeit auf. Zuerst Alfons, der allen Mädchen und besonders mir und Süske deutlich zu verstehen gab, mit ihm würde man eine gute Partie machen. Er trug jedem seine Meinung vor, nicht Liebe, sondern Geld sei langfristig das Bindemittel einer jeden Beziehung. Seinem Vater gehörte ein Fleischereibetrieb, den er eines Tages übernehmen und der seine Existenz sichern würde. Fleisch und Wurst würde schließlich immer gegessen. Alfons kam sich unwiderstehlich vor, doch ich ekelte mich vor ihm. Vor allem, wenn er in der Pause genüsslich in seine Leber- oder Blutwurststullen biss. Sicher würde er auf dem Klassentreffen von seinem gut gehenden Geschäft berichten. Womöglich würde Alfons süffisant fragen, ob ich tatsächlich noch arbeiten müsse. Dabei war es für mich seit Beginn des Erwachsenseins selbstverständlich, einer Arbeit nachzugehen, denn erst durch eigenes Geld ist Emanzipation wirklich möglich. Ich will frei und unabhängig sein und mich einer interessanten Tätigkeit widmen, die mein Leben bereichert und mit der eine Identifikation möglich ist.

Daraufhin fiel mir die magere Lotte ein, die auf dem Heimweg vom Abschlussfest meine tote Schwester am Ufer des Sees gefunden hatte. Ihr war am Straßenrand Süskes Fahrrad aufgefallen, weshalb sie mit ihrem Auto angehalten und nachgeschaut hatte. Lotte hatte meinen Eltern nach Süskes Beerdigung das Geld gegeben, was sie meiner Schwester angeblich noch schuldete. Die dünne Lotte, die sich nur von Obst, Gemüse und Light-Produkten ernährte, jeden Tag ins Fitness-Studio ging und sich ständig im Spiegel betrachtete. Wenn sie zunahm oder Pickel bekam, wurde sie hysterisch. Sie war überzeugt, nur superdünne und perfekt geschminkte Frauen hätten eine Chance, einen guten Mann abzubekommen. Gut bedeutete hautsächlich reich. Hatte sie sich einen vermögenden Mann angeln können? War sie auch heute noch so dürr?

Ich betrachtete tagelang immer wieder das Foto auf der Einladung. Zentral stand die schöne Bettina, die nur mit Tina angesprochen werden wollte. Süske und ich nannten sie früher gehässig "das Betthäschen". Tina hatte die Abschlussprüfungen nur gerade so eben bestanden, was sie allerdings nicht bekümmerte, denn sie war der Meinung, Klugheit allein würde einen auch nicht weiterbringen. Tina mit den langen Haaren und der sexy Figur konnte jeden Jungen haben, den sie haben wollte. Und sie wollte viele haben, vorzugsweise jene, die vergeben waren. Es ging ihr um das Austesten ihrer erotischen Anziehungskraft. Kaum hatte sie es geschafft, einen Mann von sich und ihren Qualitäten zu überzeugen und ein paar Edelmetallpräsente von ihm zu erhalten, war sie ihn bald überdrüssig. Süskes langjähriger Freund war der einzige Junge, den Tina nicht bekam, obwohl es an Anmachversuchen nicht mangelte. Dafür biss meine erste Liebe allerdings an. Es folgten theatralische Szenen, ich flehte meinen Freund an, uns eine Chance zu geben, flehte Tina an, mir meinen Liebsten zu lassen - ohne Erfolg. Daraufhin schallte tagelang aus meinem Zimmer, obgleich schon damals ein alter Hit, Marianne Rosenbergs "Marleen".

Nun tauchte im Geiste Torsten auf, der unglücklich in Süske verliebt war und mich deshalb in Mathe abschreiben ließ, weil er sich wahrscheinlich Hilfe von mir erhoffte. Als die Klasse vor den Prüfungen gefragt wurde, welche Ziele angestrebt wurden, bekam Torsten einen nicht enden wollenden Lachanfall, als ich angab, studieren zu wollen. So ein Idiot! Welchen beruflichen Weg er wohl eingeschlagen hatte? Ich könnte ihm mit Wonne meine akademische Laufbahn und die von mir ins Leben gerufenen Projekte, sozusagen meine geistigen Kinder, mit den herausragenden Auszeichnungen vorstellen. Doch wozu?

In der Schule wollte ich gerne dazugehören, doch niemand passte richtig zu mir, außer Jens. Ich sah ihn vor mir, den hübschen Jens. Wenn wir mit ein paar Leuten im See badeten, was heute kaum noch möglich ist, da der See immer mehr verlandet, spielte er Gitarre und sorgte zumeist für eine romantische Stimmung. Er reiste, war belesen und vielseitig interessiert. Er trank kaum, nahm keine Drogen und war trotzdem lustig. Mir fehlte der Mut, ihm meine Gefühle zu zeigen, zu ihm zu stehen, zu dem hübschen Jens, der stotterte.

Elli fehlte noch in den Erinnerungen. Sie wohnte früher in derselben Straße wie meine Familie. Ihre Eltern besaßen riesige Ländereien mit einem Wald, Fischteichen und einem alten Bauernhof. Elli wusste früh, dass sie nur einen Bauern heiraten und mindestens drei Kinder haben wollte, da Familie und Grundbesitz das Wichtigste auf der Welt sei. Zu der Zeit, wir waren wohl vierzehn, fünfzehn Jahre alt, da himmelte ich Ellis Bruder an. Als Elli dies bemerkte, fuhr sie mich an, Thies sei nichts für mich, schließlich käme ich nicht vom Bauernhof und hätte nicht die innere Haltung und das Blut einer Bäuerin. Verstört lief ich nach Hause. Mein Vater baute mich wieder auf, ich könnte mich selbstverständlich in jeden Jungen verlieben und heiraten, wen ich wollte - selbst so einen blöden Bauernjungen wie Thies. Dadurch bekam die Freundschaft zu Elli einen tiefen Riss und nach meinem Fortgang brach unser Kontakt ab. Kurz nach dem Beginn des Studiums berichtete meine Mutter von Ellis Hochzeit mit dem reichsten Landwirt aus der Gegend. In den folgenden Jahren schlossen sich Meldungen über fünf Geburten an. Was würde ich antworten, wenn sie nach meinen Kindern fragen würde? Was ging es sie an, dass ich keine hatte, dass ich zwei Fehlgeburten erlitten hatte und seit einer Krebserkrankung keine Kinder bekommen konnte? Ich hatte diese schwere Krankheit besiegt, war dem Tod von der Schippe gesprungen und durfte leben. So etwas erzählte man doch nicht auf einer Erinnerungsfeier, erzählte es doch keinem fremden Menschen – und die Menschen, die ich treffen würde, das waren doch Fremde. Was sollte ich denen erklären, wenn sie fragten, warum ich damals fortgezogen war. Damals, nach der Schule… nach… nach dem Mord an meiner Schwester.

Die vier Wochen waren fast vorbei, der Samstag rückte näher. Würden Alfons, Lotte, Tina, Torsten, Elli und die anderen ihre Erfolge zum Besten geben und diese mit Fotos belegen, die sie auf ihren Smartphones herumzeigten. Würden sie prahlend ihr Haus, ihr Auto, ihr Boot präsentieren? Oder hatten sie sich geändert? Hatte die Zeit sie emphatischer, respektvoller und weiser gemacht? Vielleicht. Hoffentlich! Warum wollte ich an dem Treffen teilnehmen? Musste ich etwas beweisen? Seht her, ich habe es geschafft, ich habe Süskes Tod überwunden und aus mir ist etwas geworden – ich bin wer und habe was! Beamtin, Ehemann, Geldanlagen, Auto, Haus, Hund… Nur, was würde dies über mich aussagen? Kaum etwas! Aussagekräftiger waren ganz andere Dinge, aber die erzählte man nicht auf solch einer Veranstaltung.

Bald ist Samstag. Werde ich zum Treffen fahren? Ja! Nein! Wenn ja… was wird mir das Klassentreffen bringen?

Ich bin spät dran, habe zwischendurch wieder umdrehen wollen, bin dann am See gewesen, genau an der Stelle, wo… Nun bin ich hier, höre Messer- und Gabelgeklapper. Die alten Klassenkameraden sind, fein herausgeputzt, schon am Essen. Es duftet appetitlich. Als mein Kommen bemerkt wird, drehen sich alle überrascht in meine Richtung, nicken und winken mir freundlich zu. Ich erwidere die Begrüßungen und steuere auf den letzten freien Platz neben der unverwechselbaren Bettina zu. Bettina mit den langen Haaren und der sexy Figur und einer… grünen Kette aus Peridot mit Perlen und Silber.

 


 

2. Preis, Alle ab 14 Jahren

Barbara Schilling
Der Nachbar

Die Glut seines Zigarillos ist deutlich zu sehen. Er steht auf seinem Balkon, wie stets leger in britische Pantoffeln und seidenen Morgenmantel gekleidet. Der Balkon, seine Bühne. Die Wohnung, ein Glücksfall. Hochparterre. Die Passanten sehen ihn, er auf sie hinunter.

Im Innern der Wohnung; deckenhohe Bücherregale, ausgesuchte Kunstdrucke und ein paar preiswerte Antiquitäten. Das Prunkstück ist die Bronzefigur. Schwer, glänzend, formvollendet.

Er mag seine Wohnung: Geschmackvoll, aber nicht luxuriös. Und dennoch als Singlewohnung genau auf seine Bedürfnisse abgestimmt. Musik, Kunst, Bücher - dazu südamerikanischen Kaffee, guten Grappa und Edelbitter-Schokolade. Seine Gedanken ziehen, kehren früher oder später immer wieder zurück zu seiner wunderbaren Liaison mit der Schriftstellerin von Format. Beeindruckender Werdegang. Beeindruckende Persönlichkeit, beeindruckende Beine.

Er lässt sich auf die Chaiselongue fallen und legt das Telefon zur Seite und lässt den Blick über die Bücherreihen wandern. Eines der Bücher, ein umfangreiches Werk adäquat mit Schutzumschlag und Lesebändchen versehen, ist von ihr. Ein gelungener Gesellschaftsroman. Sie vereint darin die drei Ps: Präzise, poetisch, packend. Er kannte das Buch, bevor er sie traf. Damals auf einer eher enttäuschenden Inszenierung Tristans. Nach Jahren der Suche und missglückter Affären hatte er sie in der Pause getroffen, ohne Begleitung und ohne Getränk. Er hatte für beides gesorgt und sie das zu schätzen gewusst. Obwohl verheiratet hatte sie seine Einladung zum romantischen Abendessen angenommen. Der Abend hatte sich gelohnt: Der Kellner war aufmerksam, die Unterhaltung geistreich, das Filet Mignon auf den Punkt und der Weg zu seiner Wohnung nicht weit. Seither trafen sie sich regelmäßig, meist montags und freitags.

Es war das perfekte Arrangement. Sie war kultiviert, belesen, hatte Stil. Bei ihr konnte er sein, wie er seine wollte. Ihre Zusammentreffen waren diskret, genussreich und zeitlich begrenzt. Das kam ihm zupass. Käuzchenschreien der Lust folgte zuverlässig: köstliche Ruhe. Zufrieden räkelt er sich auf dem Sitzmöbel. Er hat ein Auskommen.

Er ist flexibel. Sie hatte als Ehefrau und Autorin Verpflichtungen. Er war sich ihrer sicher. Ohne Ring. Ohne Versprechungen. Er war glücklich.

Er überlegt, ob er noch ins Feinkostgeschäft gehen soll. Ach was, sie haben Champagner - und sich, das genügt in der Regel.

Der Nachbar, er schließt für einen Augenblick die Augen, genießt sie, die ruhige, diese köstliche Stille. Dafür ist er dankbar. Dazu einen kleinen Grappa, er gießt sich ein Schlückchen in das zart geschwungene Glas ein, schnuppert, seufzt wohlig und lässt sich wieder in die handbestickten marokkanischen Kissen sinken. Er als Privatier. Keiner will etwas. Keiner stört. Das Handy ist ausgestellt. Allein selig machende Ruhe.

Das Türklingeln zerreißt die friedliche Atmosphäre wie ein wildes Tier. Ungehalten schlägt er auf die Armlehne, dann erhebt er sich seufzend und schlurft zur Tür. Wer stört?

Rote Haare leuchten ihm entgegen. Sie ist es. Verwirrt steht er im Türrahmen. Sie ist zu früh, es ist Nachmittag. Sie ist nie zu früh. Er schwankt einen Augenblick, fängt sich und beweist Contenance. Er bringt seinen Mund zum Lächeln. Entschlossen drängt sie sich an ihm vorbei, stellt sich mitten ins Zimmer und deklamiert: „Ich habe ein Buch geschrieben. Über uns. Offen. Schonungslos. Ehrlich “ Er weiß nichts zu antworten, nickt nur. „Es erscheint an unserem Jubiläum. Übernächste Woche schon …“

Sein Lieblingssessel ist der am Fenster. Ihrer auch. nach der Eröffnung setzt sie sich nun, drapiert ihr Haar über die Rückenlehne, schürzt die sinnlichen Lippen. Ihre Gestalt schmiegt sich an den edlen Bezug, und sie fährt fort, als säße sie vor großem Publikum. Sie eröffnet ihm, dass sie in diesem Buch alles offenlegt: Ihre Begegnungen, ihre geheimen Treffen, ihre Liaison, Namen, Daten, Fakten. „Es ist absolut athenisch“, schwärmt sie. Er schweigt betroffen.

„Mein Mann wird alles erfahren“, erklärt sie enthusiastisch. „Dann können wir endlich zusammensein.“ Er, der Nachbar im seidenen Morgenmantel, schluckt. Er lässt sich auf einen Stuhl sinken, wie ein Herbstblatt auf frostigen Boden.

„Das Buch ist im Druck. In zwei Wochen wird es in allen Buchhandlungen liegen.“ Ihre Begeisterung zieht in dicken Schwaden durch den Raum, verharrt unter der stuckverzierten Decke und sinkt schwer auf ihn hernieder. „Wir können uns jeden Tag sehen! Wir werden zusammenziehen.“ Ihr strahlendes Lächeln betont ihre Fältchen, ihr Glucksen ihren Busen.

Er liebt sie. Er liebt Wachteleier und Champagner. Aber nicht jeden Tag.

Wie in Watte gehüllt verbringt er den Nachmittag an ihrer Seite, legt viele Raucherpausen ein und starrt übers Balkongeländer auf den Gehweg. Seine Eloquenz kaschiert seine Sprachlosigkeit. Er bewegt die Lippen, formt Küsse und Geschichten, köpft Flaschen und blinzelt an den richtigen Stellen. Unter einem Vorwand aber bittet er sie, heute früher zu gehen. Sie weigert sich. Er insistiert. Sie schreit. Er hebt die Bronzefigur. Sie tobt.

Er lässt ihr die Sache durch den Kopf gehen. Sie fällt. Er wischt.

Erst schrittweise findet er zurück in die Realität: Im vertrauten Dunkel der Straße tritt er auf den Balkon hinaus. Nur Zigarillo und Handy begleiten ihn. Der schöne Schein der Laternen zeichnet den Weg in die Stadt vor. Er verfolgt ihn mit den Augen, ruft sich Bahnhof und Flughafen ins Gedächtnis und spürt einen leichten Stich des Bedauerns. Er checkt sein Konto, den Flugplan.
Das Display auf dem Handy leuchtet, als er die Kurzwahl drückt. Nach dem dritten Klingeln nimmt sein Freund das Gespräch an. „Ich brauche morgen eine Wohnung in Mexiko“, sagt er tonlos und nimmt einen tiefen Zug. “Parkett, Balkon, Hochparterre.“

 


 

Die Preisträgerinnen und Preisträger aller Wettbewerbe von 2002-2020:

 

2020 Thema:
Jubiläum

Altersgruppe: 14-29 Jahre aus Hessen bzw. geboren in Hessen
 

1. Preis
Paul Reiß, 19 Jahre
Ahnatal-Weimar

 

2. Preis
Sofia Ledderhose, 14 Jahre
Calden-Fürstenwald

 

 

Altersgruppe: Alle ab 14 Jahre

 

1. Preis
Sonja Dohrmann, 59 Jahre
Hamburg

 

2. Preis
Barbara Schilling, 42 Jahre
Potsdam

 

Die öffentliche Preisverleihung wurde wegen der Corona-Pandemie
abgesagt. Der Publikumspreis wurde deshalb nicht vergeben.
 

2019 Thema:
Neustart
Altersgruppe: 14-29 Jahre aus Hessen bzw. geboren in Hessen

1. Preis und Publikumspreis
Paul Reiß, 18 Jahre
Ahnatal-Weimar

2. Preis
Jana Liebel, 16 Jahre
Grebenstein


Altersgruppe: Alle ab 14 Jahre

1. Preis
Jochen Mariss, 64 Jahre
Bielefeld

2. Preis und Publikumspreis
Marlies Kalbhenn, 74 Jahre
Espelkamp

 
2018 Thema:
Glück

Altersgruppe: 14-29 Jahre aus Hessen bzw. geboren in Hessen

1. Preis und Publikumspreis
Marvin Hucke, 17 Jahre,
Fulda

 

2. Preis
Milan Weber, 25 Jahre,
Leun

 

 

Altersgruppe: Alle ab 14 Jahre

1. Preis und Publikumspreis
Anna Oldenburg, 68 Jahre,
Nürnberg

 

2. Preis
Renate Handge, 66 Jahre,
Velbert

2017 Thema:
Komische Vögel

Altersgruppe: 14-29 Jahre aus Hessen bzw. geboren in Hessen

1. Preis
Katharina Lazar, 25 Jahre,
Göttingen

 

2. Preis und Publikumspreis
Jonas Kuhn, 18 Jahre,
Vellmar


Altersgruppe: Alle ab 14 Jahre

1. Preis und Publikumspreis
Jens Deeg, 37 Jahre,
Leipzig

2. Preis
Dr. Marlene Bach, 56 Jahre,
Heidelberg

 

2016 Die besten Geschichten
der Jahre 2002-2015
zur Jubiläumsveranstaltung
anl. 15 Jahre Holzhäuser Heckethaler

 

1. Preis
Heidi Fasig, 38 Jahre,
Buchholz i.d. Nordheide

 

2. Preis
Matthias Lohr, 42 Jahre,
Kassel

 

2016 Thema:
Fünfzehn


(Vergeben wurden nur die 1. Preise)

Altersgruppe 14-30 Jahre:

1. Preis und Publikumspreis:
Leonie Fleige, 17 Jahre,
Coesfeld

 

Altersgruppe 31-50 Jahre:
1. Preis
Frauke Angel, 42 Jahre,
Dresden

 

Altersgruppe ab 51 Jahre:
1. Preis
Frank D. Badenius, 57 Jahre,
Stelle

2015

Thema:
Eine heitere Geschichte

Altersgruppe 14-30 Jahre:

1. Preis und Publikumspreis:
Jonas Zauels, 23 Jahre,
Bonn

2. Preis:
Josepa Gelfert, 26 Jahre, 
Meißen


Altersgruppe 31-50 Jahre:

1. Preis 
Heidi Fasig, 37 Jahre,
Buchholz i. d. Nordheide

2. Preis und Publikumspreis:
Martina Mittelberger, 48 Jahre,
Bludenz / Österreich



Altersgruppe ab 51 Jahre:

1. Preis und Publikumspreis:
Dr. Klaus Paffrath, 54 Jahre,
Elleben-Riechheim

2. Preis:
Christiane Röper
Iserlohn

 
2014 Thema:
Grenzerfahrung
Altersgruppe 14-30 Jahre:

1. Preis und Publikumspreis:
Marcus Kindlinger, 27 Jahre,
Wuppertal

2. Preis:
Katharina Stegen, 26 Jahre,
Tübingen


Altersgruppe 31-50 Jahre:

1. Preis und Publikumspreis:
Ralf Schwob, 48 Jahre,
Groß-Gerau

2. Preis:
Ulrike Eifler, 39 Jahre,
Marburg-Haddamshausen



Altersgruppe ab 51 Jahre:

1. Preis und Publikumspreis:
Marlies Kalbhenn, 69 Jahre,
Espelkamp b. Minden

2. Preis:
Elke Schneider, 74 Jahre,
Möser b. Magdeburg

 
2013

Themen:

Altersgruppe 14-30 Jahre:
20 - und nun?


 

 

 

 

 

 

Altersgruppe 31-50 Jahre:
40 - und nun?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Altersgruppe ab 51 Jahre:
60 - und nun?







 

Altersgruppe 14-30 Jahre:

1. Preis und Publikumspreis:
Eva Stadlbauer, 19 Jahre,
Wien

2. Preis:
Lily Beier, 24 Jahre, 
Gevelsberg



Altersgruppe 31-50 Jahre:

1. Preis und Publikumspreis:
Carola Plambeck-Lampe, 44 Jahre,
Hamburg

2. Preis:
Christina Reinemann, 31 Jahre,
Kassel



Altersgruppe ab 51 Jahre:

1. Preis und Publikumspreis:
Petra Kroner, 65 Jahre,
Frankfurt

2. Preis:
Clemens Füsers, 58 Jahre,
Berlin

2012 Ohne Themenvorgabe

Altersgruppe 14-30 Jahre:


1. Preis:
Anja Mäderer, 21 Jahre,
Würzburg

2. Preis:
Rebecca Richter, 20 Jahre, 
Dormagen

 

3. Preis und Publikumspreis:
Vera Buck, 26 Jahre, 
Zürich / Schweiz

 

 

Altersgruppe ab 50 Jahre:

1. Preis und Publikumspreis:
Birgitte Pokornik, 62 Jahre,
Plankenberg / Österreich

2. Preis:
Ingo Cesaro, 71 Jahre,
Kronach

3. Preis:
Paul-Albert Wagemann, 63 Jahre,
Berlin






 
2011 Ohne Themenvorgabe

Festansprache:
Dagmar Garbe u. Dr. Burckhard Garbe
Schriftsteller und Initiatoren
des Literatur-Nachwuchs-Preises
Altersgruppe 14-30 Jahre:

1. Preis:
Viktoria Schüßler, 25 Jahre,
Köln

2. Preis und Publikumspreis:
Rouven Hehlert, 27 Jahre, 
Trier

3. Preis:
Anne Südbeck, 25 Jahre, 
Göttingen



Altersgruppe ab 50 Jahre:

1. Preis:
Irma Krauß, 62 Jahre,
Buttenwiesen b. Augusburg

2. Preis:
Marlies Kalbhenn, 66 Jahre,
Espelkamp b. Minden

3. Preis:
Doris Bewernitz, 51 Jahre,
Berlin

3. Preis:
Stephan Sarek, 54 Jahre
,
Berlin
2010 Thema:
2020!?

Festansprache:
Eva Kühne-Hörmann
Hessische Ministerin
für Wissenschaft und Kunst
1. Preis:
Eva Siegmund, 27 Jahre,
Berlin

2. Preis und Publikumspreis:
Christine Nicole Schub, 28 Jahre,
Kiel

3. Preis:
Lilli Hölzlhammer, 18 Jahre,
München
2009 Thema:
Abgefahren

Festansprache:
Karl-Christian Schelzke
Geschäftsführender Direktor
des Hessischen Städte- u. Gemeindebundes
1. Preis und Publikumspreis:
Fleur Chantal Möller, 18 Jahre, Immenhausen-Holzhausen

2. Preis:
Clarissa Gerhardy, 15 Jahre, Katlenburg

3. Preis und Publikumspreis:
Andreas Stichmann, 26 Jahre,
Leipzig
2008 Thema:
Atemlos

Festansprache:
Klaus-Dieter Fischer
Präsident des SV Werder Bremen
1. Preis:
Roman Schaupp, 28 Jahre,
Ellwangen

2. Preis:
David Vondracek, 24 Jahre, Fahrenzhausen

3. Preis und Publikumspreis:
Henrik Lode, 28 Jahre,
Berlin
2007 Thema:
Ein Fest

Festansprache:
Alfred Hartenbach
Parlamentarischer Staatssekretär,
Mitglied des Deutschen Bundestages
1. Preis:
Nadine Jansen, 30 Jahre,
Köln

2. Preis u. Publikumspreis:
Katharina Flemming, 25 Jahre,
Leipzig

3. Preis:
Wildis Streng, 28 Jahre,
Karlsruhe
2006 Thema:
Warum eigentlich nicht?

Festansprache:
Bischof Prof. Dr. Martin Hein
1. Preis:
Carola Gruber, 23 Jahre,
Hildesheim
 
2. Preis:
Christoph Aistleitner, 24 Jahre,
Graz / Österreich

3. Preis:
Mareike Schneider, 25 Jahre, Hildesheim
2005

Thema:
Träume

Festansprache:

Dr. Werner Neusel
Regierungsvizepräsident

1. Preis:
Anna-Pia Kerber, 20 Jahre,
Ehrenberg 

2. Preis:
Julia Albrecht, 30 Jahre,
Elmshorn 

2. Preis:
Christina Kühnl, 21 Jahre,
München
2004 Thema:
Toleranz

Festansprache:
Horst Seidenfaden
Chefredakteur der HNA
1. Preis:
Carolin Brandl,
Ingolstadt 

1. Preis:
Melanie Schade,
Northeim 

3. Preis:
Claudia Schuler,
Werther 


3. Preis:
Katja Kutsch, 27 Jahre,
Hürth
2003

Thema:
Schattenwelten

Festansprache:
Dr. Udo Schlitzberger
Landrat des Landkreises Kassel

 

1. Preis:
Pascal Schäfer,
Blieskastel
 
2. Preis:
Gerald Gries, 23 Jahre,
Hamburg 

3. Preis:
Julie Tina Leuze,
Stuttgart
2002 Thema:
Dorfleben
1. Preis:
Matthias Lohr, 28 Jahre,
Bad Zwesten
 
2. Preis:
Heiko Paulheim, 25 Jahre,
Hofgeismar
 
3. Preis:
Gerald Gries, 22 Jahre,
Hamburg

 

 

Publikationen zum Literatur-Preis:

Holzhäuser Heckethaler - Die besten Geschichten 2002-2003 - Band 1
Prolibris Verlag,1. Auflage 2004, ISBN 3-935263-21-X.
Preis: 10,00 €


Nach zwei Jahren Literaturwettbewerb "Holzhäuser Heckethaler" zieht diese Anthologie eine erste Bilanz. 29 Beiträge wurden für diesen Band ausgewählt und zeigen eine überraschend bunte Vielfalt. So kontrastreich wie die beiden Themen Dorfleben (2002) und Schattenwelten (2003) fielen auch die Texte aus. Von  kommerziellen Ansprüchen noch weitgehend ungefiltert, gehen die jungen Autoren die vorgegebenen Themen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln an. Das Spektrum reicht von spannend bis provokativ, von witzig bis todernst und streift dabei so unterschiedliche Literaturgenres  wie Märchen, Krimi, Glosse, Fantasy und Satire. Das Ergebnis ermutigt zum Weitermachen.

Prolibris Verlag Rolf Wagner, Kassel - Tel. 0561/7664490 - Fax 0561/76644929 - www.prolibris-verlag.de

Holzhäuser Heckethaler - Die besten Geschichten 2004-2006 - Band 2
Prolibris Verlag,1. Auflage 2007, ISBN 978-3-935263-52-8.
Preis: 10,00 €

 

Die Anthologie umfasst die 28 besten Wettbewerbsbeiträge von 2004 bis 2006 zu den Themen Toleranz (2004), Träume (2005) und Warum eigentlich nicht? (2006). Das Buch zeigt wieder eine überraschende Vielfalt, sich diesen Sujets zu stellen, und lässt die Leserinnen und Leser einige literarische Entdeckungen machen.

 

Prolibris Verlag Rolf Wagner, Kassel - Tel. 0561/7664490 - Fax 0561/76644929 - www.prolibris-verlag.de

 

 

 

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