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Dr. Martin Doerry zu Gast in Immenhausen

Lesung aus seinem neuen Buch „Lillis Tochter“

 

Bereits zum vierten Mal war Dr. Martin Doerry am vergangenen Sonntag in Immenhausen zu Gast. Nach bisher 3 Lesungen aus seinem Buch „Mein verwundetes Herz“ über seine Großmutter Lilli Jahn hat er nun aus seinem neuen und erst im September 2023 erschienenen Buch „Lillis Tochter“ über seine Mutter Ilse erzählt.

 

Großes Interesse an der Lesung

 

Dass die Familie Jahn zur Immenhäuser Geschichte gehört, zeigt sich auch an dem großen Interesse an dieser Veranstaltung. Bereits im Vorverkauf wurden zahlreiche Karten verkauft und auch der Ansturm an der Abendkasse war unerwartet hoch, sodass sogar noch einige Stühle nachgestellt werden mussten und die Empore kurzfristig geöffnet wurde.

 

Insgesamt waren ca. 320 Zuhörer/innen in der Jahnturnhalle zu Gast, die gespannt und interessiert Dr. Martin Doerry‘s Worten aus seinem neuen Buch lauschten. Auch mit seinem neuen Werk schafft es Dr. Martin Doerry wieder einmal, das tragische Schicksal seiner Familie, welches leider kein Einzelschicksal in Deutschland war, mitfühlend darzustellen.

 

Nach der ca. 45-minütigen Lesung hatten die Zuhörer/innen Gelegenheit, in einer Fragerunde noch mehr über Dr. Martin Doerry und sein neues Buch zu erfahren. Hier erläuterte Dr. Martin Doerry unter anderem, dass sein Motiv für das neue Werk nicht mehr nur politisch ist, so wie es bei seinem ersten Buch war, sondern nun auch viel mehr eine Reflektion seiner persönlichen Entwicklung ist.

 

Bürgermeister Lars Obermann ist erfreut über den erneuten Besuch von Dr. Martin Doerry in Immenhausen und das große Interesse an der heutigen Veranstaltung. Seine Begrüßungsrede ist weiter unten abgedruckt.

 

Jubiläumsbaum für Familie Jahn

 

Auf dem Weg vom Bahnhof zur Jahnturnhalle konnte Bürgermeister Lars Obermann Herrn Dr. Doerry noch den gepflanzten Baum zeigen. Am Kreisel wurde im Rahmen der Aktion „900 Jahre - 900 Bäume“ anlässlich des Jubiläumsjahres ein Baum für die Familie Jahn gepflanzt.

 

Mit dem Baum sollen die Erinnerung an das Schicksal der Immenhäuser Familie im Nationalsozialismus aufrechterhalten werden. Bürgermeister Lars Obermann dankt den Stadträten André Rittner und Wolfgang Rüdiger für die Idee und Pflanzung des Baumes.

 

Begrüßungsrede von Bürgermeister Lars Obermann:
 

„Sehr geehrter Herr Dr. Martin Doerry,

sehr geehrte Besucherinnen und Besucher,

 

zu allererst möchte ich sagen, dass ich hocherfreut bin, Sie alle heute hier auch im Namen des Stadtverordnetenvorstehers Carsten Siebert zu der Lesung „Lillis Tochter“ von Dr. Martin Doerry begrüßen zu können. Schön, dass Sie da sind.

 

Lieber Herr Dr. Doerry, nach 2002, 2017 und 2022 sind Sie mit der heutigen Lesung das 4. Mal in unserer Stadt zu Gast. Ich freue mich sehr, dass sie nach Herausgabe ihres neuen Buches über das Leben ihrer Mutter Ilse sofort zugesagt haben und nach der Lesung in Vellmar am 21.09.2023 nun zum 2. Mal seit Erscheinen des Buches in Nordhessen zu Gast sind.

 

Schon bei ihrem letzten Besuch in Immenhausen sprachen wir darüber, dass der Name unserer Stadt für Sie und Ihre Familie mit furchtbaren Erinnerungen verbunden sein muss. Nachdem ich das Buch „Lillis Tochter“ gelesen habe, spielten sich in meinem Kopf bestimmte Szenen ab, wie es Ihrer Mutter in dieser Zeit in unserer Stadt ergangen sein muss. Immenhausen ist in Ihrem Buch wahrscheinlich über 200 Mal namentlich erwähnt. Verschiedene Ereignisse hier, auf die Sie auch in ihrer Lesung gleich noch eingehen werden, sind eindrucksvoll beschrieben und haben bei mir beim Lesen eine große Traurigkeit und Fassungslosigkeit ausgelöst. Ich möchte eine Passage auf Seite 104 zitieren:

 

„Immenhausen war bis auf ein paar kleinere Bombeneinschläge ohne schlimme Zerstörungen durch den Krieg gekommen. Aber seine Bewohner waren von den Schrecken und Ängsten der letzten Jahre gezeichnet. Lillis Kinder hatten zunächst noch gehofft, dass sie von ihren Nachbarn mit offenen Armen aufgenommen werden würden, nun, da die Jahre der Ausgrenzung und Diskriminierung ein Ende haben sollten. Doch niemand interessierte sich für ihr Schicksal oder entschuldigte sich gar für das, was man ihnen und ihrer Mutter angetan hatte.“

 

Mir fehlen hierzu die Worte. Wie konnten Menschen damals nur so gleichgültig sein?  Wann hat diese absurde Einteilung der Menschheit in höher-  und minderwertig aufgrund von Ethnie, Glaube, Hautfarbe oder was dem nächsten Diktator einfallen mag endlich ein Ende? Die damalige Zeit war ohne Zweifel das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte hier bei uns in Immenhausen. 

 

Ich setze mich hier und heute dafür ein, dass diese Zeit nie wiederkommt. Die letzten Wahlergebnisse zum Hessischen Landtag und insbesondere auch in unserer Stadt haben mich erschrecken lassen. 760 Bürgerinnen und Bürger aus unserer Stadt haben die AFD gewählt. Das sind knapp 20 %. Im Wahlbezirk 13 (Innenstadt) war die AFD sogar stärkste Kraft mit 29,8 % der Stimmen. Was läuft hier falsch?

 

Wir dürfen daher nicht aufhören, über die damalige Zeit des Nationalsozialismus zu informieren und zu berichten, welch schlimme Gräueltaten damit verbunden waren.

 

Sie, Herr Dr. Doerry können stolz auf Ihre Mutter sein. Es ist bewundernswert, wie Ihre Mutter in jungen Jahren schon so eine große Verantwortung für Ihre drei jüngeren Geschwister übernommen hat und mit der Gesamtsituation umgegangen ist. Es ist bewundernswert, wie Ihre Mutter die weiteren Anfeindungen und den Antisemitismus auch nach dem Krieg, selbst in der Familie ihres Vaters, erlebt und verarbeitet hat.

 

Obwohl sie in jungen Jahren mit Sicherheit auch Karriere und beruflichen Erfolg gehabt hätte, hat sie zugunsten der Karriere ihres Mannes darauf verzichtet. Sicherlich und das führen Sie in Ihrem Buch ja auch aus, haben diese fürchterlichen Ängste, Beleidigungen und Ausgrenzungen in der Jugend und auch danach tiefe Wunden hinterlassen, was später bei Ihrer Mutter zu Depressionen geführt hat. In jedem Fall ist es Ihrer Mutter trotz aller Widrigkeiten und Unwägbarkeiten gelungen, ein großartiges Erbe zu hinterlassen, denn Sie haben dafür gesorgt, dass die Geschichte Ihrer Großmutter und Mutter nicht in Vergessenheit geraten ist und gerät. Mit der Veröffentlichung der Bücher ist Ihnen das eindrucksvoll gelungen. 

 

Mir war und ist es wichtig, die Erinnerung an die bewundernswerte Frau Dr. Lilli Jahn und ihre Familie wachzuhalten. Bereits in 1995 wurde eine Straße in Immenhausen nach ihr benannt. 1999 folgte die Namensgebung für die Grundschule. Auch Stolpersteine und Gedenktafeln wurden als äußeres Zeichen der Erinnerung verlegt bzw. angebracht. Unsere Stadt wird dieses Jahr 900 Jahre alt. In diesem Rahmen sollen 900 Bäume gepflanzt werden. Gestern haben wir für viele sichtbar einen Baum, und zwar den Baum des Jahres 2024, eine Mehlbeere, in Gedenken an Dr. Lilli Jahn am Kreisel gepflanzt. Danke an die Stadträte André Rittner und Wolfgang Rüdiger für die Idee zu dieser Aktion. Jetzt ist für viele sichtbar, dass hier der Name Immenhausens mit Ihrer Großmutter und Familie eng verbunden ist. Wiedergutmachung ist unmöglich, Erinnerungen wachzuhalten ist deshalb unsere Aufgabe.  

 

Dass Sie, lieber Herr Dr. Doerry, gerade jetzt nach Immenhausen gekommen sind, wo ein Teil Ihrer Familie in Israel in ständiger Angst lebt, ehrt Sie sehr. Hoffen wir, dass dieser sinnlose Krieg in Israel bald ein Ende haben wird.

 

Ich werde den Namen Ihrer Großmutter Dr. Lilli Jahn und Ihrer Mutter Ilse Doerry immer mit größtem Respekt ehren und Sie, Herr Dr. Martin Doerry, sind in unserer Stadt stets ein willkommener Gast. Ich bedanke mich nochmals für Ihr heutiges Erscheinen.

 

Noch zwei Hinweise an dieser Stelle:

Bitte schalten Sie ihre Handys auf lautlos.  Einen etwaigen Erlös der heutigen Veranstaltung werden wir der Gedenkstätte Breitenau übergeben.

 

Ich darf Sie nun bitten, Herr Dr. Doerry die Lesung zu beginnen. Im Anschluss an die Lesung wird Herr Dr. Doerry mit Ihnen noch ins Gespräch kommen und er wird natürlich auch noch Bücher signieren. Ich danke dem Büchereck in Vellmar und der Stadt- und Schulbücherei für den Vorverkauf und den eingerichteten Büchertisch und dem Bediensteten der Verwaltung, Pascal Göhl sowie meiner Familie und Melanie Römer für die Mithilfe bei der heutigen Veranstaltung.

 

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“

Fotoserien

Lesung mit Dr. Martin Doerry aus seinem Buch "Lillis Tochter" (SO, 19. November 2023)

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Di, 21. November 2023

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