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Holzhäuser Heckethaler - Texte der Preisträger

Die Texte der Preisträger der Literaturpreise seit 2022


Quicklinks:

 


2025 - 23. Holzhäuser Heckethaler

Wettbewerb 1: Alle Altersgruppen ab 14 Jahren im deutschsprachigem Raum

 

Thema: Aufgeben gibt's nicht

 

1. Preis & Publikumspreis: Maja Kaul, Kassel
 

Hildes Bilder

April 1936


Liebe Oma Maria,


Wie erging es dir in der letzten Zeit? Hast du viel mit deinen Schwestern unternommen?


Ich hoffe inständig ihr konntet eure Bücher besorgen und bereits einige Zeilen lesen!


Ich habe mich heute an das Büchlein getraut, dass du mir bei deinem letzten Besuch schenktest.


Nun habe ich einige Seiten gelesen und ich musste feststellen, dass der Autor kecke Zeilen verfasst!


Ich weiß ja, wir sollen nicht darüber sprechen, und doch empfinde ich ein drängendes Bedürfnis, mich mit dir als der Einzigen, die meine Ansichten teilt, zu verständigen!


Kästner schreibt famos über den Wandel der Gesellschaft! Allein seine Worte zum Thema Totalität und Repression sind bewundernswert! Wie vermagst du es nur, seine Werke zu erreichen? Erst vor einigen Wochen erfuhr ich, dass seine Erzählungen mit den vielen anderen verbrannt werden sollen!


Sag, Oma Maria, denkst du ebenfalls so, wie Kästner es tut? Sag, hast du keine Angst, dass man deine Papier-Schätze in der Bibliothek findet?


Mutter und Vater beobachten seit Tagen unsere jüdischen Untermieter. Sie haben ihre Miete erhöht, jedoch nicht die der anderen. Ich frage mich, ob das mit Hitler zu tun hat. Mein Vater hat ein Bild von ihm in der Küche aufgehangen. Der Blick dieses Mannes auf Papier geht mir durch Mark und Bein. Ich hoffe zutiefst, ihm nie gegenüberzustehen.


Ein Freund aus der Schule wurde heute geprügelt, weil er eine Hose trug, die aussah wie ein Rock. Sie riefen Schwuchtel zu ihm.


Die Umstände in unserem Land machen mir große Angst. Aber Herr Kästner zeigt, dass es wichtig ist, selbstständig zu denken. Hilfst du mir dabei?


Meine Sorge steigt mit deiner. Lass mich schnellstmöglich wissen, ob es euch gut geht!


In der Schule lese ich natürlich keines der verbotenen Bücher. Man könnte ja meine Eltern benachrichtigen! Und Gott bewahre uns, das wäre nicht gut, das wissen wir beide.


Bitte schreibe mir bald zurück und lass auch den Opa Karl ein wenig zu Wort! Wir werden eine Lösung finden für diese Welt, das verspreche ich dir.


In Liebe,
Deine Enkelin Hilde


März 2021


Liebe Oma Hilde,
 

Deine Augen werden immer schlechter, habe ich von Opa gehört: Pass auf dich auf, beim Radfahren! Immerhin haben sie dir schon deinen Führerschein weggenommen!


Ich kann übrigens immer noch nicht glauben, dass du dir kein Handy holen willst! Immer sitzt du bei deinen Büchern, als gäbe es nichts Besseres auf der Welt! Hast du nicht letztens erzählt einige davon sind fast hundert Jahre alt? Naja, dann schreiben wir eben weiter Briefe. Ich würde auch lügen, wenn ich sagen würde, ich lese deine Texte nicht gern <3…


Sag mal hängen bei euch auch überall Plakate? Hier in Berlin sind alle Flächen damit tapeziert! Überall steht Klimastreik am 09.04.! oder sowas wie Fehlstunden statt Klimawandel!.


Letztes Mal war ich bei dem Streik dabei und dieses Mal werde ich wieder gehen! Weißt du noch, als wir einmal zu zweit waren? Alle haben dich seltsam angeguckt, weil niemand damit gerechnet hat eine Seniorin dort zu sehen. Wenn ich daran zurückdenke, muss ich lächeln. Das war ein schöner Tag mit dir!


Ich finde es schade, dass du dieses Mal nicht zu Besuch bist, um mitzukommen! Du hast doch selbst gesagt, wir müssen dringend dafür Sorgen, dass es nicht noch schlimmer wird!


In meiner Schule gucken alle immer doof, wenn ich ihnen sage, dass sie bitte zum Streik kommen sollen…


Aber mal ehrlich: Wenn unsere Welt kaputt geht, dann gibt es doch keinen Grund in den Unterricht zu gehen! Keine Welt, kein Leben! Das waren deine Worte, und du hast schon lange gelebt, du musst es ja wissen, oder nicht?


Ich freue mich auf den Streik! Ich freue mich darauf, für meine Zukunft zu kämpfen!


Danke übrigens für das Buch, dass du mir geschenkt hast! Ich glaube ich mag Erich Kästner. Er versteht, was mit der Welt kaputt ist.


Schreib bald! Und überleg dir das mit dem Handy!


Ich habe dich lieb.


Deine Sarah


September 1942
 

Liebe Oma Maria,
 

Aus der Schule verschwinden immer mehr Juden, und keiner kehrte bisher zurück. Ich mache mir große Sorgen auch um dich! Du schriebst in deinem letzten Brief etwas von Flugzetteln und Schriften für die Toilettentüren in den Schulen und Kirchen. Willst du kämpfen? Ich werde dich unterstützen, wenn dem so ist!


Verpacke mir ein paar der Papiere und ich werfe sie die Treppen des Rathauses hinunter!


Immer habe ich dein Büchlein dabei, und wage es einer mich damit zu erwischen! Eher sterbe ich, als es herzugeben. Es bei mir zu tragen ist meine eigene Rebellion.


Unsere Untermieter sind ausgezogen. Nach Amsterdam wird in der Schule gemunkelt.


Mein Bruder spricht von nichts anderem mehr als seiner Jugend. Gestern hat er mein einziges Bild, dass ich von mir und dem Freund, von dem ich dir erzählte, habe, zerrissen und in den Müll geworfen.


Der Freund ist auch verschwunden. Wohin weiß ich nicht. Ich werde ihn suchen gehen, sobald ich die Schule abgeschlossen habe.


Gott behüte dich,
Deine Enkelin Hilde.


Dezember 2024


Liebe Oma Hilde,


Tut mir leid, dass ich erst jetzt schreibe… Ich bin seit Tagen völlig durcheinander… Bald stehen die Prüfungen an und ich kann mich absolut nicht darauf konzentrieren, weißt du?


Das mit Großtante Katharina tut mir leid… Ich weine mit dir, hoffentlich geht es ihr, da wo sie jetzt ist, besser und ich hoffe die Beerdigung war schön. Ich schicke dir mit meinen Eltern noch ein Packet und komme dann im neuen Jahr vorbei, um dir Gesellschaft zu leisten. Und nein, du brauchst gar nicht sagen, dass es dir gut geht, Trauer zu fühlen ist wichtig, weißt du? Und ich trauere mit dir, wenn du möchtest.


Doch Katharina ist nicht der einzige Grund, warum du traurig bist, oder? Ich habe in deinem letzten Brief gelesen, dass du dir Sorgen wegen Amerika machst… Naja, ich wiederhole mich, aber es tut mir so so leid, Oma Hilde!


Jetzt waren die Wahlen und wir haben alle bis zum letzten Staat noch gehofft. Bis zur Entscheidung habe ich die Daumen gedrückt und dann ist es passiert: Es sind die Republikaner. Trump.


Mein Herz tut so weh, Oma! Ich möchte seit Tagen nur noch weinen. Denn weißt du, jetzt wird alles nur noch schlimmer! Unserer Welt wird es immer schlechter gehen und den ganzen Menschen, die nicht weiß und männlich sind auch. Dabei haben wir so viel demonstriert! Für unsere Zukunft, für die Welt, für uns!


Ich fühle mich so hilflos!


Aber weißt du, was das Schlimmste ist? Naja, ich weiß, dass du es weißt, aber ich muss doch mit dir darüber reden!


Seit dem Umzug fällt es mir auf. Überall hängen diese Sprüche und Zettel… Überall lese ich, dass Ausländer raus sollen und dass das traditionelle Familienbild das richtige ist. Jeden Tag höre ich das Wort Remigration. Jeden Tag geht es um eine neue Deportation.


Ich habe so Angst! Ich dachte wir wollten alle als Kollektiv nicht, dass Trump gewinnt! Wieso wählen wir hier im eigenen Land dann so schrecklich?


Was habt ihr damals gemacht? Du hast mir doch erzählt, dass du damals auch so Angst hattest. Damals im zweiten Weltkrieg. Oma, das darf sich nicht wiederholen! Du bist doch meiner Meinung, oder Oma? Oder?


Ich habe dich lieb,
Deine Sarah


Februar 2025
 

Liebe Sarah,


Es tut mir leid zu hören, dass du solche Sorgen hast. Und ja, ich habe sie auch. Denn so etwas wie damals darf nie wieder passieren! Damals habe ich auch mit meiner Großmutter darüber gesprochen. Ich hätte mich gefreut, wenn du sie kennengelernt hättest! Sie besaß eine Bibliothek voller Bücher und half mir auch nach dem Krieg, als mein Bruder nicht wiederkehrte und mein bester Freund im Konzentrationslager ermordet wurde. So etwas darf nicht passieren. Nie wieder, hörst du?!


Ich habe damals nichts getan und ich bin nach wie vor enttäuscht über mich selbst. Denn wer nichts tut, steht auf der Seite der Gegner.


Ich hörte eben im Fernsehen „Nie wieder ist jetzt“ und ich stimme dem gänzlich zu!


Nie wieder sind wir in der Lage, das Jetzt zu ändern. Das können wir nur jetzt tun.


Ich habe dir in das Päckchen Flugblätter gepackt. Darauf steht der Spruch. Sei so lieb und hänge es in deiner Schule auf. Ich habe keine Kraft selbst loszugehen. Aber du kannst etwas tun! Nie wieder ist jetzt, mein Schatz! Wir geben die Hoffnung nicht auf. Es ist möglich, wenn du daran glaubst! Also lass uns daran glauben!


Ich wünsche dir das Beste,

Gott behüte dich und deine Freunde,
Oma Hilde


August 2026


Liebe Oma Hilde,


Das ist schon der vierte Brief, den ich dir schreibe. Ich kann nicht aufhören mich zu entschuldigen. Also entschuldige bitte, dass wir es nicht geschafft haben. Ich hätte gerne mehr getan. Für dich, für uns, für die Welt. Aber es ist vorbei.


Es ist schrecklich, wie unsere Leben einfach weitergehen.


Jeden Tag verschwinden mehr Menschen aus der Schule und bisher ist niemand zurückgekommen. Ich bin blond und habe blaue Augen, ich werde nicht deportiert. Und ich hasse dieses Privileg!


Aber ich kann es nutzen, so sehr es auch wehtut! Wir haben eine Gruppe gegründet, um zu demonstrieren! Auch, wenn es uns verboten wurde. In unserem Raum hängen deine Flugblätter und ein Bild von dir. Dein Blick darauf ist so herzlich und warm. Er gibt uns Hoffnung!


Ich führe deine Idee fort, Oma Hilde, umd wenn es alles ist, was ich tun kann.


Auch, wenn ich dich mehr brauche, denn je, bin ich froh, dass du diese Schreckenszeit kein zweites Mal erleben musst.


Ich habe die Briefe gefunden, die du deiner Oma geschickt hast. Ich behalte sie in einer kleinen Box unter meinem Bett. Zusammen mit dem zerrissenen Bild von dir und deinem Freund.


Ich gebe niemals auf für uns zu kämpfen! Ich gebe niemals auf, für dich und ihn zu kämpfen!


Liebe Oma Hilde, ich vermisse dich.
Deine Sarah.

 


 

2. Preis: Petra Zeil, Neuried
 

...und pusten alle Schirmchen fort

Ronja nahm ein Blatt Papier und begann, es zu falten.


Überrascht wischte sich Gilbert die Tränen weg und sah ihr zu. Er war froh, dass sie ausgerechnet jetzt in sein Kinderzimmer gekommen war. Ronjas Hände bewegten sich schnell und geschickt. Sie dufteten immer nach Lavendelseife, und heute außerdem nach den Pfannkuchen, die Ronja fürs Abendessen gebacken hatte. Gilberts Magen knurrte, obwohl er so traurig war. Wenn Ronja da war, gab es oft Pfannkuchen, weil Gilbert und die anderen Kinder die so gerne mochten.


Ein Faltfrosch, dachte Gilbert zuerst.


Aber es war ein Papierboot.


Ronja schob die Schulhefte und die Stifte auf Gilberts Schreibtisch ein wenig zur Seite, sodass Platz für das Boot war. Dann nahm sie einen grünen Glitzerstift und schrieb damit „Gilberts Mama“ auf das Boot.


Gilbert wurde ganz still. Plötzlich fühlte er sich irgendwie hoffnungsvoll. Trotz allem.


„Komm“, sagte Ronja und streckte ihm die Hand hin. „Wir gehen hinunter an den Bach.“


Gilberts Herz schlug wie wild, als er an Ronjas Hand die Treppe hinabstieg. Nicht aufgeben, schlug es. Nicht aufgeben!


Der kleine Bach floss ganz hinten am Garten der Einrichtung vorbei, in der Gilbert lebte. Einrichtung. Man nannte es nicht mehr Heim. Doch für Gilbert machte das keinen Unterschied. Er war fast acht Jahre alt und lebte schon seit viereinhalb Jahren in der Einrichtung. Gemeinsam mit den anderen Kindern, die keine Eltern mehr hatten. Weshalb Gilbert keine Eltern mehr hatte, mochte er lieber nicht erzählen. Doch sie fehlten ihm sehr. Besonders seine Mutter.


In der Einrichtung zu leben war nicht so schrecklich, wie man meinen könnte. Das Haus, in dem die Einrichtung untergebracht war, war groß und hell und voller Spielzeug. Im Garten gab es ein Tipizelt, eine Schaukel und eine Rutsche ins Planschbecken. Die anderen Kinder waren nett zu Gilbert, und am nettesten waren Ronja, Dilara und Jaël, die drei Erzieherinnen, die abwechselnd bei den Kindern in der Einrichtung wohnten.


„Wann hast du es zum ersten Mal bemerkt?“, fragte Ronja auf dem Weg nach draußen.


„Gestern Morgen nach dem Frühstück“, sagte Gilbert und seufzte tief. Aber es war ein gutes Seufzen. So, wie wenn man hofft. Wie wenn man hofft, dass Ronja helfen kann.


„Dann ist es noch nicht zu spät“, sagte Ronja. „Ganz sicher nicht!“


Das Schlimme war: Je länger Gilbert in der Einrichtung lebte, desto mehr verblasste das Bild seiner Mutter, das er in seinem Herzen trug, seit er denken konnte. Und gestern war der Tag gekommen, an dem er es gar nicht mehr hatte erkennen können. Da war Gilbert entsetzlich erschrocken. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie seine Mutter ausgesehen, wie sie sich angefühlt, wie sie gerochen und wie ihre Stimme geklungen hatte!


Schnell hatte er das Fotoalbum aus dem Regal neben seinem Bett geholt und es aufgeschlagen.


Da war es wieder! Das Bild seiner Mutter! Jetzt konnte er sich wieder haargenau an sie erinnern. Beinahe hätte er vor Erleichterung geweint. Er schlug das Album zu, stellte es zurück ins Regal und war wieder fröhlich.


Doch am nächsten Tag fühlte er sich plötzlich schon wieder, als hätte der Blitz ihn getroffen: Das Bild seiner Mutter in seinem Herzen war fort!


Zum Glück hatte er ja das Fotoalbum!


Aber schon am selben Abend waren das Bild und die Erinnerung wieder aus seinem Herzen verschwunden. Wie von einem Dieb gestohlen. Und Gilbert musste sich eingestehen, dass er das Fotoalbum brauchte. Dass er es brauchte, weil er sich sonst überhaupt nicht mehr an seine Mutter erinnern könnte. Sie war nur noch ein Bild. Nur noch ein Bild in einem Fotoalbum. Und als er das bemerkte, vermisste er seine Mutter so sehr, dass er es kaum noch aushalten konnte und zu schluchzen begann.


Und dann war Ronja in sein Zimmer gekommen.

 

„Setz es vorsichtig auf den Bach!“, sagte sie jetzt und gab Gilbert das Papierboot in die Hand.


„Aber dann schwimmt es weg!“, antwortete Gilbert verblüfft.


Ronja nickte. „Es schwimmt dorthin, wo deine Mama ist. Es steht ja ihr Name darauf.“


Gilbert sog geräuschvoll die Luft ein. Sein Herz schlug wie wild.


„Viele Grüße an meine Mama“, flüsterte er dem Boot zu. Er hielt es ganz nah an sein Gesicht. „Sag ihr, sie soll sich keine Sorgen um mich machen!“


Dann setzte er das Boot auf den Bach, und sofort begann es zu schaukeln und sich zu drehen, und dann schipperte es auf den Wellen davon. Gilbert sah ihm nach, bis es nur noch ein ganz kleiner Punkt im Wasser war.


Dort also lebt Mama jetzt, sagte sich Gilbert. Jetzt wusste er zumindest die ungefähre Richtung.


Und da fiel ihm ein, wie er vor vielen Jahren mit seiner Mutter am Bach gesessen und mit den Füßen im Wasser geplanscht hatte. Und da hörte er sie lachen, als säße sie wieder neben ihm. Ihr schönes helles Mamalachen! Natürlich! Wie hatte er es vergessen können?


„Schau da, die Pusteblumen!“, sagte Ronja.


Die untergehende Sonne tauchte den Garten mit den vielen Pusteblumen schon in ein verträumtes Licht.


„Wir knien uns ins Gras“, sagte Ronja, „und auf drei pusten wir alle Schirmchen fort!“


„Warum tun wir das?“, wollte Gilbert erstaunt wissen.


„Puste die Samen, sie fliegen in Scharen, und einer davon landet in ihren Haaren“, reimte Ronja, und es klang wie ein vertrautes altes Kindergedicht.


„In Mamas Haaren?“, fragte Gilbert. Und wieder war er so voller Hoffnung, dass er es kaum aushalten konnte.


Ronja nickte. „Komm!“, sagte sie. Und begann zu zählen. „Eins, zwei, drei!“


Da pustete Gilbert, wie er noch nie gepustet hatte, und Ronja pustete auch. Und da lösten sich Hunderte kleiner Schirmchen aus ihren weißen Löwenzahnkronen und schwebten im Abendlicht davon. Ein warmer Wind kam auf und ließ sie in die Höhe steigen, und Gilbert sah ihnen strahlend hinterher.


Er stellte sich vor, wie die Schirmchen in Mamas feinen blonden Haaren landeten, die so wunderbar nach dem Limonenshampoo dufteten, das Mama immer benutzt hatte. Die Erinnerung war wieder ganz klar: Mama duftete nach Limonenshampoo! Genauso wie alles, was ihr gehörte. Und alles, was nach Limonen duftete, würde ihn von jetzt an wieder an Mama erinnern. Solange er den Duft roch, würde sie bei ihm sein.


„Deine Mama lebt jetzt im Himmel“, sagte Ronja. „Aber du wirst sie wiedersehen.“


„Ich weiß!“, wollte Gilbert antworten. Aber er konnte nicht. Seine Stimme hätte gebebt. Nicht vor Traurig-, sondern vor Glücklichsein. Deshalb nickte er nur und schaute nach oben, wo schon lange kein Schirmchen mehr zu sehen war.


„Du bist ja noch wach!“, sagte Ronja später am Abend und schlüpfte durch den Türspalt in Gilberts Zimmer. Sie trug etwas in der Hand.


„Eine Laterne!“, rief Gilbert und legte sein Buch und seine Taschenlampe auf die Bettdecke. Er musste daran denken, wie er in einem längst vergangenen November mit Mama auf dem Laternenumzug die nächtlichen Straßen entlanggegangen war. Jetzt sah er wieder die vielen kleinen Lichter vor sich, die in der Dunkelheit gefunkelt hatten, und spürte seine Hand in Mamas Hand. Und das Licht der Laterne in Ronjas Hand leuchtete im dunklen Zimmer und bis in Gilberts Herz.


Ronja nickte. „Diese Laterne ist für deine Mama.“


Schnell hüpfte Gilbert aus dem Bett und gesellte sich zu Ronja, die Mamas Laterne schon auf die Fensterbank gestellt hatte.


Gilbert wurde ganz feierlich zumute, als er das flackernde Kerzenlicht betrachtete.


Nicht aufgeben, schlug sein Herz und hüpfte ein wenig. Nicht aufgeben!


„Jetzt habe ich Hoffnung“, flüsterte er. Er wusste selbst nicht genau, was er damit meinte. Doch er wusste, dass es stimmte.


„Sie wird dein Licht sehen“, flüsterte Ronja zurück, „und immer mit dir verbunden bleiben.“


Noch eine Weile standen die beiden am Fenster und schauten in die Nacht hinaus.


„Jetzt kann ich ruhig schlafen“, sagte Gilbert und seufzte dabei so tief, dass er davon federleicht wurde.


„Gute Nacht, mein lieber Gilbert“, sagte Ronja und gab ihm einen Kuss ganz oben auf den Kopf. Genau dasselbe hatte Mama auch immer getan. Dann ging sie hinaus und schloss leise die Tür hinter sich.


In dieser Nacht träumte Gilbert von seiner Mutter. Er spürte wieder ihre sanften Hände, atmete ihren Duft nach Limonen und hörte ihre helle Mamastimme. Genau so, wie es früher immer gewesen war. Und sie lächelte, wie nur Mama lächeln konnte. Und Ronja.

 


 

3. Preis: Corinna Wieja, Karben
 

Das letzte Stück...

Das Sofa ist mein Lieblingsplatz, mein Thron. Von dort aus habe ich alles im Blick und bin der König meiner kleinen Welt. Niemand kann mich von hinten überraschen.


Früher haben wir gemeinsam dort gekuschelt. Lina und ich. Manchmal hat sie mein Quietschi geworfen und „Hol’s, Paulchen!“ gerufen. Natürlich tat ich ihr den Gefallen, denn sie hat mich immer mit einem Leckerchen belohnt und sich so über das Quietschi gefreut, als sei es ihr kostbarster Schatz. Jetzt ist Lina weg. Seitdem ist alles anders.


Ich schubse Quietschi zu Heiner. Er nimmt es hoch und dreht es gedankenverloren in den Händen, ohne es zu werfen.


Heiner nennt mich „Kleiner“ oder „Dickerchen“, obwohl ich ganz klar ein Terrier bin. Aber ich lasse es ihm durchgehen. Seine Augen sind leider nicht mehr die besten. Früher haben sie vor Humor geblitzt, jetzt sind sie eher grollend wie Donner.


Ich bin dreizehn. Heiner ist siebenundsiebzig. Zusammen sind wir neunzig Jahre Erinnerung.


Seit Kurzem trage ich einen Kragen um den Hals, der aussieht, als hätte man mir eine riesige starre Blüte übergestülpt, die nach Tierarzt stinkt. Und Demütigung. Ein Angriff auf meine Terrierwürde. Verärgert zupfe ich daran.


„Nicht!“, warnt Heiner. „Das Ding ist nötig, wegen der OP-Wunde. Wir sind doch froh, dass die Zyste weg ist, oder?“


Ich schnaufe und lege meinen Kopf auf seinen Schoß.


Heiner hat auch Wunden. Aber die sind unsichtbar. Und er trägt, wie ich, eine Art Kragen – Linas Schal, den blauen. Immer. Auch im Sommer. Nur zum Schlafen nimmt er ihn ab. Als wäre es ein Schutz, seine Rüstung. Oder ein Pflaster, mit dem er seine unsichtbaren Narben bedeckt, in seinem Herzen und seiner Seele. Vielleicht ist es sein Weg, bei Lina zu bleiben. Sich nicht aufzugeben. Sich an ihr festzuhalten.


„Na, komm“, sagt Heiner und steht vom Sofa auf. „Schnupperzeit.“ Er klipst die Leine an mein Halsband.


Ich schnaufe und bleibe liegen. Ich will nicht raus. Nicht mit dem Kragen. Nicht mit der Windel. Aber Heiner zieht sie mir trotzdem immer wieder an.


„Du bist ab und zu ein wenig undicht“, erklärt er. „Und das Parkett kann das nicht leiden, sagt Lina.“ Dann lächelt er. Schief und irgendwie verloren. Für einen Moment hebt sich der graue Schleier über seinen Augen, wie der Rollladen, den er morgens nach oben zieht.


Er zuppelt an der Leine, doch ich drücke mich noch ein Stückchen tiefer ins Polster.


„Ja, ich verstehe das, mein Kleiner“, tröstet Heiner. „Aber Lina hat uns aufgetragen, einmal täglich an die frische Luft zu gehen.“


Er seufzt und ich ahne, dass er die Spaziergänge mit Lina vermisst. So wie ich.


Ihre Jacke hängt noch im Flur. Ihre Pantoffeln stehen immer noch da, als käme sie gleich zurück vom Bäcker, mit Mohnbrötchen und einem Kommentar über die Nachbarn. Ihr Duft hängt warm und umarmend in den Kissen und im Sofa.


Seit Lina nicht mehr da ist, spricht Heiner mit mir. Und streicht mir die Angst vom Körper. Vielleicht aber auch sich selbst. Ich kann sie riechen. Die Angst vor dem letzten Stück. Das er jetzt alleine gehen muss. Oder fast allein. Ich bin ja auch noch da.


Widerstrebend stehe ich auf.


„Na siehst du, geht doch“, freut er sich und krault mir die Ohren.


Wir kommen bis zum Aufzug. Ein Zettel hängt daran.


„Kaputt!“, seufzt Heiner. „Schon wieder. Na komm, Paulchen. Wir probieren es später noch mal.“


Ich bin erleichtert, dass ich mit dem stinkigen Trichter nicht vor die Tür muss. Vor Freude mache ich gleich aufs Parkett. Nicht mal die Windel kann mich bremsen. Upps! Mit großen Augen blicke ich Heiner entschuldigend an.


„Nicht schlimm!“ Heiner holt einen Lappen aus der Küche. Seine Knochen knacken, als er sich bückt, um die sonnengelbe Pfütze wegzuwischen.


Am Nachmittag trägt Heiner mich die Treppe runter. Als sei ich eine alte Einkaufstasche mit Herzschlag. Der Aufzug ist immer noch kaputt.


Zweiundvierzig Stufen, drei Stockwerke. Seine Arme sind dünner geworden und zittern, aber er lässt sich nichts anmerken. Unten setzt er mich ab.


„Such dir einen Baum, Paulchen. Bitte.“ Er streift mir die Windel runter. „Mir ist lieber, du gießt die Pflanzen als die Wohnung.“


Am Dienstag springe ich gleich auf, als Heiner mit der Leine lockt. Nicht, weil ich so dringend zum Bäumegießen will, sondern weil ich weiß, Heiner braucht das Gefühl, dass jemand mitkommt. Der Aufzug kommt allerdings nicht.


„Dann eben zu Fuß!“, sagt Heiner. „Komm schon, Dickerchen. Wir haben eine Verabredung mit der Eiche im Hof.“


Den ersten Treppenabsatz schaffe ich selbst. Stufe für Stufe hopse ich nach unten und bin stolz, denn mit dem ollen Kragen ist das gar nicht so einfach.


Im Hof zeigt ein Junge auf mich und ruft: „Mama! Der Hund sieht lustig aus!“ Frechheit!


Am Mittwoch verlassen wir den Hof und wagen uns ein Stück die Straße runter. Hinter uns klingelt es schrill. „Ey, aus dem Weg! Pass auf deinen Köter auf, Alter!“, ruft ein junger Mann. Er springt von seinem E-Roller und hüpft mit dem Ding in der Hand über meine Leine, die sich über den Gehweg streckt. Erschrocken zucke ich zusammen.


„Komm du erst mal in unser Alter“, murmelt Heiner und taumelt ein bisschen. Wir bleiben stehen und schauen dem Mann nach, wie er davonrollert.


Früher wäre ich ihm verärgert bellend nachgerannt. Heute spare ich mir die Energie für Wichtigeres, wie mich an Heiner zu schmiegen und ihm Halt zu geben. Heiner und ich leben unser Leben im Schneckentempo, gegen das Rasen der Zeit.


Nachmittags legt er sich aufs Sofa, ich auf meine Decke. „Fast wie früher“, sagt er leise und fängt an, zu erzählen.


Über den Bäcker, der schließt.


Über die Nachbarin mit der frechen Katze, die ins Generationenhaus zieht.


Über sie – Lina. Und von Spaziergängen am Meer.


Er redet, ich höre zu. Ich bin gut im Zuhören. Ich unterbreche nie. Ich bin sein Gesprächspartner, sein Wecker, der ihn morgens zwingt, aufzustehen, sein Vorwand, überhaupt noch rauszugehen. Seine Antwort auf alles, was sonst niemand hört. Ich bin sein Medikament gegen das Verstummen. Und gegen die Einsamkeit.


„Unsere Welt ist ganz schön klein geworden, Paulchen, was?“, sagt er.


Nachmittags passiert es. Ich döse auf meiner Decke, da sticht mir ein ekliger Geruch in die Nase. Etwas brennt.


Rasch springe ich vom Sofa. Der Trichter knallt gegen den Türrahmen und bleibt hängen, aber ich belle – laut, eindringlich. „Wuff, wuff, wuff.“


Heiner schreckt aus dem Sessel hoch, stürzt in die Küche. „Verdammt, der Kuchen!“


Er holt ihn aus dem Ofen, hustet – und lacht. „Du bist ja ein Held, Paulchen!“


Ich belle noch mal. Zur Sicherheit. Weil es sich gut anfühlt, gebraucht zu werden.


Am Freitag steht die Kontrolle an. Heiner zieht mir vorsichtig die Windel aus.


„Draußen liegt kein Parkett“, sagt er. Dann streicht er über Linas Schal um seinen Hals. „Wenn du heute tapfer bist, Paulchen, dann bekommst du ein extra Stück Leberwurst.“


Die Straße liegt vor uns wie ein schnurgerades Band. Eine Aufforderung. Eine Herausforderung. Wir trotten los. Langsam, aber zielstrebig.


Von der Tierärztin bekomme ich ein Leckerli. Und ein prüfendes Tasten.


„Alles prima verheilt!“, sagt sie. Dann ein Klacken.


Endlich. Der Kragen ist ab. Freudig springe ich hoch.


Jetzt kann ich wieder so tun, als wäre alles in Ordnung. Als gäbe es die Angst nicht, die wie ein fieser, alles verschlingender Nebel allmählich in unser Leben gekrochen ist. Doch Heiner trägt den Schal weiter.


Später sitzen wir auf der Bank am Friedhof. Die mit den rostigen Füßen unter der dicken Eiche. Das Grab liegt vor uns.


Heiner sagt: „Weißt du, Paulchen, fast fünfzig Jahre sind Lina und ich unseren Weg gemeinsam gegangen. In guten und in schlechten Zeiten. Auch wenn’s schwer fiel.“
Schweigend zieht er den Schal vom Hals und faltet ihn auf seinem Schoß.


Dann legt er eine Hand auf meinen Kopf, als wolle er eine Brücke der Kraft zwischen uns bauen. Ich spüre die Wärme. Die Traurigkeit. Und die Liebe.


„Manchmal denk ich, jetzt reicht's“, sagt er leise. „Die Kraft ist alle. Man sollte sich das letzte Stück des Weges ersparen ...“


Er bricht ab. Schluckt. Schaut zum Grab. Streicht mir über den Rücken. Gegen die Angst. „Aber dann hör ich Linas Stimme“, fährt er fort. „Und die sagt: Aufgeben gibt’s nicht. Lina hat nie aufgegeben. Selbst am Schluss nicht. Der Krebs kann uns doch nichts anhaben, hat sie gesagt. Wer aufgibt, hat schon verloren. Und dann steh ich eben doch auf. Weil da jemand wartet. Den man liebt. Den sie geliebt hat. Mit dem man das letzte Stückchen auch noch gehen kann.“


Er schaut mich an und ich schlecke ihm über die Hand.


„Vielleicht sollten wir auch umziehen. Ins Generationenhaus. Als Neuanfang“, überlegt er und streicht über den Schal. „Damit die Erinnerungen nicht mehr so wehtun.

 Sie hätte nicht gewollt, dass wir uns aufgeben. Was meinst du, Paulchen?“


Ich blinzele. Ich bin müde. Aber ich lege ihm zustimmend den Kopf auf den Schoß.


Ich hoffe, er versteht, dass ich für ihn da bin. Dass ich mit ihm überall hingehe.


Das letzte Stück.


Oder den ersten Schritt.


Gegen die Einsamkeit. Gegen die Angst.


Aus Liebe.

 


 

Wettbewerb 2: Schülerinnen und Schüler aus dem Landkreis und der Stadt Kassel

 

Thema: Keine Themenvorgabe

 

1. Preis & Publikumspreis: Merle Conrad, Schauenburg
 

Aufgeben ist keine Option

Sam stand vor der Glastür zum Klassenzimmer und betrachtete ihr Spiegelbild: kurze, unordentliche Haare, Augen, die immer zu müde wirkten, ein dünner Körper in einer weiten Jeans und einem grauen Hoodie. Weder Junge noch Mädchen, dachte sie. Oder vielleicht beides. Oder nichts.


Der Gong riss sie aus den Gedanken. Sie öffnete die Tür und trat ein. Gespräche verstummten. Die Mädchen drehten sich weg. Nur Evi, die in echt Iphigenie hieß, sah sie direkt an, ein Lächeln, das kein Lächeln war, sondern eine Maske.


„Da kommt unser kleines Fragezeichen“, sagte Evi laut genug, dass die anderen es hören konnten. Einige kicherten unsicher.


Sam setzte sich auf ihren Platz, zweite Reihe am Fenster. Die Sonne fiel auf ihre Hände, die sie auf die Knie presste, als wollte sie sich an ihnen festhalten. Herr Hoffmann-Kaminski betrat die Klasse, stellte seine Tasche ab und begann den Unterricht, als wäre nichts passiert.


Doch Sam spürte die Blicke, die Löcher in ihre Haut brannten. Ihre Augen flogen durch den Raum. Keines der Mädchen sah sie an. Seit Wochen schon wich man ihr aus. Seit Evi begonnen hatte, Fragen zu stellen wie: „Findest du Mädchen süß oder bist du doch ein Junge?“ – immer mit diesem aufgesetzten Lachen, immer mit diesem strahlenden Kreuz um den Hals.


Der Klassenraum roch nach zu viel Deo und nassem Stoff. Sam saß am Fenster und beobachtete, wie ein einzelner Vogel im Nebel über den Schulhof flatterte. Sie hatte schlecht geschlafen. Schon wieder. Als Herr Hoffmann Kaminski den Raum betrat, folgte eine kurze, routinierte Begrüßung. Er begann, die Binomische Formeln an die Tafel zu schreiben.


Evi saß wie immer ganz vorne. Ihre Haare glänzten frisch geglättet. Sie drehte sich halb zur Seite und sagte – nicht direkt zu Sam, aber laut genug, dass alle hören konnten:


„Manche wissen halt einfach nicht, was sie sind. Kein Wunder, wenn die Eltern zu wenig Halt geben. Gott sei Dank hab ich ein Zuhause, das mir zeigt, was richtig und falsch ist.“


Die Mädchen in ihrer Nähe warfen sich flüchtige Blicke zu. Keine lachte. Aber niemand widersprach.


Sam erstarrte. Ihre Schultern zogen sich hoch, als könnte sie in sich selbst verschwinden. Sie spürte wieder diese alte, brennende Scham – nicht für das, was sie war, sondern dafür, dass sie es nicht benennen konnte.


Herr Hoffmann-Kaminski drehte sich kurz um, runzelte die Stirn. „Evi, bitte beim Thema bleiben.“ Seine Stimme klang müde. Er meinte es vielleicht nicht böse. Aber es war wieder nichts. Keine Konsequenz. Kein Schutz.


Evi drehte sich zurück, ein Lächeln auf den Lippen, das nicht für Freude stand, sondern für Sieg.


In der großen Pause lehnte Sam an der Wand neben der Turnhalle. Die Pausen waren am schlimmsten von allem. Sam wusste nicht, wohin mit sich. Niemand zum Reden, keiner der Gesellschaft bot. Sam versuchte unsichtbar zu sein.


Sie hörte Evis Stimme schon von Weitem, laut, selbstsicher, glockenhell: „Man muss beten für Menschen, die vom Weg abkommen.“ Die Mädchen, die Evi umringten, lachten. Sam schloss die Augen. Es fühlte sich an, als würde sich die Welt um sie drehen, aber sie selbst blieb stehen, festgenagelt an diesem Punkt, den alle mieden.


Abends saß sie in ihrem Zimmer, die Schultasche unangetastet neben dem Bett. Ihre Mutter klopfte vorsichtig an die Tür. „Hast du Hunger, Sam?“ Sam schüttelte den Kopf, obwohl ihre Mutter es nicht sehen konnte. Sie wollte einfach nur schlafen, um nicht zu fühlen.


Am nächsten Morgen saß Sam mit ihren Eltern im Besprechungsraum der Schule. Herr Hoffmann-Kaminski schwitzte, während er in seinen Notizen blätterte. „Es ist… schwierig“, begann er zögerlich. „Evi ist… nun ja, sehr engagiert. Und…“ Er stockte, suchte die richtigen Worte, die niemanden verletzen, aber auch nichts ändern würden.


Sams Mutter legte ihre Hand auf Sams Schulter. „Wir wollen einfach nur, dass unsere Tochter in Ruhe gelassen wird“, sagte sie mit fester Stimme. Ihr Vater nickte zustimmend.


Der Lehrer wischte sich die Stirn. „Wir haben ja schon versucht, mit Evis Eltern zu sprechen… Aber sie sind der Meinung, dass ihre Tochter nur helfen will.“
Sams Magen krampfte sich zusammen. Helfen. Es fühlte sich nicht wie Hilfe an. Es fühlte sich an wie ein langsames Ersticken.


Am Abend saßen sie am Esstisch. Sams Mutter sprach von anderen Schulen, von Möglichkeiten. Ihr Vater schwieg lange, dann sagte er leise: „Vielleicht musst du einfach stark bleiben, Sam. Dich dem stellen. Nicht aufgeben.“ Sam starrte auf ihre Hände. Ihre Nägel waren kurz und abgekaut. Aufgeben. Stark bleiben. Sie wusste nicht mehr, was das bedeutete.


Der Morgen danach war der schlimmste. Sam betrat die Klasse, aber niemand sah sie an. Es war, als wäre sie unsichtbar. Herr Hoffmann-Kaminski schrieb die Matheformel an die Tafel, Evi flüsterte ihrer Freundin etwas zu, ein kurzes Lachen brach aus. Sam fühlte, wie ihr Herz raste, ihre Beine weich wurden. Sie packte ihre Tasche, stürmte aus dem Raum, rannte durch den Flur, die Treppen hinunter, hinaus auf den Schulhof.


Draußen, hinter dem Fahrradständer, sackte sie auf den Boden. Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie zog die Knie an die Brust, wollte sich klein machen, unsichtbar, verschwinden.


Das Haus war still. Sams Eltern saßen im Wohnzimmer, die Tür war nur angelehnt. Sam lag zusammengerollt auf ihrem Bett. Die Matheaufgaben lagen offen auf dem Schreibtisch, aber die Zahlen verschwammen, wenn sie hinsah.


Sie dachte an Evis Worte. An die Blicke der anderen Mädchen. An das schiefe Lächeln von Herrn Hoffmann-Kaminski, der sie zwar bemitleidete, aber nichts änderte.


Ein Teil von Sam wollte einfach nicht mehr aufstehen. Ein anderer schrie, dass sie kämpfen müsse. Schließlich sagte doch jeder: „Du darfst nicht aufgeben.“ Aber was, wenn Aufgeben gar nicht Schwäche war? Was, wenn es der einzige Weg war, wieder Luft zu bekommen?


Sam tastete nach ihrem Handy und öffnete den Chat mit ihrer Mutter. Ihre Finger zitterten. „Mama, ich glaube, ich kann nicht mehr. Ich will weg von hier.“


Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis drei Punkte erschienen: ihre Mutter tippte. „Wir reden morgen früh darüber, Schatz. Wir finden eine Lösung. Versprochen.“


Sam legte das Handy neben ihr Kissen. Zum ersten Mal seit Wochen schlief sie, ohne jede Stunde aufzuwachen.


Zwei Wochen später saß Sam in einem neuen Klassenzimmer. Die Tische standen in Gruppen, an den Wänden hingen bunte Plakate. Ein Mädchen mit langen dunklen Haaren sah sie neugierig an. „Hi, ich bin Leonie“, sagte sie und lächelte. Sam brachte nur ein schüchternes „Hi“ heraus.


In der ersten Pause saßen sie nebeneinander auf der Bank. Leonie erzählte von ihrem alten Wohnort und davon, wie sie sich immer „anders“ gefühlt hatte. Sam hörte zu, und zum ersten Mal seit Monaten spürte sie so etwas wie Wärme. Die anderen Mädchen der Klasse setzten sich dazu, lachten über Leonies Witze, stellten Sam Fragen. Niemand sprach über ihre Haare. Niemand sprach über ihre Kleidung. Niemand sprach darüber, wen sie mochte oder nicht mochte.


Es war einfach: normal.

 


 

2. Preis: Jayla Miller, Baunatal
 

Früher habe ich Gedichte geschrieben

Ich schrieb sie nicht, um hübsche Bilder zu erschaffen, sondern weil es der einzige Ort war, an dem ich mich selbst wirklich fühlen ließ. Ich schrieb nachts, wenn alle schliefen, wenn niemand sehen konnte, wie weich ich eigentlich war. In meinen Texten war ich immer ehrlich, brutal ehrlich. Ich beschrieb, wie sich unerwiderte Liebe anfühlt. Wie Nähe sich nach Rückzug anfühlt. Ich schrieb davon, wie sehr ich jemanden vermissen konnte, der nie wirklich mir gehört hatte.


Aber ich zeigte sie niemandem, nie. Denn das war der Punkt, ich konnte nur fühlen, wenn ich sicher war, dass niemand es sah. Ich ließ niemanden tief in mich hineinsehen. Wenn ich jemanden mochte, hielt ich mich zurück, stieß ihn weg, floh. Da ich wusste, dass ich alles spürte und zu viel fühlte, sagte nichts.


Dann traf ich ihn, nicht auf die schicksalhafte Art, wie ich es in Gedichten beschrieben hatte, sondern eher schleichend in einem Moment, in dem ich mich von meinen Gefühlen abgewandt hatte, in dem ich mir selber geschworen hatte erst mal mit niemandem Gefühle zu teilen und lieber alleine zu sein. Ich fand ihn in einem Moment, in dem man in einem Raum voller Stimmen genau die Richtige hört. Er war anders. Er war nicht lauter, größer oder schneller, sondern ehrlich und aufmerksam. Genau das machte mir Angst. Ich sah, wie er immer die richtigen Worte sagte, während ich meine zurückhielt. Ich sah, wie wenig er vorgeben musste und wie viel ich versteckte.


Wir verbrachten viel Zeit miteinander, Spaziergänge, Gespräche im Halbdunkel, Lachen nachts am Telefon, bis einer von uns einschlief. Ich spürte, wie meine Gefühle sich verdichteten, nicht auf die mir bekannte, zu schnelle Weise, sondern leise, und einnehmend, wie wenn man immer weiter in einem Sumpf versinkt und es erst merkt, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht.


Ich wollte ihm das so oft sagen.


Ich schrieb es auf. Immer wieder.


Ich las meine Worte laut, wenn er eingeschlafen war.


Aber ich sprach sie nie aus. Ich hatte Angst, dass die Gefühle sich verändern würden, wenn ich sie ins Licht ließ. Dass er sie nicht zurückgeben würde, oder sogar noch schlimmer, dass er es tun würde und ich sie dann wirklich ohne Rückzug erleben müsste.


So blieb es. Ich schrieb Gedichte über ihn, über seine Hände, seine Stimme, das, was würde sein können. Ich wartete darauf, dass er zwischen meinen Zeilen las, aber wie sollte er, wenn ich sie nie zeigte?


Vielleicht saß ich genau deshalb jetzt hier, so nah neben ihm, dass meine Gedanken so laut wurden, dass sie nicht zu überhören waren. Vielleicht war diese Nähe ein Gedicht, das ich nicht schreiben musste. Vielleicht war sie meine Hoffnung, dass ich ihn zwischen den Zeilen lesen lasse.


Es war einer dieser Abende, an denen die Welt draußen still war. Wir saßen auf meinem Sofa, mein Rücken lag an der Lehne. Er saß daneben. Seine Schulter war nah an meiner, sein Bein an meinem. Ich hatte ihm ein Fotobuch gezeigt und erzählt von meiner Kindheit, er nahm alles in sich auf, was ich ihm von mir geben wollte.


Nun drehte ich meinen Kopf zu ihm. Er drehte sich auch.


Wir sagten nichts. Aber unsere Blicke blieben.


Ich wusste, dass er wusste, dass ich wusste.


Trotzdem machte er keine Bewegung und sagte kein Wort. Ich hatte ihm letztens gesagt , dass ich Zeit bräuchte, dass ich nicht sicher sei, wie sehr ich mich fühlen lassen könne. Ohne Nachfragen oder Gedränge hatte er es akzeptiert. Er entgegnete nur ein: „Okay, das ist in Ordnung für mich, wir machen dein Tempo.“


Das war das, was es anders machte, dass er blieb, ohne zu fordern, dass er meine Angst nicht übersah, sondern sie stehen ließ, ohne dass ich sie ständig erklären musste. Vielleicht war das auch der Grund, warum ich in letzter Zeit kaum noch Gedichte schrieb. Ich musste nicht alles in Verse pressen, um es für mich zu behalten, ich konnte immer mehr mit ihm teilen. Manchmal war seine Anwesenheit genug, dass mein Kopf kurz verstummen konnte.


Ich kam ihm näher, bis unsere Gesichter sich berührten.


Meine Stirn gegen seine. Unsere Nasen streiften sich.


Aber unsere Lippen berührten sich nicht.


Und ich wusste, dass er das ohne Zeichen nicht ändern würde.


Ich atmete ganz leise aus. „Ich hätte dich gerade gern geküsst“, flüsterte ich. Seine Augen wurden weicher, „Warum machst du es dann nicht?“, fragte er. Ich zögerte nicht mehr, stattdessen küsste ich ihn. Es war wie in Gedichten, überhaupt nicht laut und aufgeregt, vielmehr warm, sehr sanft und sicher, wie man etwas tut, von dem man weiß, dass es richtig ist.


Eines Abends hing die Sonne tief, als wir über den Feldweg liefen. Der Himmel war wunderschön, so rosa, dass es viel zu kitschig gewesen wäre, wenn ich etwas dazu gesagt hätte, also sagte ich nichts.


„Ich find’s immer noch witzig, dass du jünger bist als ich“, meinte ich irgendwann, halb grinsend. Er verzog das Gesicht, „Es sind zehn Monate.“ „Zehneinhalb. Ich hab nachgerechnet.“, entgegnete ich frech. „Du bist so eine Oma.“, lachte er zurück. Ich hob eine Augenbraue, „Na ja. Dann musst du mich ja wirklich sehr mögen. Dass du als Baby was mit einer Oma anfängst.“ Er grinste. Ich spürte, wie mein Herz bei ihm einen Schlag zu schnell schlug.


Ein paar Meter weiter schien die Sonne in einem ganz weichen Licht, das Gesichter noch schöner macht, als sie sind. Ich sah ihn an und dann schnell wieder weg. Ich hasste es, beim Betrachten erwischt zu werden. Es war wie damals, wenn ich nachts schrieb und nur die Dunkelheit wusste, wie weich ich war. Nur dass ich jetzt dasselbe tagsüber fühlte und, dass er dann mitten im Licht da war.


„Wenn du jetzt irgendwas Poetisches sagst“, meinte ich, „dann dreh ich sofort um.“ „Wollte ich doch gar nicht.“, erwiderte er überrascht. „Gut. Ich kann nämlich keinen weiteren Typen mehr ertragen, der mir bei Sonnenuntergang erzählt, wie schön meine Augen im Sonnenlicht glänzen.“ Er lachte und das war schöner als jeder verdammte Himmel.


Irgendwann liefen wir an einem Bach vorbei, er nahm mich kurz und deutete an, mich in den Bach zu werfen. Wir lachten beide und genossen den Moment zusammen. „Du bist echt nicht stark“, sagte ich dann, wenn ich nichts zu sagen hatte provozierte ich ihn gerne, „Du tust so, aber ich könnte dich mit zwei Fingern umwerfen.“ „Du hast noch nie beim kämpfen gegen mich gewonnen.“, schmunzelte er. „Weil ich dich gewinnen lasse. Ich will ja dein zerbrechliches Ego nicht zerstören.“, provozierte ich ihn zurück. Er warf mir einen Seitenblick zu. Ich lächelte, so schief, dass er nicht wissen konnte, ob ich das ernst meinte oder nicht.


Wir liefen in Stille. Aber nicht in der angespannten Art.


In der anderen.


Der guten.


Ich blieb irgendwann stehen.


Er tat es auch.


Ich sah ihn an. Seine Nase war ein bisschen gerötet von der Sommersonne, er vertrug sie deutlich schlechter als ich. Und dann fiel mir wieder auf, was ich schon total oft gedacht, aber nie laut gesagt hatte, irgendwie wollte ich es ihm jetzt sagen.


„Deine Sommersprossen sind unfair hübsch“, meinte ich. Er blinzelte. „Was?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Die sind einfach da und keine von ihnen ist fehlplatziert. Weißt du, wie selten das ist?“ Er schwieg, zwei Sekunden zu lang und ich hatte kurz Panik, dass ich es ruiniert hatte. Dann lächelte er so, dass ich wusste, dass er mich verstanden hatte. Früher hätte ich diesen Moment in Reime verpackt, irgendwas über Sonnenlicht auf Feldwegen und sein wunderschönes Lächeln. Jetzt reichte es, einfach mit ihm hier zu sein und schöne Worte zu teilen. So wie die Zeit zusammen war, war sie schöner als jedes Gedicht.


An einem anderen Tag lagen wir auf meinem Bett, wir wollten einen guten Blick aus dem Fenster haben. Leise und gleichmäßig regnete es. Er las das Buch, dass ich ihm Tage zuvor mit dem Satz: „Ich fänd’s schön, wenn du mal was liest, das nicht Die Wilden Kerle sind.“, gegeben hatte. Er hatte, „Na dann“, gesagt und es mitgenommen.


Jetzt lag er an mich gelehnt, sein Bein über meinem. Es war nicht zufällig oder zögerlich, alles war einfach und richtig, weil das inzwischen bei uns so war. Ich hatte meine Hand auf seinem Bauch abgelegt, unter seinem Pulli. Die Haut darunter war warm. Ich mochte das. „Du hast da was reingeschrieben “, murmelte er, ohne aufzusehen. „Mhm.“, machte ich zurück. „‚Ich warte nicht auf dich, nur darauf, dich nicht mehr zu vermissen‘, das klingt bitter.“, kommentierte er. Ich grinste, „War eine Phase.“ Er drehte den Kopf, „Und jetzt?“ „Jetzt warte ich nicht mehr.“, erklärte ich.


Ich beobachtete den Regen an der Scheibe, wie sich Tropfen sammelten, langsam wurden, sich schlängelten. Als dürften sie sich Zeit lassen. Als dürften wir uns Zeit lassen. Der Regen hätte früher ganze Strophen gefüllt. Heute reichte es, ihn zu hören. Ich musste nicht mehr aufschreiben, wie es sich anfühlte, ich war mittendrin.


Ich mochte diese Nachmittage.


Wenn die Welt draußen und mein Kopf hier drinnen leiser wurden.


Wenn Nähe wie Atmen war.


Er zog mich näher, bis mein Kopf in seinem Arm lag. Ich atmete in seinen Pullover. Es roch nach seinem Parfum, was ich noch Tage später in meinen Haaren riechen würde. „Ich mag, wie du liest“, sagte ich irgendwann. „Langsam?“, fragte er. „Nein, aufmerksam.“, erklärte ich. Er grinste und küsste
mein Haar, „Ich les dich auch aufmerksam.“ Ich schloss die Augen.


Und dachte: So also fühlt sich ankommen an.


Vielleicht war es genau das gewesen, was mir gefehlt hatte.


Jemand, bei dem ich nicht mehr beweisen musste, dass ich stark bin.


Jemand, bei dem Weichsein nichts Schlechtes war.


Ich merkte es an den kleinen Dingen, an der Art, wie er meine Hand hielt, ohne etwas zu fordern. Daran, dass ich nicht mehr so oft das Bedürfnis hatte, mich hinter Ironie zu verstecken. Daran, dass ich Dinge sagen konnte wie: „Ich hab dich vermisst“ und nicht sofort zurückrudern wollte.


Und je mehr ich das durfte, desto mehr wurde mir klar:


Ich war nicht zu viel. Ich hatte nur zu lange versucht, zu wenig zu sein.


Weniger laut, weniger verletzlich, weniger ehrlich.


Das war vorbei.


Ich sagte jetzt, wenn mir etwas gefiel. Ich sagte es, auch wenn meine Stimme dabei anfing zu zittern. Ich hörte auf, meine Gefühle hinter Bildern zu verstecken, weil ich begriffen hatte, dass niemand sie erraten konnte. Und dass auch niemand sie zurückweisen musste, selbst wenn sie echt waren, oder vielleicht auch gerade dann. Ich hatte gelernt, dass es sicher sein kann, sich zu zeigen. Dass es Menschen gibt, die bleiben, wenn man sich nicht mehr hinter Worten verbirgt.


Ich denke an das Sofa, an unsere Gesichter, die sich fast berührten. An die Wärme, die kam, als ich endlich nicht mehr gewartet habe. Und an diesen stillen Moment, in dem ich zum ersten Mal nicht dachte: “Ich schreib das später auf.” Sondern: “Ich will das wirklich erleben.”


Deshalb schreibe ich jetzt anders.


Nicht mehr nur zwischen den Zeilen.


Nicht mehr nur, wenn niemand zusieht.


Nicht mehr nur Gedichte.


Jetzt will ich Geschichten schreiben.

 


 

3. Preis: Camila Sanchez Espinosa, Baunatal
 

Was keiner sieht

Wenn ich meinen Körper nicht mag, bin ich dann schwach?


Ein Blick in den Spiegel reicht um hunderte Gedanken auszulösen.

Ein Blick in den Spiegel reicht um innerlich zu zerbrechen.

Ein Blick in den Spiegel reicht um in Tränen auszubrechen.


Ich mag ihn nicht, das, was ich da sehe. Ich verabscheue - nein, ich hasse es!


Diese Gedanken ertrage ich nicht und auch andere könnten sie nicht ertragen. Um sie zu stillen schalte ich mein Handy ein und öffne Instagram. Das Erste was mir erscheint ist ein Bild von diesem einen super berühmten Model, wie heißt sie nochmal? - Ach, ist auch egal. Wichtig ist eher, wie hübsch sie aussieht: Der perfekte Körper: schlanke Beine, volles Haar, glatte Haut, strahlendes Lächeln,… also so wie eine perfekte Frau nun mal aussieht, richtig?


Ich scrolle weiter. Während ich lauter wunderschöne, perfekte, irgendwie gleich aussehende Frauen sehe, bemerke ich gar nicht, wie langsam die Freude in mir erlischt. Mit jedem Swipe werde ich langsam immer unsicherer. Die Selbstliebe wird immer weiter in den Hintergrund gedrückt und der Selbsthass drängt sich immer weiter in den Vordergrund.


Die Zeit vergeht und ohne dass ich es merke, sitze ich da, noch immer vor dem Spiegel und scrolle immer weiter. Ich kann nicht mehr aufhören und das möchte ich auch gar nicht: Ich will mich nicht mit meinen Gedanken befassen. Ich möchte nicht mit diesem Selbsthass konfrontiert werden. Plötzlich klingelt mein Handy, in dem ich schon stundenlang gescrollt habe und das kaum noch Akku hat.


Ich nehme den Anruf an, am anderen Ende höre ich die fröhliche Stimme meiner Freundin Jessica. Sie trällert laut ins Handy: „Huhu, ich bin’s! Hast du Lust zu mir nach Hause zu kommen?” Ich bejahe ihre Frage genervt, denn eigentlich wollte ich lieber zuhause bleiben und weiter auf Instagram schauen. Jessica bemerkt meine Lustlosigkeit gar nicht und antwortet mit einem: „Super, ich freue mich!“


Daraufhin legt sie auch schon wieder auf.


Überrumpelt von diesem kurzen Gespräch packe ich mein Portemonnaie in meine Tasche, denn es lag schon seit gestern auf dem Tisch und wartete darauf, wieder in eine Tasche gesteckt zu werden.


Ich zog meine Schuhe an und ging aus der Tür. Sie fiel hinter mir ins Schloss. Auf dem Weg zu Jessicas Haus schaute ich an mir herab: Ich hatte ein bauchfreies Oberteil an und es sah schrecklich an mir aus. Sofort fing ich an daran zu ziehen: so weit, bis mein Bauch verdeckt ist. Hauptsache keiner kann ihn sehen. Leider klappt es nicht ganz so gut und irgendwann gebe ich frustriert auf. „Wie doof konnte ich eigentlich nur sein und so etwas anziehen?”


Angekommen bei meiner Freundin empfängt sie mich mit offenen Armen. Ihre Umarmung tut gut und als sie loslässt durchgeht es mich: ich hätte gerne länger in der Umarmung verweilt. „Wollen wir ein Eis essen?“, fragt sie.


Ich zögere: eigentlich kann ich mir kein Eis leisten bei dem Bauch. Ich schaue wieder einmal traurig an mir hinunter. Jessica merkt, dass etwas nicht stimmt und fragt mich, was denn los sei. Ich zögere erst, doch dann erzähle ich ihr alles: von meinen Zweifeln, von der fehlenden Selbstliebe, von Social Media und vor meiner Angst, in den Spiegel zu schauen. Ihre Augen werden langsam immer trauriger, doch sie nickt nur, wirkt verständnisvoll und gleichzeitig bedrückt.


Sie versteht mich und während ich sie verzweifelt und unsicher ansehe, fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich spüre eine Erleichterung: endlich ist ein Teil dieser unangenehmen und schweren Last weg. Ich hätte nie gedacht, dass allein schon drüber sprechen so ein Problem schon so leichter machen kann.


Doch dann fällt mir plötzlich noch ein Stein vom Herzen, denn dann erzählt sie mir, dass sie genau dasselbe Problem hat. Was mich erstaunt, denn sie ist immer so selbstbewusst und fröhlich. Ich hätte nicht gedacht, dass ihr Erscheinungsbild sie auch belastet. “Ich bin nicht allein.”, geht mir durch den Kopf und dann plötzlich bin ich mir sicher, dass Jessica und ich nicht die Einzigen mit diesem Problem sein können.


Sie spricht weiter und erzählt, warum sie so fröhlich ist und wie sie es geschafft hat selbstbewusster zu werden: „Mir hat es auch geholfen Social Media zu löschen. Doch nur weil ich selbstbewusster wirke, heißt es noch lange nicht, dass ich den Selbsthass überwunden habe. Ich sehe noch immer etliche Makel an mir, doch ich versuche sie wertzuschätzen. Das ist nämlich das, worum es geht: Das wertschätzen was man hat und auch Dankbarkeit für die eigene Gesundheit zeigen.“


Während sie spricht, höre ich ihr gebannt zu. Plötzlich spricht sie mich direkt an: „Hör zu, ich weiß aller Anfang ist schwer, doch es ist wichtig, dass du nicht aufgibst und dich selbst nicht aufgibst! Du bist wertvoll so wie du bist und auch wenn du dich nicht heute, nicht morgen liebst, eines Tages wirst du es rausgeschafft haben und stolz auf dich sein. Lerne dich selbst zu akzeptieren und fang heute an! Gib nicht auf, sondern denk an dein zukünftiges Ich, welches dir so dankbar für dein Durchhaltevermögen sein wird!“


Ich lächle sie dankbar an und endlich können wir uns in den Arm nehmen, wissend, dass wir in Zukunft nochmal hier stehen, uns anlächeln und uns sagen werden, dass wir es endlich geschafft haben. Schon jetzt wissen wir beide: Wenn wir unsere Körper nicht mögen, sind wir nicht schwach! Wir müssen uns akzeptieren lernen und dies wird ein langer Prozess der sich auf jeden Fall lohnen wird!

 


2024 - 22. Holzhäuser Heckethaler

Wettbewerb 1: Alle Altersgruppen ab 14 Jahren im deutschsprachigem Raum

 

Thema: Wer im Glashaus sitzt, der sollte sich der Liebe unterwerfen

 

1. Preis: Eva Heimen, Ennepetal
 

Wer im Glashaus sitzt...

Warum hatte ich immer noch solche Höllenschmerzen? Die beiden Folterknechte hatte ich doch erfolgreich abgeschüttelt.


Stöhnend streckte ich die bleischweren Beine aus. Das kühlende Gras umarmte meine geschundenen Füße. Erschöpft lehnte ich mich zurück, schloss die Augen und inhalierte den Duft von Harz, Wildkräutern und Freiheit. Aus dem Handy tönte leise `Back to Black´ von Amy Winehouse. Wie passend. Lautlos sang ich mit.

 

„Streiken die Füße?“ Eine Reibeisenstimme riss mich aus meinen Gedanken.


Ungefragt hatte sich jemand wie ein nasser Sack zu mir auf die verwitterte Bank plumpsen lassen, die knarrend nachgab.


„Nur an beiden Fersen eine Blase. Nicht der Rede wert.“ Ich hoffte, dass damit die unliebsame Konversation im Keim erstickt war.


Mit halb geschlossenen Augen spinkste ich zu dem Störenfried. Ich erkannte ihn. Es war der Alte, den ich schon ein paarmal auf dem Hof gegenüber meiner Urlaubspension gesehen hatte. Ein urwüchsiger Kerl in gesetztem Alter. An der Viehweide, die zu seinem Hof gehörte, hatte ich mich das ein oder andere mal an den wackeligen Bretterzaun gelehnt und dem Fleckvieh beim Grasen zugesehen. Ihr Malmen und Schnaufen und ihr Stallgeruch hatten irgendwie meditativ auf mich gewirkt.


Der Alte zog mitfühlend die Innenseiten seiner buschigen Augenbrauen hoch. Sein Blick wanderte von meinen Füßen zu den trendigen roten Wanderstiefeln, die gemeinsam mit den Tennissocken im Gras lagen. „Die Schuhe sehen nagelneu aus. Noch nicht eingelaufen, was?“


„Yep.“ Vermutlich hätte sogar ein Blinder mit Krückstock erkannt, dass ich eine Touristin war, die absolut keine Ahnung vom Wandern in den Alpen hatte.


„Meine sind uralt. Die hatte ich schon, da waren Sie noch gar nicht geboren.“ Er lachte und sein ganzer Körper bebte.


Ich musterte seine speckig glänzenden und von Blessuren übersäten Treter. „Das sieht man. Da an der Seite löst sich die Naht auf und bei dem Anderen kann man vorne schon die Zeitung durch lesen.“


„Na na, wer im Glashaus sitzt...“ Sein Blick blieb amüsiert an meiner zerrissenen Jeans hängen.


Ich richtete mich auf und lehnte den Rücken an die harten Planken der Bank. „Die muss so sein. Das nennt man destroyed.“ Ich gab mich selbstbewusst, aber neben ihm kam ich mir doch ein wenig albern und unreif vor. Verstohlen legte ich die Hand auf das riesige Loch am Knie, das nur von ein paar ausgefransten weißen Fäden zusammen gehalten wurde.


„Aus Detroit?“ 
„Nein. Destroyed! Das bedeutet zerstört. Man trägt das so. Ach egal.“ Ich winkte ab und griff nach meinem Handy. Demonstrativ drehte ich die Musik ein bisschen lauter und schloss wieder die Augen.

 

„Da!“


Ein Klaps war auf meinen Unterarm gesaust. Ich zuckte zusammen und schlug die Augen auf. Konsterniert starrte ich den Alten an.

 

„Entschuldigung. Ich war nur so begeistert.“ Verlegen grinste er mich an.


„Wovon?“ Meine Augen schossen Giftpfeile zu ihm herüber.


„Da, der Bartgeier! Den sieht man hier nur extrem selten! Dahinten erkennt man ihn noch.“ Aufgekratzt zeigte er in Richtung des Bilderbuchpanoramas, das sich vor uns erstreckte.


In der Ferne erahnte ich die weiten Schwingen des Vogels. Das Tier schien die Thermik zu nutzen und sich ohne Mühe immer höher in den stahlblauen Himmel zu schrauben.


Der Alte strahlte wie ein Kind vor dem Süßigkeitenregal. „Haben Sie seinen Pfiff gehört?“


Ich schüttelte beschämt den Kopf.


Er ließ die Schultern hängen. Seine Augen wurden traurig. „Sie verpassen so vieles, wenn Sie sich mit diesem Gedudel vor der Natur verschließen.“


Insgeheim gab ich ihm Recht. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals und ich stellte die Musik ab. Wegen der Ruhe der Berge war ich doch überhaupt hier! Mein Arzt hatte mir dringend zu dieser Auszeit geraten, weil ich mit Haut und Haaren ausgebrannt gewesen war und Abstand von allem brauchte.

 

Verstohlen inspizierte ich meinen Sitznachbarn genauer. Dunkelgrüner abgegriffener Seppelhut, weißgrauer struppiger Rauschebart und eine speckige Lederhose. Am meisten aber fiel mir diese eigenartige Beseeltheit auf, die er ausstrahlte. So als ob er mit sich und der Welt absolut im Reinen sei.


Mittlerweile bereute ich meine Kratzbürstigkeit. „Sie sind Milchbauer, oder?“


Er nickte und strich mechanisch mit dem knorrigen Daumen über den blanken Griff seines Wanderstocks.


Ich redete weiter. „In der Pension gegenüber von Ihrem Hof mache ich Urlaub und habe Sie schon ein paar Mal gesehen.“


Er legte seine Stirn in Falten und sah mich an, dann nickte er. „Ja stimmt, ich Sie auch.“


Ächzend stützte er sich auf seinen Stock und stand auf. Er hob den Hut zum Gruß. „Ich muss weiter. Es war nett, mit Ihnen zu plaudern. Servus und genießen Sie Ihre Zeit hier bei uns.“ Schlurfend machte er sich auf den Weg.


„Tschüss. Für Sie ebenfalls alles Gute. Und vergessen Sie nicht, Ihren Schuhen bald mal einen Besuch beim Schuster zu gönnen.“


Er blieb stehen und legte den Kopf zur Seite. Dann wandte er sich nochmal langsam zu mir um.


Ich grinste und zwinkerte ihm zu. „Wer im Glashaus sitzt...“


Schmunzelnd schüttelte er den Kopf und pilgerte weiter. Mein Blick folgte ihm, bis er hinter der nächsten Kurve des Wanderwegs verschwunden war. 
 

Unter Schmerzen zog ich die blutigen Socken und die fürchterlich steifen Klötze wieder an und humpelte zurück ins Tal.


Am Abend vor meiner Abreise entschied ich mich für einen letzten Spaziergang durchs Dorf. Es dämmerte bereits.


Im Eingang der Pension blieb ich kurz stehen und versuchte, die Stille in mir abzuspeichern. Das letzte Sonnenlicht strengte sich mit glutrotem Leuchten an, gegen die aufziehende Dunkelheit anzukommen. Die Silhouette der Berggipfel zeigte mit einer wild gezackten EKG-Kurve an, dass die Sonne diesen Kampf verlieren würde.


Noch auf dem Kiesweg der Herberge hörte ich mit einem Mal leise Musikfetzen. Anfangs vermochte ich nicht einzuordnen, woher sie kamen und spazierte weiter. Je näher ich dem Hof des alten Mannes kam, desto deutlicher erschien mir die Musik. Ich meinte, aus den herüberwehenden Tönen `Für mich soll´s rote Rosen regnen´ von Hildegard Knef zu erkennen.


Die Kühe des Bauern grasten friedlich in der Abenddämmerung. Das Bimmeln ihrer Kupferglocken vermischte sich mit der rätselhaften Musik. Die Tür des Hofes stand sperrangelweit auf und ein warmer Lichtschein leuchtete hinaus. Verwundert öffnete ich das Gatter und kam näher. Die Kühe ließen mich unbeeindruckt passieren. Die Töne wurden lauter.

 

Ich rief ein zaghaftes „Hallo?“ in den Flur, bekam aber keine Antwort. Aus Sorge um den Alten zog an dem ausgefransten Seilzug der gusseisernen Türglocke. Auf das helle Bimmeln folgte keinerlei Reaktion. Mein Herz sprang mir fast aus der Brust, als ich zögerlich das Haus betrat. Der Geruch von altem Holz, Butterkuchen und Geborgenheit eroberte meine Nase.

 

Unverhofft schluffte mir der Alte in karierten Filzpantoffeln entgegen. Sein Gesicht glühte. „Waren wir zu laut?“ Dann strahlte er mich mit aufgerissenen Augen an. „Sie? Das freut mich aber!“


„Ja ich äh, ich dachte ...“


Er sprudelte unbeirrt weiter. „Kommen Sie, trinken Sie ein Glas Wein mit uns. Meine Frau hat morgen Geburtstag. Wir feiern immer rein. In unserem Alter kann man ja nie wissen.“ Entschieden schüttelte ich den Kopf, aber er hatte sich schon lachend bei mir untergehakt und lotste mich entschlossen über die knarrenden Flurdielen und durch die urige Bauernküche bis zu einem rustikalen Wintergarten. Ich glaubte, mich in einem romantischen Ölgemälde wiederzufinden. Unzählige Pflanzkübel standen an den verglasten Wänden.


Rankende Rosen, wilder Wein und gelb glühender Winterjasmin schmiegten sich an die weißlackierten Holzrahmen. In der Ecke standen zwei Schaukelstühle. Auf einer rustikalen Kommode drehte sich auf dem Plattenspieler eine glänzende Vinylscheibe.


„Elfi, wir haben Besuch. Mach mal die Musik ein wenig leiser.“


Mir stieg das Blut in den Kopf und ich schluckte verlegen. Wie ein Eindringling empfand ich mich in dieser innigen Zweisamkeit. Ergo überspielte ich mein Unbehagen mit Humor. „Sie verpassen so viel, wenn Sie die Musik so laut haben.“


Verdattert hob der Alte die Augenbrauen, dann begriff er und kicherte. „Ja ja, ich verstehe, wer im Glashaus sitzt…“, jubilierte er und zwinkerte mir zu.


„… der kann die Sterne sehen!“ ergänzte seine Frau strahlend. Sie hatte ihren grauen Schopf in den Nacken gelegt und schaute nach oben. Ihre von Falten durchfurchten Wangen glühten. Mit ausgebreiteten Armen wiegte sie sich in ihrer geblümten Kittelschürze selig hin und her.


Mittlerweile war die Nacht hereingebrochen und wahrhaftig, durch das gläserne Dach des Wintergartens waren unzählige leuchtende Sterne zu sehen.
Ich trank ein Glas klebrig süßen Landwein mit den beiden, dann verabschiedete ich mich.

 

Am nächsten Morgen stand ich früh auf, denn ich hatte vor meiner Abreise noch etwas Wichtiges zu erledigen.


Ich lief zu dem beschaulichen Souvenirladen an der Ecke, um für das Geburtstagskind eine Kleinigkeit zu besorgen und um mich für ihre Gastfreundschaft zu bedanken. Suchend sah ich mich um, aber nichts schien mir passend für die alte Dame zu sein. Aus Wurzeln gefertigte Flaschenöffner mit Steinböcken. Häkeldeckchen, von denen sie mit Sicherheit schon mehr als genug hatte. Kitschige Figürchen, die bei Wetterwechsel die Farbe ändern.


Die Verkäuferin sprach mich an, ob sie helfen könne. Ich zuckte niedergeschlagen mit den Schultern. Ein paar Sachen hätte sie zusätzlich im Lager und ob sie mir die zeigen dürfe. Ich hatte die Hoffnung eigentlich aufgegeben, aber einen Blick konnte ich ja riskieren. Noch deprimierender würde es schon nicht werden.


Sie verschwand nach hinten und kam mit einem Pappkarton voll mit allerlei Sammelsurium wieder. Neben Schneekugeln, Trachtenpüppchen und winzigen Kuhglocken steckte ein gerahmtes Bild. Ich zog es hervor. Es war ein golden eingefasstes Stickbild. Mit Zierstichen war in geschwungenen Buchstaben ein Spruch auf den gespannten Leinenstoff gearbeitet:

 

Wer im Glashaus sitzt, der sollte nicht mit Steinen werfen, 
sondern seinen Blick für das Gute schärfen
und sich der Liebe unterwerfen.

 

Ein Schauer lief mir über den Rücken und mein Herz vollführte einen Purzelbaum.


Die Verkäuferin knetete verlegen ihre Finger. „Ausgesprochen kitschig oder?“


Ich lachte und strahlte sie mit leuchtenden Augen dankbar an. „Nein, es ist perfekt! Bitte packen Sie es mir als Geschenk ein.“

 


 

2. Preis & Publikumspreis: Marika Hack, Hofgeismar
 

Äpfel der Demokratie

Ein klirrend kalter Wintertag 1946


Ein kleiner Junge sitzt in Stoffhosen im Schnee und zeichnet mit dem Finger eine Sonne in den weißen Grund. „Kommst du bitte ins Haus?“ ruft seine Mutter. Er kann sie vom Garten, oder dem, was mal ein Garten war, in der Küche arbeiten sehen. Jetzt hat er aber keine Zeit; ein vorbeigehender Mann in amerikanischer Uniform hat ihm einen Apfel geschenkt. Einen roten Apfel, der einfach köstlich riecht. Er dreht ihn in den Händen und leckt kurz daran, weil er gar nicht weiß, wie man etwas so Kostbares isst. Aus dem Haus tönt ein etwas strengerer Ruf, aber im Moment passt es wirklich nicht gut. Die Hose ist längst vom Schnee durchnässt und die kleinen Hände eiskalt, aber der Geschmack des Apfels, süß und säuerlich zugleich lässt den Jungen breit grinsen. Seine Mutter kommt eiligen Schrittes aus dem Haus und will schon ansetzen, ihn zu rügen, doch das Bild, welches sich ihr bietet lässt ihre Züge sanft werden. Ihr Sohn ist ein bunter Farbklecks in ihrer sonst grauen Welt. Eilig wischt sie die Tränen weg, die sich in ihren Augenwinkeln gesammelt haben und hebt sich das Kind seitlich auf die Hüfte. Sie küsst ihren Sohn auf den weichen Haarschopf und trägt ihn ins Haus.


Gegenwart


Jede Farbnuance von Gold, rot, gelb und braun schmückt den Boden und ein leises Knistern erklingt bei jedem Schritt. Es ist halb acht und er ist auf dem Weg zu seinem Lieblingsplatz. Das Gehen ist mühselig, jeder Schritt kostet Kraft, ist langsam und etwas unsicher.


Der Herbstwind wirbelt das Laub um seine Pantoffeln auf und er atmet den erdigen Geruch ein. Es ist Apfelzeit und er hat eine wichtige Aufgabe. Etwas ungelenk lässt er sich in den geflochtenen Gartenstuhl unter seinen Apfelbaum fallen. Er sieht sich zufrieden in seinem Garten um. Es ist ein wirklich schöner Garten mit einem prächtigen Apfelbaum. Er hat ihn mit seiner Frau gepflanzt, als sie dieses idyllische Fleckchen Erde zu ihrem Zuhause erklärten. Es war ihre Idee, da er Äpfel so gerne mochte und immer noch mag. Er sieht sie immer noch vor sich, wie sie ihn mit ihren lachenden Augen ansieht und ihm den Baum im Blumentopf entgegenhält. Eine wunderschöne Frau. Er muss schmunzeln und fügt in Gedanken hinzu: „Ich sah damals aber auch sehr stattlich aus.“ 


Sein Körper ist mittlerweile in den Knien und im Rücken welk, aber ihr Apfelbaum steht noch in voller Pracht.


Vom Bürgersteig hinter seinem Gartenzaun vernimmt er Stimmen. Es ist das übliche morgendliche Chaos, wenn die Schüler in kleinen Gruppen zur Schule pilgern.


Man hört Geschnatter und dann lacht die ganze Bande laut los. Er richtet sich etwas in seinem Stuhl auf und ruft: „Ihr könnt euch gerne wie immer einen Apfel für die Pause mitnehmen.“ Ihm wird mehrfach fröhlich „Danke“ zugerufen, worüber er selig lächelt. Sein Hobby ist Gärtnern, war es früher schon und heute noch im Rahmen seiner Möglichkeiten. Seine Frau sagte immer, wenn du weiterhin so viel im Garten bist, wächst du irgendwann fest. Das wurde auch nicht besser, als er für seine Pflanzen ein Gewächshaus baute, sein ganzer Stolz. Tomaten, Gurken, Paprika, er hat jedes Jahr gigantische Ernten, die er dann gerne auch in der Nachbarschaft verschenkt.

 

Vor zwei Wochen ist sie vierzehn geworden auch wenn sie deutlich jünger wirkt. Ihr schokoladenbraunes Haar lässt sie sich gerne ins Gesicht fallen, um die Kolonien von Pickeln auf ihren Wangen zu verbergen. Wie jeden Morgen wird sie auf einen Apfel eingeladen. Sie kommt jedoch nicht dazu ihn zu pflücken, da Geschrei von der anderen Straßenseite ihre Aufmerksamkeit weckt. Es ist der Schwächling. So wird er zumindest genannt. Manchmal auch der Zahnstocher, da er so hager ist. Sie sieht zu wie ein Klassenkamerad und dessen jüngere Schwester Blätter und Bücher aus dem Rucksack des Schwächlings ziehen und auf den Boden werfen. Er trägt ein rotes T-Shirt, obwohl die Temperaturen längst nach einem Pullover verlangen. Er versucht, sich ihnen zu entziehen und weiter zu gehen, doch sie halten ihn fest. „Hey du, Zahnstocher, nicht so schnell! Wo willst du denn hin? Ist dir noch nicht aufgefallen, dass dich in der Schule keiner haben will? Schämst du dich nicht, so abgewrackt dort aufzutauchen?“


Das Mädchen lacht hässlich und meint: „Wie ein Straßenköter, dem man was zu fressen gibt und der dann immer wieder kommt, um zu betteln.“


Weitere Blätter segeln zu Boden und neben dem Apfelbaum auf der anderen Seite steht ein anderes Mädchen stumm und schaut. Wie Laub wirbeln ihr die Worte durch den Kopf. „Lasst das! Hört auf! Ihr seid die wahren Schwächlinge, weil ihr so etwas tut!“


Doch keines dieser Worte schafft es durch ihren Hals.


Er ist so eng, dass kaum Luft hindurchströmt. Sie ist so wütend, dass sie ihre Hände zu Fäusten ballt, doch sie sind still, wie ihr Mund und ihre Beine.

 

Der alte Mann hat in seinem Leben viel Leid ohnmächtig mitansehen müssen.


Wie seine Mutter erfuhr, dass sein Vater nie aus dem Krieg heimkommen würde.


Die Jahre danach, als sie hungerten und er sich jeden Abend zum Einschlafen die Hände auf den Magen legte, um sich vorzustellen er wäre gefüllt. Gegen dieses Leid konnte er nicht handeln, aber gegen das, welches er hinter dem Gartenzaun sieht schon. Er stürmt Richtung Straße los. Zu seiner Verwunderung tut er das wirklich, denn seine Beine tragen ihn mit erstaunlicher Kraft. Als der bösartige Junge ihn kommen sieht, nimmt er den Apfel, den auch er jeden Morgen geschenkt bekommt und wirft ihn in den Garten. Er trifft das Gewächshaus und klirrend schlägt er ein Loch in dessen Dach. „Wie könnt ihr es wagen,“ der alte Mann sagt es nicht laut, denn das braucht er nicht. Auch ist klar, dass es ihm nicht um das Gewächshaus geht. Alle Köpfe wenden sich ihm zu. „Wisst ihr, was passiert, wenn zwei Menschen so hassen wie ihr beiden?


Hass ist ein Feuer, das zum Flächenbrand wird je mehr es nähren und entfachen. Ich bin auf der verbrannten Erde unmenschlichen Hasses aufgewachsen.“


Seine Worte treffen ihr Ziel, er erkennt es in den betroffenen, schockierten Gesichtern der Geschwister. „Wisst ihr, unter welch privilegierten Umständen ihr groß werdet?


In Freiheit, Frieden und satt!


Eure Aufgabe ist es, die Demokratie, die wir euch vererbt haben, zu schützen. Stattdessen sät ihr neuen Hass, werft Steine auf das Glashaus, in dessen Schutz und Geborgenheit ihr aufwachst.“


Beide Jugendliche schauen betreten zu Boden und Scham steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Der Junge im roten T-Shirt ist völlig verblüfft. Er hat noch nie erlebt, dass sich jemand so für ihn einsetzt. Es ist ein warmes Gefühl, das er empfindet. Vielleicht ist es Mut. Der alte Mann wendet sich ihm zu: „Mach dich in die Schule mein Junge, sonst kommst du noch zu spät.“ Dann überquert er die Straße. Vor seinem Garten steht immer noch das Mädchen ohne Worte. Er sieht sie an und zu ihrer großen Überraschung, kann sie im faltigen Gesicht des Mannes keinen Vorwurf erkennen. Er legt ihr drei Äpfel in die Hände und meint: „Du solltest jetzt auch los.“ Dann lächelt er und geht.


Sie betrachtet ihre Hände und weiß, dass ihr dieser Mann mehr als nur Früchte schenkt. Sie sind die wichtigsten Güter, die er zu geben hat. Es sind Äpfel der Demokratie.


Zwei Tage später ist das Dach des Gewächshauses repariert, zahlreiche Nachbarn boten sich für die Aufgabe an. Sie selbst hat Worte gefunden. Worte, um Partei zu ergreifen. Worte, die fähig sind, Steine aufzufangen. Sie will das Haus in dem sie lebt bewahren, denn die Demokratie braucht tapfere Gärtner, damit sie weiter keimt und wächst. 

 


 

Wettbewerb 2: Schülerinnen und Schüler aus dem Landkreis und der Stadt Kassel

 

Thema: Keine Themenvorgabe

 

1. Preis: Maliqe Sahitolli, Kassel
 

Das Erwachen

Im Herzen des viktorianischen Londons, verborgen hinter einer unscheinbaren Fassade in einer schmalen Gasse, lebte der exzentrische Erfinder Charles Cartwright mit seiner Tochter Emma.


Charles war bekannt für seine außergewöhnlichen Erfindungen, die von dampfbetriebenen Maschinen bis zu mechanischen Spielzeugen reichten. Charles war ein Genie, das in ganz London bekannt war. Doch trotz seiner Brillanz war er ein Einzelgänger, dessen Leidenschaft für die Wissenschaft ihn von der Außenwelt isolierte.


Seine Tochter Emma hingegen, war eine junge, aufgeweckte Frau mit einem scharfen Verstand und neugierigem Geist, die es oft gewohnt war, Charles bei seinen Experimenten zu helfen, indem sie ihm Werkzeuge reichte und stets Notizen machte.


Eines Abends, als der Nebel die Straßen Londons verhüllte und Emma gerade den Hausputz in der Werkstatt ihres Vaters erledigte stieß sie auf eine verstaubte Holzkiste, die sie noch nie zuvor in dem Engen, nach Ruß und Metall riechendem Raum gesehen hatte.


Sie nahm die Kiste in beide Hände und trug sie in die Küche zu ihrem Vater, der am kleinen Holztisch, neben dem brutzelnden Kamin saß, Porridge aß und nachdenklich aus dem Fenster schaute. Vermutlich tüftelte er gerade wieder an neuen Ideen für seine Erfindungen. „Vater, was ist das?“ Fragte Emma neugierig und wischte den Staub von der Kiste.


Charles, der immer noch tief in Gedanken versunken war, blickte auf die Kiste in Emmas Händen und ein seltenes Lächeln huschte plötzlich über sein Gesicht. „Das meine Liebe, ist der Schlüssel zu unserer Zukunft. Ich arbeite schon seit Jahrzehnten daran und vor wenigen Wochen ist mir bewusst geworden, dass wir sie gemeinsam beenden können.“ Sagte er und Emma setzte sich staunend zu ihrem Vater an den Tisch.


Charles öffnete die Kiste und enthüllte Pläne und Zeichnungen einer Maschine, die das Potential hatte, die Welt zu verändern. „Dies mein Kind ist eine Maschine, die klüger ist, als wir Menschen es sind. Sie vermag es unser Leben auf mannigfaltige Weise zu erleichtern.“ Sagte er voller Begeisterung und warf seine Hände in die Höhe. Daraufhin erklärte er seiner Tochter, dass diese Erfindung, wenn sie erfolgreich umgesetzt werden würde neue, unvorstellbare Möglichkeiten eröffnen könnte, woraufhin Emma begeistert versprach beim Bau der Maschine zu Helfen.


Die Monate vergingen und aus Herbst wurde Winter. Charles und Emma arbeiteten jeden Tag emsig an der Erfindung und je mehr sie in das Projekt vordrangen, desto mehr Schwierigkeiten tauchten auf. Materialien gingen aus, weswegen Charles stets in weit entfernte Städte reisen musste und durch die Kälte, die sich dank des Winters über London gelegt hatte, wurde es immer unbequemer in der alten, kleinen Werkstatt.

 

„Wir müssen schneller Arbeiten!“ Sagte Charles eines Tages, als er mit seiner Tochter im Wohnzimmer der kleinen Hütte saß, Kaffee trank und den Schneeflocken durch das runde Fenster beim Tanzen zuschaute.


Und so wurde es auch gemacht. Die folgenden Tage und Nächte waren ein Wirbelsturm aus Aktivität. Emma und Charles arbeiteten unermüdlich und trotz aller Widrigkeiten gelang es ihnen schließlich, die Maschine zu vollenden.


Und ein Paar Tage später, stand der Erfinder auch schon mit seiner Tochter und seiner genialen Erfindung vor der Königin Großbritanniens und ihren Beratern. Charles konnte seine Aufregung nicht unterdrücken und schaute nervös seine Tochter an, die ermutigend seine Hand in ihre nahm, was ihren Vater doch tatsächlich zum Reden brachte. „Eure Majestät, dies ist eine Erfindung, die die Zukunft verändern wird. Ich nenne sie Mechanischer Denker.“ Sagte Charles stolz und zwirbelte an seinem Ziegenbart. „Sie kann beispielsweise für komplexe Berechnungen in der Wissenschaft benutzt werden.“ Grinste er. „Sie kann Menschen in der Medizin und Forschung unterstützen. Sie kann das Wetter vorhersagen, sie kann uns alle weiterbilden! Denken Sie mal daran, wie gut das für die Jugend wäre.“ Zählte der Wissenschaftler auf und ließ die Königin und ihre Berater seine Erfindung begutachten. „Diese Erfindung wird uns allen die Arbeit erleichtern! Sie wird die Welt zu einem besseren Ort machen!“ Lächelte Charles und auch Emma grinste breit. So glücklich hatte sie ihren Vater lange nicht mehr gesehen.


„Das ist wirklich eine großartige Erfindung Mister Cartwright!“ Lobte die Königin. „Sie haben eine fabelhafte Arbeit geleistet. Nun können Sie mit Stolz dieses Schloss verlassen, denn Sie haben mit guten Taten ihrem Land geholfen.“ Sie lächelte sanft und mit diesen Worten gingen Charles und Emma aus dem Schloss zurück zu ihrer kleinen Hütte. So glücklich und lebenserfreut waren die beiden lange nicht mehr gewesen und am Abend feierten sie ihren Erfolg mit einem großen Schokoladenkuchen und schmackhaften Rotwein.


Die Monate vergingen und aus Winter wurde Frühling. Der alte Wissenschaftler saß in seinem Garten und atmete gutgelaunt den Duft der blühenden Krokusse und des Flieders ein, während seine Tochter Emma ein Paar Tulpen einpflanzte und dabei ein Lied vor sich hin summte. Fröhlich nahm Charles die tägliche Zeitung zur Hand, doch nachdem er den ersten Artikel gelesen hatte, wurde er blass. „Emma!“ Steiß er frustriert aus und Emma drehte sich lächelnd zu ihrem Vater um. „Was ist Vater?“ Fragte sie und hörte, wie ihr Vater ihr vorließ, was in der Zeitung stand.


„Dank der Erfindung Mechanischer Denker gewann unser Land einen Krieg im Fernen Osten. So wurde die Zahl der Kolonien Großbritanniens erweitert und aufgrund des mechanischen Denkers haben wir im Gegensatz zu unseren Feinden wenige Soldaten verloren.“


Als Charles aufgehört hatte zu lesen, sprang Emma fröhlich vom Rasen auf und gab ihrem Vater eine Umarmung. „Oh Vater, was für fantastische Neuigkeiten! Ich bin ja so stolz auf dich! Sieh wie viel Gutes du unserem Land gebracht hast!“ Lachte Emma glücklich, doch ihr Lächeln verschwand, als sie den zutiefst traurigen Blick ihres Vaters bemerkte. „Aber was ist denn Vater? Warum scheinst du bekümmert zu sein?“


„Emma, verstehst du denn nicht? Das, was hier in der Zeitung steht, ist eine Katastrophe! Ich wollte mit meiner Erfindung Gutes bewirken! Ich wollte mit ihr erreichen, dass unsere Aufgaben nicht mehr so viel und schwer sind, dass in der Medizin ein Fortschritt gemacht wird und unsere Wirtschaft sich verbessert! Ich wollte, dass meine Maschine gute Taten vollbringt, doch jetzt haben sie meine Maschine benutzt, um Menschen zu ermorden! Um Kriege zu machen! All diese verstorbenen Personen, sind mein Werk! Es ist einzig und allein meine Schuld, dass sie Opfer eines grauenhaften Todes geworden sind.“ Emma sah stumm, wie eine Träne über das Gesicht ihres Vaters rann. „Oh Emma, was habe ich bloß angestellt?“ Fragte ihr Vater weinend und fasste sich zuerst an die Stirn und dann an die Brust, als würde sein Herz ihm wehtun. „All diese Menschenleben, liegen auf meinen Schultern!“ Sagte Charles voller Kummer. „Ich bin schuld an deren Tod! Ich wollte mit meiner Waffe Gutes erreichen und doch habe ich nur Schlimmes angerichtet! Das alles ist meine Schuld! All diese verstorbenen Menschen,- ich habe sie getötet!“


Charles weinte immer mehr, sodass er am ganzen Körper zu zittern anfing. Auch Emma fing nun zu weinen an, denn so traurig und verzweifelt hatte sie ihren Vater noch nie gesehen. Sie nahm ihn fest in die Arme und ließ ihn nicht los, bis die Sonne anfing unterzugehen und die beiden frustriert in ihre kleine Hütte gingen. „Ich mache uns Abendbrot.“ Sagte Emma, doch Charles war der Appetit vergangen, er wollte nur noch ins Bett. Emma begleitete ihn und gab ihm einen Gutenachtkuss. „Alles wird wieder gut Vater! Ich verspreche es.“ Sagte sie und wusste nicht, dass dies die letzten Worte waren, die Charles Cartwright von ihr vernommen hatte, denn als sie am nächsten Morgen in sein Zimmer ging, um ihn zu wecken, fand sie ihn tot auf, denn er war über Nacht an seinem gebrochenen Herzen gestorben.


Vielleicht wäre dies nie geschehen, wenn er gewusst hätte, dass seine geniale Erfindung im laufe des Krieges verschollen ist und nicht mehr in den Händen der Königin war.

 

100 Jahre später jedoch wurde der mechanische Denker von einem jungen Mann gefunden und an einen Wissenschaftler verkauft. Dieser durschaute das Konzept der Maschine schnell und erkannte ihre Genialität sofort. Also verbrachte er die restlichen Jahre seines Lebens mit der Weiterentwicklung der Erfindung und als sein Sohn ihn eines Tages fragte, woran er denn immer arbeiten würde, teilte der Wissenschaftler ihm mit, dass er etwas erschaffen hatte, was intelligenter war als ein Mensch. „Diese Maschine könnte unsere Welt verändern! Sie kann die neue Zukunft der Menschheit sein!“ Grinste er und auch sein Sohn lächelte. „Weißt du, wie ich sie nenne Tom? Ich nenne sie künstliche Intelligenz,- kurz KI.“

 


 

2. Preis: Nele Knickmeyer, Kassel
 

Kastanienbraun

Heim. Kinderheim. Mein neues Zuhause. Seit einer Woche. Nur noch 12 weitere, bis ich hier raus kann. Aus meinem Albtraum. 17 Jahre meines Lebens hab ich vor diesem Ort Angst gehabt und alles dafür getan, um nicht hier zu landen. Nur noch 12 weitere, bis ich 18 bin. Was danach mit mir passiert, weiß ich nicht. Wissen die nicht. Weiß niemand. Am schlimmsten ist nicht das Gefühl, nicht geliebt zu werden oder dass Christina versagt hat. Das kenne ich schon. Dass ich endgültig versagt habe, ist das schlimmste. 17 Jahre habe ich für mich und meine Geschwister gekämpft, um jetzt in so einer Einrichtung zu sitzen? „Wir wollen euch nur helfen“, haben die gesagt. Helfen? Mir helfen kann nur ich selber. Ich fühle mich wie in einem Käfig, wie in einem Gefängnis. Gefangen ohne jene Chance, zu entkommen. Ein Hochsicherheitsgefängnis, genau. In dem nur die schlimmsten Verbrecher landen. Nun sitze ich hier und starre aus dem Fenster in die triste Natur. „Noch nicht mal einen schönen Garten hat das Kinderheim“, denke ich mir. Irgendwas Gutes muss diese Einrichtung doch haben, oder nicht? Wenn es nicht der Garten, auch nicht die Zimmer oder die Menschen sind, was ist es dann? Helfen können sie uns auch nicht. Die Kinder, die hier landen, haben schon viel zu schlimme Sachen erlebt, um wieder geheilt werden zu können. Das könnt ihr mir glauben. Ich spreche aus Erfahrung. Ein lautes, dumpfes Klopfen reißt mich aus meinen Gedanken. Jemand klopf an der Tür. Ich stehe auf und bewege mich über die knarrenden Holzdielen zur Tür. Nichtsahnend reiße ich die Tür sperrangelweit auf. Hätte ich gewusst, wer hinter der Tür auf mich wartet, wäre ich aus dem Fenster gesprungen, anstatt die Tür so leichtsinnig zu öffnen. Man, warum haben die Türen in diesem Drecksloch keine Spione verbaut? Diesem kleine Loch in der Haustür unserer alten Wohnung, habe ich mein Leben und das Leben meiner Geschwister zu verdanken. Schon oft hat uns der Blick durch den Spion gerettet. Nun befinde ich mich schon wieder in so einer Situation, verdammt! Sage ich ja: dieses Kinderheim kann uns kaputten Kinder auch nicht mehr retten. Wir sind zu kaputt. Unsere Vergangenheit wird uns immer wieder einholen. Da schützen uns auch die dicken, massiven Wände des Heims nicht. Meine Pupillen weiten sich. Adrenalin schießt durch meine Venen. Mein Herz pocht und meine Hände ballen sich automatisch zu Fäusten. Wie kommt er hier rein? Woher weiß er, dass wir nach Berlin gezogen sind? Mir stockt der Atem. Kein Wort weicht über meine Lippen. Fängt jetzt alles wieder von vorne an? Die Verfolgung und das Weglaufen? Ich dachte, nein, ich war mir zu 100 Prozent sicher, dass wir auf Ewig befreit sind von seinen Fesseln. Von den Fesseln meines Vaters. John. „Mein Schatz. Schön, dich endlich wiederzusehen. Lass dich ansehen, du bist ja so erwachsen geworden“, sagt er. Ich dachte ich höre nicht richtig. „Meinst du das ernst?“, frage ich ihn verwundert und deutlich aufgebracht über sein unerwartetes Erscheinen. „Schatz, ja natürlich meine ich das ernst. Was ist los mit dir? Komm zu deinem alten Herren. Wir haben uns doch so lange nicht gesehen.“ Nach fünf Jahren steht dieser Mann in der Tür meines Zimmers im Kinderheim und tut so als ob nichts passiert wäre? Ich fasse es einfach nicht. Es hat sich nichts geändert. Er ist immer noch genau der selbe, dreiste, ekelhafte Mann, wie vor fünf Jahren, nur älter. Die wenigen Haare, die er noch auf dem Kopf trägt, sind schon grau. Früher waren sie noch braun. Kastanienbraun und lockig, so wie meine. Nun steht er da mit offenen Armen. Ich, immer noch erfüllt von Furcht und Wut, stürme an ihm vorbei mit dem Ziel, Hilfe zu holen und meine Geschwister zu retten. Doch meine „Hilfe“ war näher bei mir, als ich dachte. Die Leiterin des Kinderheims stand ein paar Schritte entfernt neben meinem Vater und war anscheinend die ganze Zeit über dabei. Ich bleibe gerade noch rechtzeitig vor ihr stehen, bis ich endlich verstanden habe, was gerade hier vorgeht. „Ach deshalb machst du einen auf „bester Papa der Welt“, ich verstehe. Frau Schmidt, warum tun sie mir sowas an und lassen ihn hier rein? Sie wissen doch Bescheid, was er uns und unserer Mutter damals angetan hat. Wegen ihm sitzen wir doch überhaupt in diesem Loch hier fest.“ Ich merke, dass glühend heiße Tränen meine Wangen hinunter strömen. Ich komme mit dieser Situation nicht klar. Ich habe Angst und alles hier erinnert mich an früher. Dieses Kinderheim kann uns nicht nur nicht helfen, sondern zerstört auch den letzten Rest unserer Seele, der noch übrig ist. „Ganz ruhig, Hannah, ganz ruhig. Dein Vater hat sich verändert, vertrau mir.“ „Ihnen vertrauen? Meinen Sie das gerade ernst? Das bisschen Vertrauen, was ich in Sie hatte, ist soeben gestorben.“ „Hannah, hör mir doch bitte erst zu, bevor du urteilst. Dein Vater hat sich verändert. Er wurde zwei Jahre früher als geplant aus dem Gefängnis entlassen, da er sich vorzüglich benommen hat. Die nächsten zwei Jahre ist er auf Bewährung und wenn er diese ebenso gut, ohne Vorfälle, meistert, ist er ein freier Mann, der rechtmäßig für seine Taten bezahlt hat. Gib ihm wenigstens eine Chance. Hannah, er ist doch dein Vater.“ Für kurze Zeit denke ich drüber nach, ob ich vielleicht schlafe und das ganze nur ein böser Albtraum ist. Doch diese Idee verwerfe ich schnell wieder. John sagt: „Ja Hannah, hör auf Frau Schmidt. Gib mir doch wenigstens eine Chance.“ Daraufhin erwidert die Leiterin dieser Hölle: „ Denk doch mal drüber nach, welche Türen dir und deinen Geschwistern bei einer Versöhnung mit eurem Vater offen stehen würden.“ Sie pausiert und ich starre nur mit leblosen und kalten Blick ins Nichts. Schwärmend fährt sie fort: „ Da dein Vater so grandiose soziale Arbeit während seiner Inhaftierung geleistet hat, besteht sogar die Möglichkeit, dass er das Sorgerecht für dich und deine Geschwister bekommen kann! Hannah, das bedeutet, dass ihr nicht mehr länger hier wohnen müsst!“ Sofort blicke ich entgeistert auf sie. Mit einem Mal wird mir alles klar. Ich sehe schon die Fesseln in seiner Hand, die wieder einmal bereit sind, uns an ihn zu binden. Das war sein Plan. Alles hier wurde von ihm im Vorhinein exakt durchgeplant, bis auf die kleinste Sekunde. Er will sich bei uns rächen, dafür, dass wir damals zur Polizei gegangen sind. Typisch John. Grausam, so wie immer. Es hat sich wirklich nichts verändert, bis auf seine grauen Haare, die vorher braun waren. Kastanienbraun und lockig, so wie meine. Das ist die einzige Gemeinsamkeit, die wir haben. Und ich bereue sie. Ich bereue, dass ich das, was ich gleich tun werde, nicht schon viel früher getan habe. „Renn, Hannah, renn!“, flüstert eine Stimme in meinem Kopf. Und ich tue es. Ich renne. Ich renne in das Zimmer meiner kleinen Schwester. Ich renne in das Zimmer meines kleinen Bruders. Ohne ein Wort zu ihnen zu sagen, rennen wir aus diesem Gefängnis, aus dieser Hölle. Weit weg von ihm und seinen eisernen, kalten Fesseln. Wir rennen durch den tristen Garten hinein in den dunklen Wald. Nur noch 12 Wochen, bis ich 18 bin.

 


 

3. Preis & Publikumspreis: Maja Kaul, Kassel
 

Neunzehn

Als Kind sammelte ich oft die Schneckenhäuser auf dem Gehweg oder auf der Wanderung ein. Ich hielt sie in meiner kleinen Hand. Die Braun- und Gelbtöne hoben sich deutlich von meiner hellen Haut ab. Ganz selten waren die Häuser auch mal rosa. Dann sahen sie beinahe aus, wie meine Hand.


Meistens waren sie leer. Doch manchmal entdeckte ich eine kleine schleimige Schnecke darin, die ich dann mit meinem Finger anstupste. Daraufhin zog sie sich zusammen und kroch noch tiefer in ihr Haus hinein. Dieses Phänomen fand ich so spannend, dass ich es immer wieder wiederholte und sie dann aus Mitleid wieder ins Gras setzte.


Es war wie mit Ameisenhaufen. Einfach faszinierend, wie Lebewesen reagierten, sobald ich etwas tat: Die Schnecke zog sich zusammen, die Ameisen krabbelten wild durcheinander, sobald ich mit der Schuhspitze in ihren Haufen trat.


Ich habe Mama damals gefragt, warum in manchen Häusern keine Schnecken mehr sind aber in anderen schon. Sie antwortete, sie habe keine Ahnung warum. Ich überlegte eine Weile und kam dann zu dem Schluss, dass die Schnecken bestimmt nur einen Ausflug machten, so wie wir in diesem Moment.


Heute sind ein paar der gesammelten Schneckenhäuser in einer kleinen Box in einer Kiste unter meinem Schreibtisch unter dem Hochbett, dass ich noch aus Kindertagen habe. Eigentlich ist die Box, in der die Schneckenhäuser sind, sogar etwas größer als klein. Darin sind auch die Briefe von Papa und die Postkarten meiner Großeltern und ein paar Steine. Und eben auch die Schneckenhäuser. Kleine und größere, ein paar sogar von Weinbergschnecken.


Ich knie mich auf den blanken Boden in meinem Kinderzimmer und nehme eines der Schneckenhäuser heraus. Es liegt genau so leicht in meiner Hand wie damals, nur wirkt es jetzt viel kleiner. Die Antwort meiner Mutter geht mir durch den Kopf, und ich frage mich, ob sie mittlerweile wüsste, warum keine Schnecken mehr in den Häusern sind. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass Schnecken nicht ohne Haus einen Ausflug machen, also sind sie wahrscheinlich gestorben oder gefressen worden.


Ob das der Lauf des Lebens ist? Für Schnecken bestimmt. Nachdenklich lasse ich den Gegenstand in meiner Hand hin und her rollen, bis er mir aus den Fingern fällt und auf dem Boden landet. Schnell hebe ich ihn auf und betrachte ihn vorsichtig von allen Seiten. Nichts ist kaputt gegangen.


„Mika, kommst du?“, ruft meine Mutter aus der Küche. Oder ist sie schon beim Auto?


„Ja, sofort!“, antworte ich ihr, leiser als eigentlich notwendig.


Meine raue Fingerkuppe streicht über das Schneckenhaus. Dieses ist gelb-grün mit braunen Streifen. Es fühlt sich glatt an. Viel glatter als die Tapetenreste meines Zimmers, über die meine Finger anschließend streichen. Hier waren früher mal Blumen abgebildet und davor war alles grün und davor stand überall mein Name in rotem Filzstift. Die Kratzer auf dem Fußboden waren vor kurzem noch mit einem Teppich verdeckt. Jetzt sind sie deutlich zu sehen. Sie sind durch die Bauklötze und Legosteine entstanden.


Ich denke an die erste Nacht in diesem Haus. Alles war fremd und neu und knarzte, also bin ich mit meinem Stoffpferd Hannes zu Mama und Papa ins Bett gegangen.


Hannes hatte ich auch dabei, als ich das erste Mal bei meiner besten Freundin übernachtete. Und beim zweiten und dritten Mal. Meine Hand schließt sich um den kühlen Türgriff, den ich schon so oft berührt habe, dass es sich nicht lohnen würde zu zählen.


Ich kenne dieses Haus, wie sonst niemand. Zumindest würde ich das behaupten.


Ich weiß genau welche Treppenstufe knarzt und welches der Fenster tief genug über dem Boden ist, um herauszuklettern. Ich weiß, welchen Stuhl Mama hasst und auf welchem sie am liebsten sitzt. Ich weiß, dass die Haustür ab einem Winkel von achtzig Grad weit genug offen steht, damit man ein Klavier hineintragen kann und ich weiß, dass es fünf Grad mehr braucht, um es wieder hinauszutragen.


Ich weiß, dass das hier mein Zuhause ist. Mein Zuhause, dass ich am liebsten überall mit hinnehmen würde, auch nach meinem Abschluss. Wie die Schnecke, denke ich. Nur dass die ihr Haus tatsächlich immer mitnehmen kann. Dafür ist sie nur eben viel langsamer. Vielleicht ist das der Preis, den man zahlen muss, um sein Zuhause immer bei sich zu behalten.


„Zuhause ist ein Gefühl“, sagte Papa, bevor er seine Weltreise startete. Ein Gefühl kann man mitnehmen, oder? In Erinnerungen und lahmen Handyfotos von Familie und Freund:innen. Das ist doch viel leichter als ein gesamtes Haus.


Meine Hände werden schwer und ich lasse sie an der Tür hinuntergleiten. Jetzt baumeln sie lustlos an den Seiten meines Körpers. Ich fühle mich träge. Obwohl ich weiß, dass heute eine spannende Zeit beginnt und ich hier nicht zum letzten Mal sein werde, auch wenn es sich verdammt abschließend anfühlt, sein Zuhause für längere Zeit zu verlassen.


Was, wenn jemand anderes es findet, wie ich damals das Schneckenhaus auf dem Gehweg? Wenn jemand Fremdes einzieht und es zu seinem eigenen Zuhause macht? Wo ist dann mein Zuhause?


Papa würde sagen in meinem Herzen. Mama würde sagen in den Dingen, die ich in mein neues Zuhause mitnehme. Ich würde sagen ich muss mir ein neues Zuhause bauen.


So ist das eben, wenn man auszieht. Für manche wird das Haus zu eng, für andere wird es langweilig und wieder anderen wird es einfach weggenommen. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, als ich verstehe, dass auch ich vielleicht ein Zuhause weggenommen habe, als ich das Schneckenhaus vor dreizehn Jahren einsteckte.


Es wirkt zwischen meinen Fingern so zerbrechlich. Fast so fragil, wie das Gefühl von Heimat, dass ich selbst habe.


Vielleicht war es für die Schnecke dieses Hauses ebenfalls soweit auszuziehen. Vielleicht gefiel ihr die Farbe nicht mehr, die sie tagtäglich sah, vielleicht war sie auch beinahe neunzehn Jahre alt und begann ein völlig anderes Leben zu führen und ließ ihr Haus deswegen zurück. Vielleicht zog es sie in die Ferne, also warf sie ihren Ballast von sich, um leichter zu wandern. In der Hoffnung irgendjemand nimmt ihr altes Heim auf und beschützt es, wie sie es getan hat. Meine Augen werden feucht und ich seufze schwer, während ich zurück zu der Kiste laufe. Mein Bett und Schreibtisch werden morgen abgeholt und zum Flohmarkt gebracht. Meine neuen Sachen stehen bereits draußen im Transporter.


Ich lasse das Schneckenhaus in meine Jackentasche gleiten und packe die kleine Box, die eigentlich etwas größer als klein ist in den letzten offenen Pappkarton zu Hannes, hebe ihn an den Seiten an und laufe die Treppen hinunter. Unten stelle ich den Karton zu den anderen in den Transporter und schließe die Türen.


Als ich mich zu meiner Mutter ins Auto setze und sie den Motor anlässt, betrachte ich noch einmal das kleine Schneckenhaus in meiner nun großen Hand, drehe es hin und her und stecke es sachte wieder zurück. Wer weiß: Vielleicht macht die Schnecke ja doch nur einen Ausflug.

 


 

2023 - 21. Holzhäuser Heckethaler

Wettbewerb 1: Alle Altersgruppen ab 14 Jahren im deutschsprachigem Raum

 

Thema: Dumm gelaufen

 

1. Preis & Publikumspreis: Petra Spielberg (56 Jahre), Wiesbaden
 

Ironie des Schicksals

Rudolf Geissler war ein bemerkenswerter Mann. Besser gesagt: Er war bemerkenswert friedfertig. Nie verlor er die Beherrschung. Stets nahm er die Dinge wie sie kamen, auch wenn er schlecht geschlafen hatte oder seine letzte Schicht mal wieder ungemein aufreibend gewesen war. Doch er fand, dass es zu nichts führte, sich über Dinge aufzuregen, die er sowieso nicht ändern konnte.


Ja, friedfertig. Das traf es aus seiner Sicht. Die meisten seiner Kollegen waren zu seinem Leidwesen weniger duldsam. Sie werteten jede Überstunde und jeden bürokratischen Akt als persönlichen Affront und beklagten sich in einem fort: über ihren Arbeitgeber, über die Patienten, über ihre Mitarbeiter und natürlich über die Politik. Über diese Großkopferten in Berlin, die ihnen den ganzen Mist eingebrockt hatten und fortlaufend neuen Blödsinn ersannen, um ihnen Knüppel zwischen die Beine zu werfen, während sie sich abrackerten wie in einem Hamsterrad.


Überhaupt, fand Geissler, schienen viele seiner Mitmenschen das Leben an sich als unzumutbare Bürde zu empfinden. Klar kannte auch er Momente des Grolls oder fühlte sich bisweilen ungerecht behandelt. Aber er vermied es, lauthals in das allgemeine Gejammer und Gezeter einzufallen und wehrte sich nach Kräften dagegen, sich von der schlechten Laune anstecken zu lassen, die ihn allenthalben umgab wie dichter Nebel. Stattdessen hatte er sich angewöhnt, etwaige Ärgernisse an den Rand seines Bewusstseins zu drängen, als wären sie Sperrmüll, der zur Abholung bereitstand.


Auch gestern hatte er es so gehandhabt, obwohl es ihm durchaus zugestanden hätte, aus der Haut zu fahren.


Es ging um seinen jüngsten Steuerbescheid. Auf seine freundlich vorgetragene Frage, wie es sein könne, dass seine Nachzahlung dieses Mal so ungewohnt hoch ausfiel, hatte ihm der Mitarbeiter des Finanzamtes, mit dem er deswegen telefonierte, frech erwidert: »Stellen Sie sich nicht so an. Sie verdienen als Arzt doch genug und müssen wegen der paar Kröten in Zukunft ganz sicher nicht am Hungertuch nagen.«


Geissler hatte einen Moment lang entrüstet nach Luft geschnappt, die Unverschämtheit dann jedoch kurzerhand weggeatmet und das unerquickliche Gespräch zähneknirschend, aber höflich beendet. Seine Taktik, sich nicht unnötig über die Nackenschläge, die einem das Leben verpasste, aufzuregen, hatte wieder einmal wunderbar funktioniert.


Doch Geissler sollte die Friedfertigkeit, derer er sich rühmte, schon sehr bald über Bord werfen wie lästiges Treibgut. Das Telefonat mit dem Finanzbeamten mit dem ungewöhnlichen Namen Handloser sollte dabei eine entscheidende Rolle spielen. Doch davon ahnte Geissler zu jenem Zeitpunkt noch nichts. Auch das unangenehme Ziehen in der Magengegend, das ihn seit dem Gespräch quälte, deutete er nicht als schlechtes Omen.


Und so betrat der Arzt am nächsten Morgen, getragen von einer Welle milder Frühlingsluft und im festen Glauben, dies werde ein Arbeitstag wie jeder andere, gut gelaunt das Krankenhaus, in dem er seit siebzehn Jahren arbeitete. Während er ein fröhliches »Einen guten Morgen allerseits« in die Runde trällerte, eilte er beschwingten Schrittes den Gang hinunter. Er tauschte sein Hemd und seine Jeans gegen seine stahlblaue Berufsbekleidung und ging in die hell erleuchtete Notaufnahme.


Nur wenige Atemzüge später ging es los. Ein Schlaganfall. Männlich, Mitte Siebzig, adipös, langjähriger Raucher. Der Klassiker. Geissler verkniff es sich, etwas zur Vorgeschichte des Kranken zu sagen und machte sich zügig an die Arbeit. Er stellte fest, dass der Mann weder sprechen, noch seine linke Seite bewegen konnte, ordnete einige neurologische Untersuchungen an, leitete danach die notwendige Therapie zur Auflösung des Blutgerinnsels ein, das den Schlaganfall ausgelöst hatte, und übergab den Fall schließlich zur Weiterbehandlung an die zuständige Abteilung im Haus.


Kaum hatte der Mann die Notaufnahme verlassen, hatte Geissler dessen Gesicht auch schon wieder vergessen. Auch dessen Name interessierte ihn nicht weiter. Für Geissler waren alle Patienten lediglich Fälle. Er hatte sein Gehirn darauf trainiert, jeden Neuzugang nur nach seiner Diagnose einzuordnen und abzuarbeiten. Das genügte und verschaffte ihm zudem die notwendige Distanz. In den Anfängen seiner Karriere hatte er noch den Fehler begangen, dem ein oder anderen Schicksal, das ihm begegnete, einen gewissen Raum in seinen Gedanken zu geben. Aber das hatte ihm nur Alpträume beschert. Seither machte er sich keine Mühe mehr zu hinterfragen, was aus denjenigen geworden war, die die Notaufnahme durchlaufen hatten: ob sie schnell oder langsam genesen oder möglicherweise verstorben waren.


Als nächstes brachte ein Pfleger ein siebenjähriges Mädchen herein. Sie war auf dem Schulweg mit dem Fahrrad gestürzt und hatte sich den rechten Unterarm gebrochen. Geissler ließ ein Röntgenbild anfertigen und besah sich die Aufnahme. Der Bruch war glatt und musste nicht operiert werden. Der Arzt lobte das Mädchen dafür, dass es so tapfer war und schickte den Pfleger mit dem Kind in den Gipsraum. »Gute Besserung«, gab er der Kleinen mit auf den Weg, während er sich bereits dem nächsten Fall zuwandte: ein Herzinfarkt.


Es folgten in kurzen Abständen: ein Verkehrsunfall mit Polytrauma, eine gerissene Bauchschlagader, eine epileptische Krise, ein Blinddarmdurchbruch, ein Fall mit unklaren Lähmungserscheinungen sowie eine schwere allergische Reaktion. Alles war wie immer. Hektisch und nervenaufreibend. Aber Geissler hatte die Situation im Griff und wie üblich auch sich selbst, obwohl der Dienst ihm wieder einiges abverlangte und sein Magen weiterhin unterschwellig rebellierte.


Jeder abgearbeitete Fall gab ihm allerdings auch ein gutes Gefühl. Er genoss es, die Weichen zur Rettung eines Lebens stellen zu können wie ein Bahnwärter. Ja, er gab es ungern zu. Aber mitunter fühlte er sich wie der sprichwörtliche Gott in Weiß.


Dann fand ein Gezeitenwechsel statt. Die Flut an Patienten ließ nach. Ebbe trat in der Notaufnahme ein und nahm die Geschäftigkeit der ersten Stunden mit sich in den großen Ozean der Vergangenheit.


Geissler hatte endlich Zeit für eine Pause. Er wusch sich zum wahrscheinlich dreißigsten Mal an diesem Morgen die Hände, setzte sich an seinen Schreibtisch, schob die Papiere, die zuvorderst lagen nach hinten und ließ sich von einer Schwester einen Kaffee bringen. Eine junge Assistenzärztin gesellte sich zu ihm, indem sie sich krachend auf der Kante seines Schreibtisches niederließ.
 

»Oh Mann, manche Patienten können einem den allerletzten Nerv rauben«, stieß sie gereizt hervor, während im Hintergrund das Monitoringsystem zur Überwachung der Vitalfunktionen eines Schockpatienten leise piepste.


»Na, na«, tadelte Geissler sie milde.
 

Doch die Ärztin schimpfte unverdrossen weiter. »Nein wirklich. Einige Leute haben es echt nicht verdient, dass wir uns für sie abmühen. Manchmal denke ich, ich hätte besser ...«


Geissler stellte die Ohren auf Durchzug, bemüht, die Litanei an sich abperlen zu lassen, während sein Magen ihm saure Signale in die Speiseröhre sandte.


Dann geschah es.


Die Ärztin gestikulierte wild mit den Armen und stieß dabei Geisslers noch randvolle Kaffeetasse um. Der kochend heiße Inhalt ergoss sich über seine Hose und verbrühte ihm die Oberschenkel. Geissler schoss in die Höhe und stöhnte schmerzerfüllt auf. Im selben Moment klingelte sein Mobiltelefon. 
 

An der Stelle hätte Geissler durchaus aufgehen können, dass ungewöhnlich viele atmosphärische Störungen in der Luft lagen, die ihn heute seine Friedfertigkeit kosten konnten. Tat es aber nicht. 


Er unterdrückte seinen spontanen Unmut über die Ungeschicklichkeit seiner jungen Kollegin, tupfte seine Hose notdürftig trocken und eilte in den Schockraum. 
 

»Was haben wir hier?«, fragte er den Notarzt, als er an den Tisch herantrat, auf dem der Neueingang lag.


»Der Mann wollte in seinem Garten einen Baum fällen, ist dabei mit der Motorsäge abgerutscht und hat sich den linken Unterschenkel halb weggesäbelt. Er trug keine Schnittschutzhose. Ich fürchte, die Tibia, der Tibialis Anterior und mehrere Sehnen sind hin. Wir haben den Patienten stabilisiert. Sein Kreislauf drohte aufgrund des hohen Blutverlustes und des Schocks zu versagen.«


Geissler wandte sich an den Mann. »Hallo. Können Sie mich hören?«, fragte er ihn und sah ihm dabei forschend ins Gesicht.


Der Patient nickte schwach. Er war leichenblass und seine Haut war mit einem kalten Schweißfilm überzogen. »Werde ich meinen Unterschenkel verlieren?« würgte er ängstlich hervor, während Geissler seine Wunde eingehend studierte.


Geissler antwortete nicht. »Wie heißen Sie?«, erkundigte er sich stattdessen, nicht, weil ihn die Identität ausgerechnet dieses einen Patienten interessierte, sondern um den Mann am Reden zu halten, damit er nicht ohnmächtig wurde.
 

»Handloser«, flüsterte der Mann. »Klaus Handloser.«


In Geisslers Gehirn macht es klick. Der Finanzbeamte.
 

Geissler trat einen Schritt vom Tisch zurück und wurde sich im selben Moment wieder der schmerzhaften Verbrühungen an seinen Oberschenkeln bewusst. Gleichzeitig blitzten in seinem Gehirn die unverfrorenen Worte auf, die Handloser ihm gestern am Telefon um die Ohren gehauen hatte und sein guter Vorsatz, stets ein friedfertiger Mensch zu sein, zerplatzte urplötzlich wie eine Seifenblase. Eine ungewohnte Wut ergriff von ihm Besitz, vereinte sich mit dem Groll, den er bei anderen Gelegenheiten heruntergeschluckt, aber offensichtlich nie richtig verdaut hatte, und er nahm sich vor: Er, Rudolf Geissler, würde zurückschlagen. Dieses eine Mal würde er zurückschlagen und zwar mit voller Wucht. Er würde es dem Mann, der da hilflos vor ihm lag, heimzahlen. Jedes verdammte einzelne Wort würde er ihm heimzahlen, diesem Arschloch von einem Finanzbeamten.


»So, so, Handloser«, sagte er kalt lächelnd. »Mein Name ist Geissler, Dr. Rudolf Geissler. Sie erinnern sich?«


In Handlosers Augen trat ein unruhiges Flackern.


»Nein? ... Wir haben gestern telefoniert wegen meines Steuerbescheids«, half ihm Geissler auf die Sprünge. »Na, fällt der Groschen? ... Übrigens wirklich dumm gelaufen mit Ihrem Unfall. Die Wunde sieht übel aus. Ganz übel. Ich weiß nicht, ob wir Ihren Unterschenkel retten können. Ich denke, eher nicht. Sie sollten sich vielleicht besser in Beinloser umbenennen.« Geissler lachte rau. »Aber machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Ich bin sicher, das wird Sie nicht weiter beeinträchtigen. Sie sind ja schließlich Beamter und üben ihre Tätigkeit vorwiegend im Sitzen aus.«


Dann ordnete er an, den panisch dreinblickenden Handloser in Narkose zu legen.

 


 

2. Preis: Alexandra Dorn (77 Jahre), Niedernsill (Österreich)
 

Die Alte schaffen wir

Max nahm eine Zigarette aus der Schachtel. „Verdammt, die Letzte!“

 

„Wo bekommen wir nun Nachschub her?“, meinte Tom, „ich habe keinen müden Cent mehr. Bier ist auch leer“.

 

„Irgendwie müssen wir an Geld kommen. Auf keinen Fall mit Arbeit“, meinte Max. Beide schwiegen im gemeinsamen Entsetzen.

 

Tom unterbrach das Schweigen: „Ich hätte da vielleicht eine Idee, wie wir auf einfache Art und Weise zu Geld kommen könnten.“

 

„Schieß los, Alter“, meinte Max aufgeregt.

 

„Ja also, bei uns im Haus wohnt so eine alte Tante. Die ist schon ziemlich verkalkt. Ich weiß aber, dass sie eine Menge Kohle hat und obwohl sie schon uralt ist, versucht sie, sich auf jung zu trimmen. Ich glaube, sie würde alles tun, um nicht alt zu werden.“

 

„Ja und wie sollen wir da an Geld kommen“, meinte Max enttäuscht.

 

„Wir werden ihr ein Anti-Aging-Mittel verkaufen“, sagte Tom triumphierend.

 

„Hä! Ich verstehe nicht. Wie sollen wir das machen?“ Max sah seinen Freund entgeistert an.

 

„Wir werden eines erfinden. Wir mischen einfach irgendetwas zusammen. Dann werden wir die alte Tante besuchen und ihr dieses Gemisch als Wundermittel verkaufen.“

 

„Und du glaubst, dass sie uns das abnimmt?“

 

„Ja, ich mach am PC noch ein paar tolle Prospekte, dann wird sie uns das Mittel für viel Geld abkaufen“.

 

Tom war von seinem Plan begeistert, Max nicht. „Na ja, versuchen können wir es ja mal. Und was werden wir in dieses sogenannte Wundermittel hineinmischen. Wir haben doch kein Geld, um Zutaten zu kaufen.“

 

„Kein Problem“, beruhigte ihn Tom, „ich suche einfach in der Speisekammer meiner Mutter, was wir benutzen können. Machen wir uns an die Arbeit. Zeit ist Geld!“.


Die Mutter von Tom war arbeiten. Tom machte sich gleich an die Arbeit. Er suchte in der winzigen Speisekammer, was er gebrauchen könnte. Max stand etwas hilflos daneben. Tom schnappte sich Orangensaft, rote Beete und eine Flasche Rotwein.

 

„Was willst du denn mit dem Wein?“, wollte Max wissen.

 

„Das soll die Sinne etwas verwirren.“ Tom mischte und pürierte alles. Das Ergebnis war eine rotbraune dickflüssige Masse.

 

„Meinst du wirklich, dass jemand auf so etwas hereinfällt?“, fragte Max skeptisch.

 

„Klar. Ich werde mich heute Abend noch hinsetzen und die Prospekte erstellen. Ja und dann könnten wir es morgen versuchen.“

 

„Was, morgen schon?“, rief Max erschrocken, „dann geh ich jetzt mal nach Hause. Wann treffen wir uns?“

 

„So gegen 11.“ Max verschwand. Tom setzte sich an den PC, den sich seine Mutter vom Mund abgespart hatte.


Am nächsten Morgen konnte Tom kaum abwarten, bis Max vor der Tür stand. „Hi Alter, bereit?“

 

„Eigentlich nicht. Es ist vielleicht doch nicht so eine gute Idee. Es ist doch Betrug, oder?“

 

„Stell dich nicht so an! Wenn die verkalkte Alte das Zeugs kauft, dann ist es ihr Problem. Sie wird sich danach sowieso nicht mehr daran erinnern.“

 

„Na gut!“, meinte Max kleinlaut.

 

Tom suchte sich das Beste zum Anziehen heraus, das er im Schrank hatte. Auch für Max fand er etwas, da sie die gleiche Größe hatten. Nachdem sie auch ihre Haare mit Mamas Gel seriös gestylt hatten, machten sie sich auf den Weg zu der älteren Dame, die zwei Stockwerke über Tom wohnte.


Nachdem sie geläutet hatten, hörten sie Hundegebell. Sonst tat sich nichts. „Sie ist vielleicht gar nicht daheim“, mutmaßte Max hoffnungsvoll. Sie wollten gerade umdrehen, als sie doch noch Schritte hörten und sich die Tür öffnete. Ein kleiner Pinscher kam herausgerannt und sprang an den beiden hoch. Dabei kläffte und knurrte er abwechselnd.

 

„Oh, zwei junge Herren! Was für eine Überraschung! Pipi, komm, aus.“ Pipi ignorierte seine Herrin und führte weiterhin seinen Veitstanz auf.

 

„Oh, er hat mich gerade gezwickt!“, jaulte Max.

 

„Nein, Pipi beißt nicht. Er will nur spielen“ sagte die alte Dame gut gelaunt, „was kann ich für Sie tun?“ Sie hatte rote Haare und wirkte gepflegt.

 

„Irgendwie erinnert sie mich an eine Hexe, die gerade Hänsel und Gretel in ihr Haus locken will“, dachte Max innerlich.

 

„Wir hätten da ein Super Angebot für Sie“, lächelte Tom, „dürften wir Ihnen das vielleicht einmal zeigen?“

 

Sie überlegte kurz, dann sagte sie freundlich. „Oh, kommen Sie bitte herein.“

 

Als sie drinnen waren, schubste sie Max mit einer erstaunlichen Kraft in einen großen Sessel. Zu Tom sagte sie: „Und Sie helfen mir in der Küche. Ich koche uns einen Kaffee.“

 

„Nein, nein, Sie brauchen sich keine Mühe zu machen“, versuchte Tom ihren Tatendrang zu bremsen.

 

„Doch, es gibt jetzt einen Kaffee“, sagte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Tom trottete hinter ihr her in die Küche. Max saß verloren in dem großen Sessel und sah sich in der Wohnung um. Sie war vollgestopft mit, in seinen Augen, altem Plunder. Dies erzeugte eine düstere Atmosphäre. Er hoffte, bald wieder aus der Wohnung zu kommen. Als Tom mit der alten Dame aus der Küche kam, trug er ein Tablett mit Kaffeetassen und Kuchen.

 

„Wo hat sie denn so schnell einen Kuchen her? Kann sie hexen?“, schoss es Max durch den Kopf. Nachdem beide eine dampfende Tasse Kaffee vor sich stehen hatten, wollte Tom das Gespräch auf sein Wundermittel lenken. Doch die alte Dame ließ ihn nicht zu Wort kommen.

 

„Es geschieht in meinem Alter so selten, dass Besuch kommt,“ sinnierte sie vor sich hin und sah ins Leere. Es schien, als hätte sie vergessen, dass die beiden jungen Männer bei ihr waren. Tom und Max sahen sich an. Auf einmal sagte sie. „Oh, entschuldigen Sie bitte. Das war jetzt gerade unhöflich. Wie ist Ihr Name?“

 

„Ich heiße Peter Maier und das ist mein Partner, Emil Schmidt“, antwortete Tom. „Gut, Herr Maier und Herr Schmidt, was ist Ihr Anliegen?“

 

Tom legte los: „Gnädige Frau! Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu helfen.“

 

„Oh, das ist aber fein. Ich hätte da schon etwas. Ich würde aus der Apotheke ein Medikament benötigen, aber der Weg dahin ist immer so beschwerlich, wenn Sie mir dies besorgen könnten.“

 

„Nein, so eine Hilfe ist es nicht. Aber es ist eine Hilfe, die Ihnen hilft, bald ohne Hilfe Ihr Medikament besorgen zu können.“ Tom war selbst überrascht, dass er diesen komplizierten Satz so hinbekommen hatte.

 

Sie schaute ihn an. „Sie erinnern mich an meinen Sohn. Ich habe ihn sehr geliebt, aber...“ Auf einmal wirkte sie traurig.

 

Bevor sie weiterreden konnte, fing Tom wieder zu reden an: „Also, wir hätten da ganz was Besonderes für Sie. Eine Weltneuheit. Wir haben die Exklusiv-Rechte, dieses Wundermittel verkaufen zu dürfen. Sehen Sie hier“, er breitete seine Prospekte vor ihr aus. „Wissenschaftler haben jahrelang an diesem Produkt gearbeitet, bis es die Wirkung zeigte, die wir Ihnen nun vorstellen dürfen.“

 

Die alte Dame war verstummt. Sie hörte zu, aber irgendwie auch wieder nicht. Tom ließ sich davon nicht beirren. „Ich verspreche Ihnen, wenn Sie dieses Mittel vier Wochen eingenommen haben, werden Sie zu der Apotheke fliegen. Es wurde an 100.000 Versuchspersonen getestet und die Erfolgsquote lag bei 99 %!“ Es wirkte, als wäre die alte Dame von den Worten erschlagen worden. Es herrschte Totenstille im Raum. Nur das Ticken der Wanduhr war zu hören.

 

Max saß versunken in seinem Sessel, Tom schaute die alte Dame erwartungsvoll an. Jeder wartete darauf, dass der andere etwas sagte. Es war eine groteske Situation. Der Erste, der die Stille unterbrach, war Pipi. Er fing an zu kläffen.

 

Tom fragte vorsichtig: „Und, was halten Sie davon? Wir haben heute auch ein Sonderangebot für Sie. Wenn Sie sich dazu entscheiden, eine Monats-Packung zu kaufen, erhalten Sie eine zweite gratis dazu. Ich habe hier eine kleine Kostprobe, wenn Sie probieren wollen?“ Er öffnete seine Aktentasche und holte ein kleines Fläschchen heraus.

 

„Wollen Sie noch einen Kaffee?“, fragte die alte Dame.

 

Max war die ganze Zeit stumm geblieben. Er antwortete ihr: „Ja, ich hätte gerne noch einen.“ Die alte Dame schlurfte in die Küche.

 

„Was hältst Du davon?“, fragte Tom flüsternd. Max zuckte nur mit den Schultern.

 

„Komm, lass uns gehen!“, bat Max. „Nein, ich spüre, dass wir hier ein Geschäft machen können. Sie ist verkalkt, dass merkt man doch. Wir brauchen nur noch etwas Geduld.“

 

Max war nicht überzeugt. „Sie tut mir irgendwie leid. Ich glaube, sie hat ein trauriges Erlebnis gehabt. Deshalb ist sie so schrullig.“

 

„Dann frag sie danach. Versuch ihr Vertrauen zu gewinnen, dann kauft sie uns vielleicht etwas ab.“

 

Als die alte Dame mit dem Nachschub an Kaffee zurückkam, setzte sich Max in Position: „Sie sagten, Sie hätten einen Sohn gehabt? Was ist denn passiert?“

 

Sie schien zu zögern, doch dann fing sie an. „Er war ein lieber Junge, doch als er älter wurde, veränderte er sich. Hat den ganzen Tag herumgelungert und lag mir auf der Tasche. Er wollte immer den großen Reibach machen, möglichst ohne Arbeit. Wir hatten deshalb ständig Streit. Und dann, eines Tages...“. Sie machte eine Pause, so als würde es ihr schwerfallen, weiterzureden. „Eines Tages kam er nach Hause und erzählte mir, er hätte eine Möglichkeit gefunden, um viel Geld zu verdienen. Ich ahnte, dass dies nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Er wollte alte Menschen aufs Kreuz legen, ihnen Sachen verkaufen, die sie nicht gebrauchen konnten.“

 

Tom wurde es abwechselnd heiß und kalt. „Ich wurde darüber so wütend, dass ich eine Dummheit machte.“ Sie legte eine kreative Pause ein und sah jetzt irgendwie bedrohlich aus. „Ich mischte ihm ein Schlafmittel in seinen Kaffee...“. Tom wurde es schlecht. Er fühlte schon eine gewisse Schläfrigkeit. „Ja und dann führte ich ihn im Halbschlaf in den Keller und sperrte ihn dort ein.“ Tom und Max hingen ängstlich an ihren Lippen. „Seitdem war ich nicht mehr unten im Keller und das ist schon 40 Jahre her!“

 

Die beiden Burschen wurden leichenblass. Tom sah demonstrativ auf die Uhr. „Oh, schon so spät! Wir haben heute noch wichtige Termine, gnädige Frau und müssen uns jetzt leider verabschieden. Wir lassen Ihnen die Prospekte da, dann können Sie darüber nachdenken. Wir melden uns wieder bei Ihnen. Danke für den Kaffee!“, meinte Tom. Die Beiden verließen fluchtartig die Wohnung.

 

„Auf Nimmerwiedersehen!“, rief die alte Dame ihnen nach. Doch dies hörten sie schon nicht mehr. Die alte Dame ließ sich in ihren Sessel fallen und kicherte. „Frieda“, sagte sie zufrieden, „du hast es noch drauf, hast deinen Beruf als Schauspielerin noch nicht verlernt. Wie in früheren Zeiten, als du noch auf der Bühne standest.“

 

Sie lächelte glücklich vor sich hin. Sie hatte den Burschen von unten sofort erkannt, trotz seines Stylings und wusste, dass er keine Arbeit hatte. Dass er nichts Gutes im Schilde führen würde, ahnte sie. Doch sie hatte Spaß an diesem Spielchen und wahrscheinlich würden die Beiden nie wieder versuchen, einen alten Menschen zu betrügen.

 


 

Wettbewerb 2: 14-29 Jahre aus Hessen bzw. geboren in Hessen

 

Thema: Keine Themenvorgabe

 

1. Preis: Malige Veronika Sahitolli (15 Jahre), Kassel
 

ZERO

Ich gucke auf meine Mutter, die mit zusammengebissenen Zähnen auf einen Brief, den sie in ihrer Hand hält, schaut. Ihr Gesicht ist rot und sie hat diesen düsteren und gefährlichen Blick in ihren Augen, an dem ich sofort ablesen kann, dass sie wütend ist.


Ich gucke auf den Umschlag, in dem der Brief bis vor Kurzem noch friedlich gelegen hat. Er liegt geöffnet auf dem Tisch und sieht harmlos aus. Komisch, wie ein Brief einem das Leben von einer Sekunde auf die andere verändern kann. Das Siegel auf dem Umschlag lässt mich erkennen, dass dieser Brief uns mal wieder in Schwierigkeiten bringen wird. Eine kleine Hoffnung steigt in mir auf, dass in dem Brief vielleicht doch etwas Gutes steht, aber dann fällt mir Mamas Blick wieder auf und ich weiß genau, dass das nicht so ist.


Mein älterer Bruder Josh kommt in die Küche und wirft mir einen besorgten Blick zu, nachdem er den fast zerknüllten Brief in Mamas Händen erblickt. Ich gehe zu Mama und sie gibt mir den Brief in die Hand. Ich werfe einen ängstlichen Blick auf ihn und vor mir verschwimmen vor Nervosität die Buchstaben, sodass ich nur Wörter wie Gesetz gebrochen, über rote Ampel und Strafe erkennen kann. Schnell wird mir klar, dass Josh mal wieder Punkte verloren hat und dadurch tiefer im System gerutscht ist.


Seufzend lege ich den Brief weg, gehe verzweifelt aus der Küche und betrete das Zimmer, das ich mir mit Josh teile. Als wir noch viele Punkte hatten, hatten wir ein großes Haus und Josh und ich getrennte Zimmer. Das hat sich jedoch schnell geändert. Ich habe lange gebraucht, um mich an unseren neuen Wohnort zu gewöhnen und ich schäme mich für ihn, deswegen lade ich auch niemals Jemanden zu mir nach Hause ein. Sowieso habe ich kaum Freunde. Freunde haben nur Menschen mit vielen Punkten.


Ich hasse dieses System! Es ist so ungerecht und hart! Unseren Vater haben wir verloren, indem er nur noch sehr wenige Punkte hatte und dadurch keinen Kontakt mehr zu uns aufnehmen durfte. Jetzt wohnt er in einem noch ärmeren Viertel, als unseres und wir können ihn nur wieder sehen, wenn er genügend Punkte hat, um wieder Kontakt mit uns aufnehmen zu dürfen. Ich vermisse ihn schrecklich und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke.


Es ist noch früh am Morgen und ich muss mich für die High School fertig machen, also gehe ich ins Bad und dusche eilig. Dann ziehe ich mich um, mache meine Haare, packe meine Tasche und gehe wieder in die Küche, um zu frühstücken. Ich schmiere mir ein Honigbrot und streichele unsere Hauskatze, die auf meinen Schoß gesprungen ist, um dort ein Nickerchen zu machen. Es ist Herbst und der Herbst ist meine absolute Lieblingsjahreszeit. Alles ist bunt und gemütlich und das Wetter ist einfach perfekt.


Nachdem ich fertig gefrühstückt habe, begebe ich mich in die Schule. Der Weg in die Schule ist gefährlich. Der schlimmste Teil meines Weges wird gekürt durch das Niemandsviertel, das ich durchqueren muss. Dort leben die Menschen mit den wenigsten Punkten. Nachdem ich jedoch das Niemandsviertel hinter mir gelassen habe, folgt der schöne Teil meines Schulweges. Ich laufe durch hügelige Landschaften und Felder. Es ist friedlich und ich bin ganz für mich allein. Es duftet nach Herbst und die Sonne scheint, was mir richtig gute Laune macht. Ich bleibe kurz stehen, betrachte die Landschaft und mache mich dann weiter auf den Weg in die Schule.


Dort angekommen sehe ich meine Freunde schon von Weitem und bemerke, dass meine beste Freundin Lynn noch nicht da ist. Sie ist wie eine Schwester für mich. Wir kennen uns, seit wir Babys sind und sehen uns seither jeden einzelnen Tag! Wir tun alles füreinander und würden einander niemals im Stich lassen!

 

Meine Freunde lächeln mich an, als ich zu ihnen stoße. Dann setzten sie ihr Gespräch fort.


Nach einer Zeit klingelt es als Zeichen für den Beginn des Unterrichtes. Ich umarme meine Freunde und begebe mich dann in Richtung Klassenzimmer. Jetzt habe ich das Fach „Überwachungstechnologie“. Als ich in die Klasse reinkomme guckt Mona, ein Mädchen, dass alles an mir kritisiert, mich angeekelt an. „Dein Bruder hat wieder Punkte verloren! Ich würde langsam mal anfangen, mich von ihm zu verabschieden, bei deinem Vater hattest du ja nicht die Gelegenheit dazu.“ Sie lächelt mich zuckersüß an und mir wird ganz kalt. „Danke für die Erinnerung,“ sage ich und möchte mich auf meinen Platz setzten, aber sie hält mich an meinem Ärmel fest. „Du bist ein Niemand und das wirst du auch immer bleiben!“ sagt sie bedrohlich. Wütend reiße ich meinen Ärmel, den sie immer noch fest umklammert hält, aus ihrer Hand. Damit stolpert sie und kippt um. Maxon, ihr Freund, guckt mich wutentbrannt an. „Hast du gerade meine Freundin geschubst?“, fragt er und seine Augen funkeln gefährlich. Ich schlucke. Er zückt sein Handy und ruft kurz darauf Jemanden an und dann werde ich zum Schulleiter gebracht.


So kommt es am Ende, dass mir drei Punkte genommen werden, während Maxon und Mona nichts geschieht, da sie viele Punkte haben und somit zu den Menschen gehören, die immer und überall bevorzugt werden. Der Schulleiter lächelt mich in gespieltem Mitleid an. „Du darfst jetzt nach Hause gehen,“ sagt er. Tränen treten in meine Augen. Ich stehe auf und verlasse das Büro.


Nachdem mich niemand mehr sehen kann, renne ich. Ich renne schnell und stoppe erst, als ich die Schule hinter mir gelassen habe und auf dem schönen Feldweg ankomme. Hier ist es friedlich. Mein schneller Atem beruhigt sich und ich setzte mich hin und stemme meinen Rücken gegen einen Baum. Mein Handy kündigt das Erhalten einer neuen Nachricht an, doch ich lese sie nicht mal. Mir ist schlecht und ich kann nicht aufhören zu weinen. Alles ist so schrecklich ungerecht. Als ich zu Hause ankomme schreit meine Mutter mich an und sagt mir, wie enttäuscht sie von mir ist. Nachdem Mama ihre Wut ausgelassen hat, fängt sie verzweifelt zu weinen an und ich umarme sie kräftig. Dann schickt sie mich in mein Zimmer, wo ich mich auf mein Bett lege und dramatisch ausatme. Ich seufze und mein Bruder kommt zu mir und guckt mich ernst an. „Cadence,“ sagt er und ist dann still.


„Wie wäre es, wenn wir endlich etwas unternehmen würden?“

Ich sitze vor einer Gruppe Jugendlicher, die alle mit Josh befreundet sind und die ich noch nie gesehen habe. Auch Freunde von mir, die ich zusammengetrommelt habe, sitzen mit aufmerksamen Blicken vor mir.


Josh räuspert sich und guckt dann vielsagend in die Runde. „Wir freuen uns, dass ihr gekommen seid und euch diesem Risiko entgegenstellt. Das System, in dem wir leben macht uns unzufrieden! Wir wollen das Ganze nicht mehr! Wir sind hier gemeinsam, weil wir alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft haben, ohne Punktwertungen und Gewalt. Wir wollen etwas gegen dieses System tun! Die Zeit ist da für einen Aufstand! Morgen fangen wir schon sofort damit an! Wir werden in der Schule unsere Unzufriedenheit zeigen, indem wir jeden Tag den Unterricht sabotieren!“


„Aber wie sollen wir das denn machen?“, kommt eine unsichere Stimme aus einer Ecke der Hütte. Josh überlegt: „Wir können morgen den Feueralarm auslösen oder eine Bombendrohung ankündigen und den Unterricht verweigern. Wir müssen endlich etwas unternehmen! Die Zukunft unserer Gesellschaft liegt an unserer Generation!“ „Aber das hört sich so riskant an! Und was ist, wenn unser Plan nicht funktioniert?“ fragt Lynn, die sich bei mir eingehakt hat und besorgt in die Runde guckt. „Natürlich ist es riskant und sollte unser Plan nicht funktionieren, dann wissen wir wenigstens, dass wir es versucht haben! Wir müssen jetzt stark sein und kämpfen! Koste es, was es wolle!“, schreit Josh und es folgt lauter Beifall. Wir besprechen, dass Josh morgen den Feueralarm auslösen wird und am Tag darauf Lynn die Bombendrohung macht. Das ganze Planen dauert Stunden, aber nach so langer Zeit, haben wir endlich den Überblick und fühlen uns viel sicherer. Der Tag morgen steht fest und deswegen verlässt jeder voller Aufregung die Hütte, um nach Hause zu gehen, denn es ist schon abends.


In dieser Nacht kriege ich nicht viel Schlaf und fühle mich deswegen am nächsten Morgen wie gerädert. Mir ist vor Aufregung so schlecht, dass ich nicht mal frühstücken kann. Mama ist natürlich aufgefallen, dass mit Josh und mir etwas nicht stimmt, aber wir haben ihr nicht erzählt, woran das liegt. Sie soll nicht besorgt sein!


Nach kurzer Zeit sind wir auch schon auf dem Weg in die Schule. Josh nimmt meine Hand und lächelt mich mutig an. „Wir kriegen das hin!“ Sagt er und ehe ich mich versehe, sind wir auch schon auf dem Schulhof angekommen. Lynn und noch ein Paar andere Leute, die gestern mit uns in der Hütte waren, stehen unter einem Baum und Lynn lächelt mir träge zu.


Josh lässt meine Hand los und ich nicke ihm zu. Das ist das Zeichen, dass er jetzt den Feueralarm auslösen wird. Er geht auf die Schule zu, doch plötzlich öffnen sich die Türen der Schule und viele bewaffnete Männer kommen aus ihr heraus. Mein Herz fängt wild zu schlagen an. „Sind die Männer wegen uns hier? Wissen sie, was wir vorhaben?“ Etliche Fragen schwirren in meinem Kopf. Die Leute auf dem Schulhof werden unruhig. Die Männer heben ihre Waffen und einer deutet mit seinem Gewehr
sogar auf mich.


Ich bin wie in einer Schockstarre und kann mich nicht bewegen. Nicht mal dann, als zwei Männer zu Josh gehen und ihn gewaltsam packen und mit sich ziehen. Auch die Anderen, werden von den Männern gepackt und in einen großen Wagen geschleppt.


Ich zittere wie wild und blicke zu Lynn. Sie weint und kommt zu mir rüber gerannt. Plötzlich ertönt von überall auf dem Schulhof her ein lautes Piepen. Es kommt von den Armbändern der Kinder, die mit uns den Aufstand geplant haben. Mein Herz schlägt noch wilder, als ich merke, dass sich die Zahlen auf den Uhren zur Null verändern. Auch die Zahlen auf meiner Uhr verschwinden und werden plötzlich zur Null. Ich kriege noch mehr Panik und die anderen auf dem Schulhof auch. Sie schreien und weinen.


Ich gucke Lynn voller Verzweiflung an. Sie hat auch Tränen in ihren Augen, aber ist ganz leise. Sie zittert. Ich schaue auf ihre Armbanduhr. Doch dort steht nicht die Ziffer Null, im Gegenteil. Plötzlich ändert sich ihre Ziffer auch, aber nicht so wie bei uns.


Ich kann nicht glauben, was ich gerade gesehen habe, und wische die Tränen eilig aus meinen Augen, um mich zu vergewissern, dass ich mich nicht getäuscht habe. Ich bin kurz vorm Umkippen und schaffe es trotzdem Lynn voller Trauer ins Gesicht zu gucken. Sie kommt einen Schritt auf mich zu, doch ich weiche zurück. „Es tut mir leid.“ Bringt sie stockend und mit Tränen hervor und dann passiert alles ganz schnell. Ich werde von vier starken Händen gepackt, Schmerzen durchströmen meinen Körper und dann wird alles schwarz.

 


 

2. Preis & Publikumspreis: Jan Schauenburg (24 Jahre), Kaufungen
 

Launische Dame

Ich wünsche Ihnen alles Gute vorträglich zum Geburtstag! Das ist ein Satz, den einige sicherlich nicht gerne hören, da der Volksmund sagt, dass er Unglück bringen würde. Ich persönlich bin kein besonders abergläubiger Mensch. Vielleicht geht es Ihnen genauso. Aber irgendwann hat sich bestimmt schon Mal jeder von uns dabei erwischt, wie er dem Aberglauben verfiel. Sei es beim Finden einer Centmünze auf der Straße oder eines vierblättrigen Kleeblattes im Stadtpark, in Gänze frei vom Aberglauben ist dann doch kaum jemand. Ich bin vielleicht nicht gerade der Typ, dem es eiskalt über den Rücken runterläuft, wenn ihm eine schwarze Katze den Weg kreuzt. Jedoch gibt es da eine Geschichte, die ich Ihnen erzählen möchte.


Vor einigen Jahren schlenderte ich ziellos durch die Altstadt meiner Heimatstadt Wespenberg. Ich blickte in eine kleine abgelegene Querstraße. Dort saß in der Ecke eines Fachwerkhauses eine alte Dame mit schneeweißem Haar. Sie trug ein langes, altes, verdrecktes Gewand und vor ihr war eine Decke ausgebreitet mit einem Becher drauf. Sie schien, eine Bettlerin zu sein, doch hatte sie sich dafür eine gänzlich ungeeignete Stelle ausgesucht. In diese abgelegene Seitenstraße bog selten ein Fußgänger ein. Fast schon unterbewusst lief ich zielstrebig auf sie zu. Ich blieb vor ihr stehen. Sie starte mich an. Ich blickte in blassblaue fast weiße Augen. „Ob sie blind ist?“ Frage ich mich.

 

Ich kramte mein Portmonee heraus und warf ihr einen Euro in den Becher. Fast eine Minute starrte sie mich einfach nur an. Ich fühlte mich von Ihrem Blick durchbohrt. Ein leichtes Lächeln zierte ihr Gesicht. Ein leises „danke“ verließ ihre Lippen. „Gerne keine Ursache“ entgegnete ich. „Dich wird ewiges Glück begleiten“ versprach sie mit ruhiger Stimme. Dankend nickte ich ihr zu, obwohl ich mir nicht sicher war, ob sie überhaupt sehen konnte. Ich drehte mich von ihr weg und kehrte zurück zu der Fußgängerzone.

 

Als ich dann weiter an den Geschäften vorbei schlenderte, tauchte dieser eine Satz wieder in meinen Gedanken auf. „Dich wird ewiges Glück begleiten.“ „Ewiges Glück“ murmelte ich. Ich konnte mir beim besten Willen nicht erklären warum, aber irgendwie schenkte ich der Frau Glauben. „Glück“ murmelte ich erneut. Umgehend beschloss ich, das vorhergesagte ewige Glück auf die Probe zu stellen. Ich betrat einen Zeitungskiosk. Die Türglocke ertönte und eine freundliche Verkäuferin ging auf mich zu. „Guten Tag was kann ich für sie tun“ fragte sie. Ich entgegnete: „Hallo ich hätte gerne eine Lotterieschein“. Sie zeigte mit ihrer Hand auf einen kleinen Stand mit Lottoscheinen, wo ich mich umgehend hin begab und einen Schein ausfüllte. Ich überreichte Ihr den Schein, zahlte und verließ den Laden. 

 

Immer noch waren diese beiden Wörter in meinem Kopf „ewiges Glück.“ Es fühlte sich so an, als wenn ein Floh in meinem Ohr säße, der immer wieder diese zwei Wörter flüsterte. Ich betrat die Bankfiliale, bei der ich schon seit Jahren Kunde war und hob am Schalter eine beträchtliche Summe von 8.000 € von dem gemeinsamen Konto von mir und meiner Verlobten ab. Ich betrat das nächste Casino, ließ mir das Geld in Spielchips eintauschen und begab mich an den Roulettetisch. Ein kurzer Moment der Klarheit überkam mich: „Was mach ich hier gerade eigentlich für einen Blödsinn?“ Fragte ich mich.


Doch dann meldete sich wieder der Floh in meinem Ohr und schrie“ Ewiges Glück, ewiges Glück“ lauter als jemals zuvor. Also nahm ich fast schon geistesabwesend all meine Spielchips und setzte sie auf rot.


Die Scheibe am Roulettetisch fing an sich zudrehen. Als sie nach einer gefühlten Ewigkeit zum Stehen kam blieb die Kugel bei 29 schwarz stehen. „29 Schwarz.“ Rief der Dealer und zog meine Spielchips vom Roulettetisch. Der Floh in meinem Ohr verstummte und mir stockte kurz der Atem. Mit Tunnelblick lief ich aus dem Casino hinaus, ich nahm meine Umgebung gar nicht mehr wirklich aktiv war. Plötzlich streifte mich ein Fahrradfahrer und ich fiel zu Boden. „Guck doch, wo du hinläufst!“ Schimpfte der Radfahrer und fuhr weiter. Ich rappelte mich auf und bemerkte, dass meine Hose am Knie aufgerissen war. „Von wegen ewiges Glück!“ Murmelte ich verärgert vor mich hin. Der Floh war nun endgültig in meinem Gehörgang verendet. Nun war mein einziger Gedanke, wie ich am besten meiner Verlobten Julia beichte, dass ich unser gemeinsames Geld, welches wir für eine neue Küche sparten, verspielt hatte, denn leugnen bringt nichts!


Zuhause hatte ich durch mein Geständnis einen heftigen Streit mit Julia der darin mündete, dass ich auf das Sofa verbannt wurde. Nach meiner Nacht auf dem Sitzmöbel-Exil, beschlich mich an der Arbeit das Gefühl, das meine Pechsträhne immer noch nicht abgebrochen war, als mein Chef mich zu sich ins Büro bestellte.
Ich saß ihm an seinen Schreibtisch direkt gegenüber, selbstzufrieden grinste er mich an und meinte: „Julius ich sag es dir direkt gerade heraus, du bist fristlos gekündigt!“ Fassungslos stammelte ich: „wa.. warum denn das?“ „Wir wissen, dass du aus dem Unternehmen vor gut vier Jahren Geld entwendet hast. Um genau zu sein am 12.04.2013 12.372 € und am 17.06.2013 7.625 €.“ Erklärte er mir.

 

„Woher wisst ihr das?“ Fragte ich verdutzt. Mein Chef offenbarte mir: „Von Julia. Ich habe seit etwa einem Jahr eine Affäre mit ihr und durch deine dämliche Aktion gestern hat sie sich endlich dazu entschieden, dich zu verlassen. Versuch erst gar nicht, die Kündigung anzufechten, die Beweise, die ich von Julia habe, sind mehr als eindeutig.“ Er hörte auf zu reden, er wartete sicherlich auf eine Antwort von mir, doch ich starrte ihn nur verdutzt an. Ich hätte niemals erwartet, dass Julia so etwas tun würde, vor allem da das Geld für sie war. Sie war damals hoch verschuldet gewesen und jeder einzelne Cent war dafür gedacht, dass sie ihrer Schulden abbezahlen konnte. Mein Chef fügte noch hinzu: „Achja dir ist sicher auch klar, dass sie nicht mehr da sein wird, wenn du nach Hause kommst, sie wohnt nun bei mir.“ 

 

Ich stand auf und verließ sein Büro. Viele von ihnen hätten sicherlich erwartet, dass ich komplett ausraste, ihn anschreie oder vielleicht sogar weine? Aber nein dem war nicht so. Erst breitete sich in mir an Gefühl aus maßloser Enttäuschung aus, welches dann durch einen Flächenbrand aus emotionaler Leere verdrängt wurde. Nichts. Ich fühlte absolut nichts mehr.


Keine halbe Stunde später fand ich mich in einer alten ranzigen Kneipe am Sportplatz wieder. „Das Wespennest“ eine Fankneipe des Regionallegisten TuSpo Wespenberg 05. Die Kneipe war fast komplett leer. Abgesehen von mir, waren nur der Barkeeper und ein alter, dickbäuchiger Mann, welcher direkt neben mir an der Bar saß, dort. „Was darf`s sein Jungermann?“ Fragte mich der Barkeeper. Verschwitzt lächelte ich ihn an und entgegnete: „Ein anderes Wort für behaarte Jugendliche?“ „Bitte was?“ Fragte er verwirrt. „Veltins (Fell Teens)“ Klärte ich auf. Der Barkeeper musste kurz schmunzeln und stellte mir dann eine Flasche auf den Tresen. Der Mann neben mir schaute mich verdutzt an. „Was macht ein junger Mann wie du in so einem feinen Anzug um nicht mal 12 Uhr mittags in so einer schmierigen Spelunke?“ Fragte er mich. „Mich verfolgt das Pech.“ Entgegnete ich kurz und knapp. „Ja Fortuna ist eine launische Dame“ murmelte er.


Das Nächste woran ich mich erinnern konnte war, wie ich im Krankenhaus wach wurde. Später erfuhr ich, dass ich einige Biere später vom Barhocker gefallen war, mir den Kopf angestoßen und den Arm gebrochen hatte.


„Ich habe keinen Bock mehr auf den Mist! Am liebsten würde ich alles aufgeben, aufs Land ziehen und Alpakafarmer werden!“ Fluchte ich lautstark vor mich hin. „Das klingt nach einen guten Plan!“ Hörte ich eine liebliche Stimme sagen. Ich drehte mich in Richtung der Geräuschquelle und bemerkte eine junge Pflegerin, die grinsend in der Tür stand. Ich erzählte ihr, was passiert war und irgendwie waren wir uns direkt sympathisch. Sie kam jeden Tag in ihrer Pause mit zwei Schälchen Milchreis auf mein Zimmer. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt und jedes Mal bevor sie ging, kritzelte sie mir was auf den Gips. Erst ein Alpaka, dann ein Haus und dann eine Blume.

 

Nach vier Tagen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Am letzten Tag kritzelte sie etwas auf den Gips an eine Stelle, die ich nicht sehen konnte. Als ich das Krankenhaus verließ, sah ich in der Spiegelung der Eingangstür, dass sie mir ihre Handynummer auf den Gips geschrieben hatte. Plötzlich zuckte ich zusammen, denn die alte Frau aus der Fußgängerzone stand auf einmal vor mir. „Gehen sie weg, sie haben mir nur Unglück gebracht.“ Brüllte ich sie an. „Ist das so?“ Fragte sie gelassen. Bevor ich sie weiter anbrüllen konnte, fügte sie hinzu: „Warst du nicht unglücklich gewesen in deinem Job und deiner Beziehung? Hast du nicht gerade eine nette junge Dame kennengelernt und den Weg zum Glück gefunden? Die Menschen fordern immer wieder nach Glück, doch wenn es vor ihnen steht, dann erkennen sie es nicht. Sie neigen immer wieder dazu, Glück mit finanziellen Wohlstand zu verwechseln. Doch das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun.“ Verwundert fragte ich: „Woher wissen sie? Wer sind sie eigentlich?“ „Julius du weißt genau wer ich bin!“ Entgegnete sie bestimmt. Ich schaute kurz nachdenklich nach unten, als ich den Kopf wieder hob, war die Dame verschwunden. „Fortuna“ flüsterte ich leise.

 


 

Wettbewerb 3: Schülerinnen und Schüler aus dem Landkreis und der Stadt Kassel

 

Thema: Keine Themenvorgabe

 

1. Preis & Publikumspreis: Tabita Schmidt, Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule (Kassel)
 

Kopf und Herz oder: Wie ich lernte, mit dem Herzen zu denken

Thinka

 

Heute war wieder einer dieser Tage, an dem sich ihr Vater vor Schimpfen über die Emotionalen überhaupt nicht einkriegen konnte. Die Emotionalen – so wurden die Leute in der Gesellschaft betitelt, die einfach zu gefühlvoll für dieses System waren. Sie konnten und wollten nicht damit umgehen, dass die Menschen durch Roboter ersetzt wurden. Ob im Supermarkt, in Apotheken oder so ziemlich überall sonst. Vor allem aber, dass man dadurch kaum noch Kontakt zu anderen Menschen hatte. Anstatt Berufe auszuüben, die es früher einmal gegeben hatte, programmierte man heutzutage verschiedenste Roboter.

 

Thinka liebte es, zu programmieren. Thinka – so hatten sie ihre Eltern genannt, nach dem englischen Wort think – denken. Sie hatten schon damals immer gesagt, dass sie ein Mädchen mit großem Verstand und logischen Gedanken sein würde. Sie war irgendwie stolz darauf gewesen, doch musste es gut verbergen. Gefühle waren nicht erwünscht, was sie aber auch gut fand. Sie konnte sich auf Wichtiges konzentrieren und lernte von klein auf, ihre Gefühle zu verbergen. Gefühle mussten verdrängt werden, sodass sie sich nicht in ihrem Kopf – oder noch schlimmer, in ihrem Herzen – festigen konnten. Denn ohne seine Gefühle zu zeigen, war man viel unverletzlicher – und das liebte Thinka so an dem System, das sich innerhalb der letzten Jahre durchgesetzt hatte.mGerade hatte sie ihren ersten Roboter programmiert, der für einen Supermarkt bestimmt war und schon bald eingesetzt werden würde. Doch sie konnte ja nicht ahnen, dass das in ihrem Leben alles verändern würde.

 

Sentimiento

 

Ich las gerade in einem Buch über das alte System, das ich leider nicht mehr miterlebt hatte, als ich hörte, wie der Schlüssel sich im Schloss umdrehte und Mama von der Arbeit nach Hause kam. Sie arbeitete in einem der einzigen Supermärkte, in denen noch Menschen arbeiteten. Ich stand auf, um sie zu begrüßen. „Hallo Mama! Wie war dein Tag?“, fragte ich fröhlich und umarmte sie herzlich. „Hallo Senti! Ganz gut, denke ich“, sagte sie, doch ich sah genau, dass das nicht stimmen konnte. Sie sah so erschöpft und niedergeschlagen aus. Senti – so hatte sie mich, als ich noch klein war, sehr oft genannt. Es war eine Abkürzung für Sentimiento – das hieß auf Spanisch Gefühl. Und ich fand mein Name passte zu mir, so sensibel wie ich war.

 

„Sicher? Du siehst so niedergeschlagen aus.“ „Das bin ich auch.“ Ich wollte unbedingt wissen, was denn Mamas Tag so anstrengend gemacht hatte, als es aus ihr rausplatzte: „Ich werde ersetzt. Durch einen Roboter, den ein Mädchen programmiert hat.“ Oh nein! Und ich hatte gedacht, es wäre nur einer dieser Tage, an denen Mama einfach nicht damit klarkam, dass die Rationalen – oder wie sie von manchen von uns oft genannt wurden: die Gefühlslosen – nicht mit ihr sprachen. Aber es war schlimmer: Mama würde den Job verlieren, der uns über Wasser gehalten hatte, denn auch Papa konnte keinen Job mehr finden.

 

Alles an Personal – außer Ärzten – war schon ersetzt worden. Doch auch daran wurde schon lange gearbeitet. Eigentlich hatten wir schon lange mit dieser Nachricht gerechnet. Doch nun wusste ich nicht wirklich, wie ich reagieren sollte und so nahm ich Mama einfach ganz fest in den Arm. Erst jetzt begriff ich, wie schnell sich das Leben doch ändern konnte.

 

Thinka

 

Sie war schon früh aufgewacht und hatte den Robotern beim Putzen zugesehen. Heute war ein besonderer Tag, denn ihr selbst programmierter Roboter wurde heute eingesetzt. Es würden viele Gäste kommen, unter anderem sogar die Frau, die abgelöst wurde. Sie freute sich insgeheim schon sehr, zu sehen, wie diese davon begeistert sein würde, wie der Roboter ihr die Arbeit abnahm. Dann könnte sie im Programmieren unterrichtet und vielleicht sogar zu einer Rationalen werden. Bald würden sie mit dem Auto losfahren, das Thinka mit ihren Eltern programmiert hatte. Die Einsetzungsprozedur würde im Supermarkt starten und bei ihnen zu Hause mit Kaffee und Kuchen enden. Es würde sehr außergewöhnlich werden, da es nicht oft gesellschaftliche Ereignisse gab, vor allem nicht mit Emotionalen. Es würde ein Ereignis werden, das sie nicht vergessen würde.

 

Sentimiento

 

Heute war ein grauenvoller Tag. Wir waren bei dem Mädchen, das den Roboter programmiert hatte. Es war schrecklich, wie ausgelassen die Stimmung war und ich wünschte, wir wären nicht gezwungen worden, zu kommen. Naja, Mama wollte es, um nicht unhöflich zu sein. Die Leute saßen an Tischen und aßen Proteinkuchen. Als hätte jemand Geburtstag. Diese Leute waren so scheinheilig! Erst besaßen sie die Dreistigkeit, meine Familie einzuladen, und dann waren sie so fröhlich, obwohl sie uns doch immer vorwarfen, zu emotional oder gar zu dumm zu sein, um zu programmieren oder logisch zu denken. Ich war eigentlich ein gutmütiger Mensch, doch jetzt reichte es mir. Ich hielt es nicht mehr länger aus! Ich war so wütend auf das Mädchen! Nein, eigentlich auf das ganze System. Ich fühlte mich, als müsste ich diese Wut sofort an irgendetwas – oder jemandem – auslassen. Aber ich wollte niemandem wehtun. Also stand ich auf und ging raus. Doch die Person, der ich dort fast in die Arme lief, wollte ich wirklich nicht sehen.

 

Thinka

 

Sie war gerade draußen gewesen, um ihre Gefühle wieder in den Griff zu bekommen, als der Sohn der Frau, die abgelöst wurde, fast in sie reinlief. Sie wollte am liebsten wieder reingehen, um nicht in zu engen Kontakt mit ihm zu kommen. Thinkas Vater hatte ihr immer gesagt, dass genug Abstand zu den Emotionalen wichtig war, um sich nicht von ihnen beeinflussen zu lassen. Doch es kam ihr unhöflich vor, einfach zu gehen. Also sagte sie: „Hallo, ich bin Thinka.“ „Sentimiento“, antwortete er knapp. Sie fragte: „Was machst du hier draußen?“ „Mich abreagieren und du?“, sagte er und sie sah Wut in seinen Augen. Warum war er wütend? Oder hatte sie das falsch interpretiert?

 

Dann fiel Thinka wieder ein, dass er sie etwas gefragt hatte. Und sie ärgerte sich. Es war dumm gewesen, ihn das zu fragen, denn es war klar, dass er zurückfragen würde. Jetzt musste sie ihm antworten. Er würde sie doch für vollkommen unlogisch halten. Doch sie sagte ihm trotzdem, warum sie hier war. Er antwortete sauer: „Ich verstehe euch einfach nicht. Warum dürft ihr Gefühle nicht zeigen? Jeder Mensch hat Gefühle. Man ist genauso verletzlich, wenn man sie nicht zeigt, so ist es noch gefährlicher: Keiner kann die Wunde versorgen, da niemand weiß, dass man sie hat. Da musst du doch kaputtgehen. Und auch Freude zu teilen, ist doch toll. Wann versteht ihr denn endlich, dass Gefühle kein Zeichen von Schwäche sind? Ich dachte, ihr wärt schlau genug, um das zu verstehen. Ihr seid doch so schlau! Oder verbergt ihr eure Schlauheit seit Neuestem auch, so wie eure Gefühle?“

 

Sentimiento war immer lauter geworden. Und erst jetzt merkte er, wie laut er wirklich war. „Was war das denn jetzt für ein Ausbruch? Was habe ich dir denn getan?“, fragte sie und wusste zugleich die Antwort. Sie hatte ihm nichts getan, aber er fand das System nun mal schrecklich. Dazu hatte er sich ja jetzt mehr als deutlich geäußert. „Was du mir getan hast? Meine Mutter ist wegen dir arbeitslos und du willst mir anscheinend einfach nicht zuhören“, sagte er und ließ sie einfach stehen. Thinka musste an diesem Tag noch oft an das denken, was Sentimiento gesagt hatte. Und je länger sie darüber nachdachte, desto mehr verstand sie ihn und erkannte, dass er Recht hatte. Das System war einfach nicht so logisch, wie es vorgab, zu sein und wie sie immer gedacht hatte.

 

Am nächsten Tag setzte sie dem Grübeln ein Ende und ging zu Sentimiento, um sich zu entschuldigen. Es war dumm von ihr gewesen, alles einfach hinzunehmen und das System nicht zu hinterfragen. Der Weg war lang, da die Emotionalen und die Rationalen nicht im gleichen Ort lebten. Doch sie nahm den Weg auf sich. 

 

Sentimiento

 

Es klingelte an der Tür und ich lief in den Flur, um sie zu öffnen. Ich war sehr überrascht, als ich Thinka sah. Sie sagte nur: „Können wir einen kleinen Spaziergang machen?“ Und ich bejahte. Ich war neugierig, was sie wollte, und zog mir die Schuhe an. Dann folgte ich ihr. „Sentimiento, du hast Recht. Dieses System ist vollkommen bescheuert und unlogisch und es fehlt die Menschlichkeit.“ Ich wunderte mich ein wenig über den Ausdruck und hörte ihr aufmerksam zu. „Ich habe es nie hinterfragt. Und das war so dumm von mir. Programmieren mag mir vielleicht Spaß machen. Doch es ist nicht das, was alles bestimmen sollte. Und Gefühlslosigkeit ist unsinnig und der falsche Weg. Ich habe seit gestern kaum an was anderes gedacht als daran. Verzeihst du mir?“ Ich blickte sie an und war so froh. In ihrem Gesicht sah ich ein Lächeln. Das erste, seitdem ich sie kennengelernt hatte. Und es stand ihr so gut!

 

Thinka

 

„Ja. Natürlich vergebe ich dir“, sagte er und lächelte zurück. Ich blickte in seine braunen Augen und strahlte noch mehr. Dann ergriff ich seine Hand und in meinem Bauch kribbelte es vor Freude. Ich hätte niemals gedacht, dass ich das einmal tun und meine Gefühle zulassen würde. Es fühlte sich so unglaublich gut an!

 

 

Es war ein düsterer Morgen. Die ganze Stadt war leblos und leer, und es tobte der zerstörerrischste Sturm den die Gegend jemals gesehen hat. Man konnte das Pfeifen des Windes auch durch die dicksten Wände hören. Jeder einzige mit gesundem Verstand ziterte vor Angst, in den dunklen Räumen seiner Wohnung versteckt, und wartete bis die Wolken endlich vorbeiziehen. Bob hingegen rührte das alles nicht wirklich. Er lag, wie jeden Nachmittag, in seinem Bett und machte seine Hausaufgaben. Bob war nicht besonders gut in der Schule. Sein Zeugnis bestand aus lauter vieren und fünfen, und er wäre schon mehrmals sitzen geblieben, wenn er nicht so ein Mathe-Genie wäre. Er liebte das knobeln und hate enormen Spaß an jeglichen Matheaufgaben. 

 

,Den Rest mache ich später‘‘ sagte er zu sich selbst, und tauschte sein Deutschheft für sein geliebtes Mathe-Rätselbuch aus. Es war schon sein neuntes diese Woche. Diese Bücher waren mehr oder weniger seine einzige Freizeitbeschäftigung, aber er brauchte auch nur sie. Er war komplett besessen damit, jedes einzelne Rätsel zu lösen was die Autoren ihm vorgaben, und er verbrachte den Rest des Tages, genau dies zu tun.

 

Am nächsten Morgen hatte sich der Sturm vom gestrigen Tag gelegt. Die Sonne schien und die Vögel zwitscherten, als ob das Unwetter vom Vortag nie geschehen wäre. Bob saß an seinem Schreibtisch und durchstöberte das Internet nach Knobelbüchern, aber ohne Erfolg. ,,Das hab ich schon, das auch, das hier auch…‘‘ murmelte er vor sich hin. Er war verzweifelt. Was sollte er ohne die Bücher den ganzen Tag machen?

 

Er lehnte sich zurück und warf einen Blick aus dem Fenster. Er beobachtete einen Baum auf der anderen Straßenseite, wo eine Vogelmutter gerade ihre Küken fütterte. Doch auf einmal fitzte etwas durch die Blätter des Baumes. Bob richtete sich auf, da er nicht genau erkennen konnte, was es war: ,,Hm, vermutlich einfach der Wind‘‘. Doch dann passierte es nochmal. Diesmal konnte Bob etwas mehr erkennen. Es war ein kleines, braunes Tier mit einem langen Schweif und kurzem Fell. ,Was ist das?‘‘ fragte er sich. Ein paar Sekunden später zeigte sich das Wesen dann endlich, mit einer Walnuss in den Händen. Es war ein kleines Eichhörnchen. Bob dachte sich nichts dabei. Er hatte schon einige Eichhörnchen gesehen.

 

Er lehnte sich wieder zurück und schaute auf eines der Hochhäuser hinter dem Baum. Auf einmal kam ihm eine Idee auf. Er schnappte sich seinen Block und seine Stifte und rechnete drauf los. Nach etwa einer halben Stunde hatte er fertig getüftelt. Außer Zahlen und Rechenzeichen konnte man nur schwer erkennen, was er dort geschrieben hatte, aber er war sichtbar fasziniert von was auch immer es war. Er schnappte sich den Block und stürmte die aus seinem Zimmer, die Treppe hinunter und ins Wohnzimmer, wo er strahlend das Papier vor seinen Eltern hochhielt. ,Ich muss nach Dubai, und zwar jetzt!‘‘ rief er quer durch den Raum.

 

Seine Eltern schauten ihn verwirrt an. ,Was ist denn mit dir los?‘‘ fragten ihn seine Mutter und sein Vater gleichzeitig. ,Nach meinen Berechnungen…‘‘ er überflog noch einmal sein Blatt, ,,Wenn man ein Eichhörnchen vom Burj Khalifa, dem höchsten Gebäude der Welt, runterfallen lässt, überlebt es!‘‘ Bobs Eltern sahen ihn noch verwirrter an. ,,Wegen des geringen Gewichts ist die Terminale Geschwindigkeit zu…‘‘ ,,Ja ja ja, wir verstehen sowieso nichts. Spar es dir‘‘ unterbrach ihn sein Vater. ,,Also???‘‘ fragte Bob neugierig.

 

Seine Eltern schauten sich kurz an, als ob sie Gedanken austauschen würden. ,,Das mit dem Eichhörnchen kannst du doch nicht machen. Das ist Tierquälerei. Aber wegen mir können wir einen Kurzurlaub machen‘‘ sagte seine Mutter. Bobs Augen strahlten vor Freude. Er musste sich nur einen Plan überlegen.

 

Am nächsten Tag hatte Bob schon seinen Koffer gepackt und war mehr als bereit auf die Reise. Währenddessen hatten seine Eltern noch die Schlafanzüge an. Er wartete geduldig im Wohnzimmer, aber erinnerte sich an die wichtigste Sache des ganzen Urlaubs… das Eichhörnchen. Bob dachte nach, denn er wusste nicht, wie er eines fangen sollte… geschweige wie er es unbemerkt auf das Flugzeug schleichen würde.

 

Er ging nach draußen, zu dem Baum, wo er den Tag zuvor das Eichhörnchen gesehen hatte, welches ihm zu diesem Punkt brachte. Er schlich sich unter den Baum und entschied sich dazu, einfach sein Glück zu versuchen. Das Eichhörnchen war immer noch im Baum, und Bob wartete den richtigen Zeitpunkt ab, um loszuspringen. Etwa fünf Minuten vergingen, aber Bob war noch immer erfolglos. Doch dann… ,,Endlich‘‘ dachte er sich. Der kleine Nager war in der perfekten Stelle.

 

Bob machte sich bereit, fokussierte sich und… ,,Hab ich dich‘‘ rief er fröhlich, mit dem kreischenden Eichhörnchen in der Hand. Er wickelte es in ein Handtuch und brachte es schnell ins Haus, wo er es in seinem Rucksack vergrub. Nun war er bereit für sein Experiment. ,,Abfahrt‘‘ rief Bobs Vater durch die Wohnung. Bob stand schon lange am Auto und konnte seine Aufregung kaum halten. Nach ein paar Minuten war die Familie dann bereit zur Abfahrt, und Bob war in seinem ganzem Leben nie so aufgeregt gewesen. Und dann, nach dem Einstellen des Navis, ging es los.

 

Eine Stunde später waren sie am Flughafen angekommen. Sie holten ihr Gepäck aus dem Kofferraum, kauften das Parkticket und betraten dann schließlich den Flughafen. Bob war etwas nervös, immerhin hate er ein lebendes Eichhörnchen dabei, aber er versuchte, es so gut wie möglich zu verstecken. Einige Zeit später war es Zeit für die Gepäckkontrolle. Bobs Eltern gingen vor, während Bob selbst seine Pläne hinterfragte. Aber es war zu spät um noch umzukehren. Er legte seinen Rucksack auf das Fließband und hoffe einfach, dass es gut ging.

 

Kurz bevor sein Rucksack auf dem Bildschirm zu sehen war, sagte Bob zu der Mitarbeiterin: ,,Was ist weiß, summt, und kann fliegen?‘‘ er bekam keine Antwort, nur einen genervten Blick. ,,Biene Mayo!‘‘ sagte Bob, und man konnte sehen, wie peinlich es ihm war. Doch sein Plan war aufgegangen. Die Kontrolleurin hate das Eichhörnchen nicht bemerkt! Bob grinste vor Freude und nahm seinen Rucksack vom Fließband runter.

 

Nach etwa einer Stunde Wartezeit war es endlich soweit. Das Flugzeug war bereit, und Bob ebenfalls. Seine Eltern haten einen Platz am Fenster für ihn gebucht, was ihn sehr gefreut hat. Er liebte es, sich aus dem Flugzeug das Meer aus Wolken anzuschauen. Doch er hate nicht viel Zeit dafür, da er kurz nach dem Abflug eingeschlafen war. Als er wieder aufwachte, war er schon am Flughafen von Dubai angekommen. Er hatte sich so auf diesen Tag gefreut. Diese Aktion würde ihn vermutlich nicht so bekannt machen wie Albert Einstein, aber er war trotzdem unfassbar gespannt.

 

Die Familie machte sich auf den Weg in ihr Hotelzimmer. Es war zwar nicht im Burj Khalifa, aber der Ausblick war dennoch wunderschön. Bob konnte seine Aufregung kaum noch in Grenzen halten, was seine Eltern nicht ganz verstanden, immerhin hatten sie schon häufiger solche Urlaube gemacht. Einige Zeit später, mit dem Gepäck vollständig in den Schränken verstaut, war endlich der Burj Khalifa das nächste Ziel. Er war nicht besonders weit von ihrem Hotel weg, und Bob würde in Windeseile dorthin sprinten, wenn er nicht auf seine Eltern warten müsste. 

 

,Was machst du denn so einen Stress?‘‘ fragte seine Mutter erschöpf. ,,Nichts‘‘ antwortete ihr Sohn. Fünf Minuten später hatten sie ihr Ziel endlich erreicht. Vor ihnen stand genau das riesige, gigantische Hochhaus, was Bob schon so oft im Fernsehen gesehen hatte. Er stürmte durch die Tür und betätigte einen der vielen Fahrstühle, in welchen er dann mit seinen Eltern hineintrat, und alle 163 Stockwerke hochfuhr, auf die Dachterrasse. Seine Eltern hatten sich direkt an das Geländer gestellt und genossen die Aussicht, während Bob gespannt auf die andere Seite huschte.

 

Der Moment war gekommen… Er hatte sich so darauf gefreut… er war bereit, die größte wissenschaftliche Entdeckung der Weltgeschichte zu machen. Er packte das Handtuch aus seinem Rucksack und schaute noch einmal hinein, darin war das schlafende Eichhörnchen. Bob fing an vor Aufregung zu zittern. ,,Sorry‘‘ flüsterte er dem Nager zu, bevor er ihn aus 800 Metern Höhe losließ… FORTSETZUNG FOLGT

 


 

2. Preis: Ronja Reinstädt, Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule (Kassel)
 

Lebensbaum

Ich liebe es, wenn der Wind durch meine Blätter weht und sie so zum Rascheln bringt. Ich liebe es, wenn der Regen auf meine Blätter trommelt und sie so zum Glänzen bringt. Ich liebe es, wenn die Sonne auf meine Blätter scheint und sie so zum Leuchten bringt. Es ist wie Leben, das durch mich wie durch alle anderen hindurch fließt, das mich weckt und für meine Umwelt empfänglich macht.

 

Wie alle anderen Baumgeister bin ich alt, sehr alt, ja so alt sogar, dass ich vieles um mich herum überrage und als Baum der Weisheit gelte, da ich schon so viel Gutes und Schlechtes mitbekommen habe. Das meiste Schlechte wurde von Menschen verursacht. Ja, die Menschen, oh, wie ich sie hasste und verachtete, doch nun verstehe ich vieles von dem, was sie tun und getan haben.

 

Wie auch die Geschichte, die ich nun erzählen werde: Es war dunkel, sehr dunkel, so dunkel, wie es nur im Regenwald sein kann. Doch wenn man genau hinschaute, sah man das Licht des Himmels, welches uns dieser spendete in Form von Abermillionen Sternen und dem Mond, welche um die Wette strahlten. In dieser längst vergangenen Zeit war ich jung und unwissend. So lauschte ich den Tieren, von denen immer welche wach waren, und genoss die Ruhe und die Friedlichkeit.

 

Als ich plötzlich ein Vibrieren spürte und es still wurde, viel zu still. Durch das Myzel merkte ich jetzt auch die Unruhe der anderen Bäume. Am Morgen war die angespannte Atmosphäre immer noch nicht gewichen, doch nun fing die Tiere an panisch umherzulaufen und ich konnte Wortfetzen aufschnappen: Menschen, Gefahr, Maschinen, Flucht. Die Worte ergaben keinen Sinn, doch es war klar, dass es nichts Gutes verheißen konnte, denn Menschen wurden von fast allen Waldbewohnern gefürchtet, da es immer wieder vorkam, dass besonders seltene oder schöne Tiere getötet oder verschleppt wurden. Doch in dem Regenwald, in dem ich lebte, gab es trotzdem eine bunte Artenvielfalt, welche in Symbiose lebte. Ich war froh darüber, dass wir bis dahin verschont wurden, da ich das Getümmel in meinen Kronenstockwerken liebte und genoss.

 

Leider wurde die Panik nicht besser und auch ich machte mir langsam Sorgen, als Jahr für Jahr mehr und mehr Tiere in meine Region kamen. Es war die Rede von riesigen Maschinen, die Bäume verschlangen, und von so vielen Menschen wie sie seit Jahren nicht mehr hier gewesen waren. Ich hatte mitbekommen, dass es vor vielen, vielen Jahren schon Abholzungen des Waldes gegeben hat, die aber irgendwann eingestellt wurden, weil die Werkzeuge zu schlecht waren und viele Menschen mit den Lebensbedingungen hier nicht umzugehen wussten. Sie konnten sich weder an die Hitze, den Regen, noch all die Tiere anpassen, was der Natur zugunsten gekommen war.

 

Seitdem war so etwas nie wieder vorgekommen und der Regenwald konnte sich unglaublich gut regenerieren. Doch Maschinen, die in Sekunden Schnelle Bäume töteten, waren eine ganz andere Nummer als ein paar Menschen mit stumpfen Äxten und das war allen nur zu gut bewusst. Viele Tiere dachten darüber nach, sich in einem anderen Wald häuslich zu machen und dort zu leben. Jedoch die Tiere, die so etwas probierten, kamen trotz des Wunsches, ihre Heimat zu besuchen, nie zurück. Ob es an den Menschen, den dortigen Tieren oder den anderen Pflanzen lag, wusste niemand. Vielleicht war es auch einfach nur so schön, dass sie nicht zurückkamen.

 

Aber die Ungewissheit ließ auch jetzt die allermeisten Tiere bei mir bleiben. So zogen sie sich immer weiter in den Wald zurück, um dort Schutz zu finden. Ich spürte in diesen Jahren das Vibrieren langsam aber stetig näher kommen, nur dass ich nicht einfach wie die Tiere verschwinden konnte. Umso näher das Vibrieren kam, desto mehr spürte ich den Schmerz und die Trauer der anderen Baumgeister. Immer wenn einer von ihnen starb, fühlte ich mich hilfsloser und einsamer den je. Es machte mir große Angst, nicht zu wissen, was als nächstes kommt. Diese Unwissenheit und die Angst verwandelte sich mit der Zeit in Wut und Hass gegen all diejenigen, die der Natur so etwas antun. Ich verstand nicht, warum sie uns das antaten, wo sie doch auf uns angewiesen sind. Wir sind die, die ihnen Luft zum Atmen geben, die vormachen, wie man im Einklang lebt und die, die vor ihnen da waren. All die Gefühle und Gedanken flossen in jener Zeit durch meine Adern und ließen mir keine Ruhe. Niemals hätte ich damit gerechnet, Menschen mögen zu lernen. Im Gegenteil!

 

Eines Tages, als die Maschinen schon so nah waren, dass ich dachte, von dem Lärm verrückt zu werden, kamen viele, viele Menschen in den noch unberührten Wald. Sie waren laut, brüllten und hielten Schilder hoch. Ein paar von ihnen kletterten sogar auf Bäume oder banden sich an ihnen fest, ja auch an mir und ich war so verwirrt und überrumpelt, dass ich nicht auf das achtete, was sie sagten. In dem Lärm aus Maschinen, Menschengebrüll und Tiergeschnatter wäre sowieso nichts zu verstehen gewesen. Doch als nach und nach alle Maschinen verstummten, konnte ich manches von dem Geschrei verstehen: Natur schützen, Tiere retten, Abholzung stoppen…

 

Erst verstand ich nichts, dann rannten Arbeiter aus dem lichten Gestrüpp, welche die Menschen in bunten Klamotten mit den Schildern anbrüllten und sich teilweise mit ihnen schlugen und da fing ich an zu verstehen: Einige der Menschen wollten uns, dem gesamten Regenwald, ehrlich und wahrhaftig helfen und andere wollten genau das Gegenteil. Ab diesem Moment wünschte ich mir so sehr wie ich mir noch nie etwas gewünscht hatte, dass die Menschen es schafften, den Wald zu retten. 

 

Nach einer Weile gingen die ersten Arbeiter und nach ihnen immer mehr, doch die demonstrierenden Menschen blieben und die Maschinen blieben still. Es war die ruhigste Nacht seit langer Zeit. Und ich fing an, den Menschen, weil sie halfen, zu verzeihen. Doch nach einigen Tagen, in denen niemand von den Demonstrierenden gegangen war, kamen uniformierte Menschen, welche weder brüllten, noch die Helfenden schlugen. Nein, sie blieben die gesamte Zeit ruhig, banden die andern von Bäumen, holten sie von diesen herunter und führten alle ab.

 

Ich wusste nicht, wie es weiter gehen sollte oder was als nächstes passieren wird, doch ich fühlte mich wieder ruhiger und lebte ohne ständige Angst. Einige Jahre passierte nichts und so trauten die Tiere sich mit der Zeit wieder aus ihren Verstecken im tiefen Wald. Noch waren sie verschreckt und ängstlich, doch das würde mit der Zeit besser werden und die hatten wir jetzt, da ich mitbekommen hatte, dass diese Region von nun an ein Naturschutzgebiet sein sollte. Manchmal kamen Menschen und erforschten Tiere, Pflanzen oder etwas ganz anderes, doch sie waren bei ihrer Arbeit vorsichtig und so störte sich niemand daran.

 

Wenn man ganz nach oben in meine üppige Krone klettert, kann man in weiter ferne Hochhäuser sehen und der Wald ist viel kleiner als früher, aber wir passen uns an und glauben daran, es schaffen zu können. Seit vielen Jahren verändert sich das Klima und es gib auf der ganzen Welt verschiedene Vorkommnisse, die die Menschen Katastrophen nennen, doch ich bin nun überzeugt, dass die Menschen es wie wir schaffen können, dass vieles besser wird, wenn sie es wirklich wollen und dafür einsetzen. Wir Bäume sind die, die alt werden, so viel älter als alles andere und die, die alle Geschichten waren und hüten, die guten sowie die schlechten

 


2022 - 20. Holzhäuser Heckethaler

Thema: MitMenschen

 

Wettbewerb 1: 14-29 Jahre aus Hessen bzw. geboren in Hessen

 

1. Preis & Publikumspreis: Marika Christin Hack (17 Jahre), Hofgeismar

 

Der Taucher

Es ist halb sieben und der Wecker schrillt durch das kleine Zimmer. Sein erster Handgriff ist es wie an jedem Morgen das alte Blechradio anzuschalten. Es erklingt fröhliche Musik und die melodische Stimme des Sprechers wünscht ihm einen guten Morgen. Er zieht sich an, steckt den Collageblock sowie seine Karteikarten in den abgenutzten Rucksack und stellt das Radio wieder aus. Als er die Treppe zur Küche runter steigt, herrscht im Haus noch toten Stille. Er räumt wie fast jeden Morgen, Pizzakartons und Flaschen weg und holt sein Frühstück aus dem Kühlschrank, dass er sich vorbereitet hatte. Als er aus dem Haus tritt ist der freundliche Radiomoderator, der Einzige, der ihm einen guten Tag gewünscht hatte, aber das störte ihn nicht mehr, denn es war schon längst zur Gewohnheit geworden. Was ebenfalls zur Gewohnheit geworden war, waren die abschätzigen Blicke seiner Mitschüler auf dem Schulhof. Manchmal versuchte er sich auszumalen, wie es wohl wäre berühmt zu sein und dann dachte er: „Genau, viele abschätzige Blicke müsste man ertragen. Ich bin fast so etwas wie eine Berühmtheit!“ Dieser Gedanke ließ ihn immer grinsen, denn es gab wohl nur wenige Menschen, die weiter davon entfernt waren, als er, berühmt zu sein. Dieses leicht schiefe Lächeln brachte aber noch einen weiteren Vorteil mit sich, nämlich dass er keinem die Macht gab ihn verletzen zu können. Der Tag verlief weiter wie gewohnt. In den Stunden saß er neben seiner hübschen Sitznachbarin, die dem Jungen in der Reihe vor ihm unverhohlene Blicke zu warf und in den Pausen saß er allein. Es gab eine Sache, die er wirklich gut konnte und das war das Lügen. Er hatte eine meisterliche Fassade um sich aufgebaut. Allein heute hatte er schon mehren Leuten Halbwahrheiten aufgetischt, als er zählen konnte, er selbst gehörte zu ihnen. Er hatte versucht sich vorzustellen, dass seine Mutter ihm das Pausenbrot vorbereitet hätte und dass sie gleich von einer Nachtschicht nach Hause kam, aber das tat sie nicht, da sie damit beschäftigt war ihren Rausch auszuschlafen. Außerdem hatte er seiner Sitznachbarin erzählt, er hätte null gelernt für sein Referat, obwohl seine Eltern ihn sehr dazu gedrängt hätten. Zu dieser Lüge musste man aber bemerken, dass es eine Notlüge gewesen war, um vor ihr möglichst cool und normal dazustehen. Im Nachhinein musste er aber zu geben, dass es ein armseliger Versuch gewesen war. Doch jetzt in diesem Moment musste er seine Mauer aus Lügen fallen lassen und das machte ihm eine ungeheure Angst, denn er wollte seine Meinung sagen, es war wie ein Bedürfnis was ihn beschlich. Alles hatte letzte Woche begonnen als Referatsthemen vergeben wurden, er hatte „Demokratie“ bekommen und war sich sicher gewesen wieder mal den langweiligsten Mist gezogen zu haben. Doch er hatte sich geirrt und irgendwie war es ihm wichtig das auch anderen zu sagen. In seiner heutigen Präsentation konnte er nicht lügen. Er wurde aufgerufen und wie selbstverständlich ließ seine Lehrerin den Rotstift über dem Nichtgemachtfeld kreisen. Doch zu ihrer Überraschung stand er auf und ging nach vorn. Die Klasse vor ihm redete und hatte ihn noch gar nicht bemerkt. Zwei Mädchen aus der ersten Reihe sahen ihn an und kicherten dann. Es lag wahrscheinlich and der abgewetzten Hose und dem labbrigen T-Shirt was er trug. Und in diesem Moment reichte es ihm. Er hatte es so satt zu schweigen. Er schmiss seine Karteikarten rücksichtslos auf den Tisch. „Demokratie bedeutet Gleichheit, Freiheit und Respekt vor Jedermanns Meinung.“ Es wurde ruhig im Raum und er straffte die Schultern. Er senkte seine Stimme etwas, aber verlieh ihr den gleichen Nachdruck. Er begann seinen Vortrag damit die Wurzeln der Demokratie im alten Rom aufzudecken und bemerkte dabei, wie seine Worte einen Fluss fanden. Er wurde getragen, leicht und ohne Gewicht, und der Rhythmus seiner Stimme entsprach den Wellen des Meeres. Er meinte was er sagte und von Minute zu Minute, begann sich ein Gefühl in ihm breitzumachen, was er zuvor noch nie erlebt hatte, Stolz. Er war in eine völlig neue Welt abgetaucht, in der Stille herrscht und er zur Ruhe kam. Es wurde leise in seinem Inneren, obwohl er so viele Worte aussprach. Er begann Einzigartigkeit, Macht und Schönheit zu sehen, wo er diese nie vermutet hätte. Er hatte sich getraut, sich in unbekannte Tiefen zu stürzen und erst da bemerkt, dass er frei atmen konnte. In seinem Fluss kam er auf demokratisch Werte zu sprechen und deren Bedeutung und er spürte, dass man seinen Worten glaubte, denn er glaubte sie. Als er auftauchte war, war der Raum von Stille erfüllt, alle Augen waren auf ihn gerichtet und seine Lehrerin schaute als sähe sie ein Wunder und vielleicht war es ja so. „ Danke“, er machte eine kurze Pause, „ für eure Aufmerksamkeit.“ Tosender Applaus brach aus.

 


 

2. Preis: Jan Schauenburg (23 Jahre), Kaufungen

 

Mensch mach die Fliege

Wenn Sie jemand fragen würde was Sie unter dem Begriff "Menschlichkeit" verstehen, was würden Sie demjenigen antworten? Würden Sie Eigenschaften, wie moralisches Handeln, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft oder Höflichkeit als Eckpfeiler menschlichen Handelns sehen?

 

Der Begriff "Menschlichkeit" ist in der Regel positiv besetzt. Ist das aber gerechtfertigt? So sollte der Begriff doch für das typische Verhalten der Menschheit stehen.


Mit den Menschen ist das nämlich so eine Sache. Immer wieder neigen sie dazu, ihre Mitmenschen schlecht zu behandeln, sie emotional oder körperlich zu verletzen, sie zu belügen, zu bestehlen oder gar zu töten. Sie führen Kriege, foltern und versklaven andere Menschen.


Es ist aber nicht nur der Umgang mit den Mitmenschen der zuweilen zweifelhaft ist. Der Mensch hat es nämlich geschafft, sich an die Spitze der Nahrungskette zu mogeln und das obwohl er weder das schnellste, noch das größte oder das stärkste Tier ist. Er kann weder von Haus aus fliegen, noch hat er scharfe Krallen, Fangzähne oder Giftdrüsen.


Mit dem Menschen an der Spitze der Nahrungskette kam das Leid für alle anderen Tiere. Massentierhaltung, Tierversuche und Waldrodungen nur um Mal drei Schandflecken menschlichen Handelns zu nennen.


Durch den Menschen an der Spitze der Nahrungskette hat der Mensch nur noch einen natürlichen Feind in der Tierwelt und zwar seine Mitmenschen.


Bei vielen anderen Tieren wirkt das Leben irgendwie viel unkomplizierter. Wer hat denn nicht schon mal seine Katze gekrault, während sie genüsslich schnurrend in der Sonne lag und hat sich gedacht: "Dein Leben hätte ich auch gerne?"


Oder nehmen wir Mal die Fliege. „Warum die Fliege“ fragen Sie sich jetzt? Zugegeben sicherlich hat noch nie ein Mensch den Wunsch zum Ausdruck gebracht gerne eine Fliege sein zu wollen. Aber irgendwie steht die Fliege für Friedfertigkeit. Anders als die Taube, die zu einem Symbol des Friedens wurde, würde sicherlich keiner eine Fliege auf Hochzeits- oder Trauerkarten drucken, denn die Fliege steht irgendwie auch für Wehrlosigkeit.


"Er kann nicht Mal einer Fliege was zu Leide tun." Das haben wir doch sicherlich alle schon einmal gehört oder selbst gesagt. Sicherlich hat auch jeder schon einmal eine Fliege totgeschlagen, selbst wenn es nur reflexartig war.


Wenn man denn an die Schöpfungsgeschichte glauben mag, erweckt es fast den Eindruck, als ob Gott die Fliege nur erschaffen hat, um von Mensch, Spinne oder Frosch wieder getötet zu werden.

Obwohl die Fliege ein solch wehrloses Tier ist, welches jede einzelne Sekunde ihres kurzen Lebens Gefahr läuft, getötet zu werden, kann man sie dabei beobachten, wie sie händereibend in der Ecke des Zimmers sitzt, so als wenn sie einen bösen Plan verfolgen würde.


Wer wurde nicht schon einmal von einer Fliege zur Weißglut getrieben, die nachts um einen herumschwirrte und obwohl die Fliege ständig vom Tod verfolgt wird, ernährt der Tod sie auch. Jeder der einen Tierkadaver im Wald gefunden hat, weiß, das die Fliegen über diesen herfallen, wie adipöse Leute nach der Fastenzeit über das Buffet beim örtlichen Chinesen. Heute soll es aber um eine ganz besondere Fliege gehen, nämlich um Franco die Fliege.


Es war vor einiger Zeit in einer ländlichen Region Österreichs. Franco erblickte einen Jungen der nachdenklich auf einem Feld saß. Zielstrebig
summte Franco zu ihm und krabbelte über seinen Arm. Der Junge schaute ihn verdutzt an, doch schlug nicht nach ihm. Franco flog auf den Hals des Jungens und krabbelte langsam hinauf. Immer noch keine Reaktion. Langsam kroch er in das Ohr des Jungen hinein. Der Junge kicherte zwar kurz, da Franco ihn kitzelte, doch zeigte er sonst keine Reaktion.


Franco hatte sein Ziel erreicht. Franco flüsterte dem Jungen etwas ins Ohr. Am selben Tag zündete der Junge noch die Bienenstöcke des Vaters an. Nachdem der Vater ihn geprügelt und in sein Zimmer gesperrt hatte, hörte man die Mutter sagen: "Ich verstehe das nicht, der Junge kann doch keiner Fliege was zu Leide tun."


Seit diesem Tag stiftete Franco den Jungen immer wieder zu Unfug an. Die Untaten des Jungen nährten Franco. So konnte er deutlich die Lebenserwartung einer Fliege überschreiten und begleitete den Jungen sein ganzes Leben lang.


Durch Franco schaute der Junge untätig seinem Vater beim Sterben zu. Verließ seine Mutter als sie sterbenskrank war, um nach Wien zu gehen. Durch Franco zog er in den ersten Weltkrieg und zettelte später den zweiten an, denn durch das Sterben der Menschen brachte er den Fliegen das Leben.


Erst mit dem Tod des Jungen, der mittlerweile ein Mann geworden war nahm Francos diabolischer Plan ein Ende. Der Junge war zwar tot, doch Franco der zog weiter.

 


 

Wettbewerb 2: Alle Altersgruppen ab 14 Jahre

 

1. Preis & Publikumspreis: Jürgen Roth (58 Jahre), Kandel

 

Schmetterlinge im Bauch

Es gibt kein Ü in einer Buchstabensuppe. Aber ganz oft das Ypsilon. Das weiß ich jetzt. Was ich bis heute nicht weiß, ist, woher die Anspannung kam, am Ende dieses tristen Februartages, dieses Verbohrte und dieses Verlorensein in meiner engen Welt. Vielleicht war ich an dem Abend einfach genauso schlecht gelaunt, wie der Wind, der in zornigen Böen gegen die Fenster meiner Wohnung anrannte. Elfter Stock. Bei mir hier oben ist es immer windig. Aber an jenem Tag blies ein echter Sturm durch die Ritzen. In die dicke graue Staubschicht auf den Fensterbänken kam Bewegung wie in eine Wanderdüne. Saubermachen ist nicht so mein Ding. Mein Spaß am Putzen steht zusammen mit der Ordnungsliebe irgendwo unten im Keller. „Bei dir sieht es aus, wie in einem Museum für Fussel, Krümel und Asche!“ hat sie einmal zu mir gesagt. Da waren wir noch zusammen.


Mit ihr war ich auch oft in diesem Laden, in dem sie selbstgemachte Pasta verkauften. War noch ein ganz kleines Ding in diesen Jahren, nicht viel mehr als ein paar Regale, ein Tisch und eine Kasse in einer ehemaligen Bäckerei. Nur der Name der Firma war der Zeit schon voraus: Pasta-King – Teigwaren-Manufaktur. Heute ein großer Betrieb mit Werkshalle und Fabrikverkauf. Dabei produzieren die einfach nur: Nudeln. Und alles, was man daraus machen kann. Suppen. Salat. Auflauf. Sie hat gerne dort eingekauft damals, in diesem liebevoll eingerichteten Geschäft mit all den Gläsern, Tüten und Schachteln, den verwirrend vielen Sorten Spaghetti, Penne, Tortellini und den anderen, die so aussehen wie Schmetterlinge und auf Italienisch auch so heißen: Farfalle. Daran musste ich denken, an diesem Abend. Denn wenn ich angespannt bin und sich mein ganzer Körper anfühlt, wie eine einzige feuchte Handfläche, dann gab es schon immer nur eins - Soul-Food. Pasta.


War es Langeweile? Nostalgie? Hoffentlich kein Selbstmitleid. Während meine Fensterscheiben unter den pulsierenden Windstößen zitterten und die metallenen Rahmen knackten, gab ich www.pasta-king.com in mein Notebook ein. Eine bunte Seite erschien, mit Fotos von dampfenden Töpfen, leckerem Essen und fröhlichen Menschen. Unten am Bildschirmrand eine Chatbox und daneben: „Chatten Sie mit uns. Wir sind immer für Sie da!“


„Immer“ stand da. Nicht „von 8 bis 18 Uhr“ oder so. Sondern dieses eine schlichte Wort: „Immer“. Für mich sind Worte wichtig. Sie sind die letzte Stufe, bevor die Taten kommen. Solange Worte im Raum schweben, hat man noch Möglichkeiten, kann man verschwinden, ausweichen oder sich treffen. Nach den Worten kommt das Machen und dann ist es zu spät. Deshalb bin ich bei Worten so genau, sogar bei einzelnen Buchstaben, pingelig bis zur Kleinkariertheit. „Du solltest dir das behandeln lassen“, hat sie früher mal zu mir gesagt.


Jetzt ärgerte mich dieses „immer“, dieses offensichtlich Falsche. Denn: wer ist schon „immer“ verfügbar? Mitten in der Nacht zum Beispiel, ganz früh morgens oder auch nur nach Ladenschluss, so wie an diesem Abend. So schrieb ich mürrisch in den Chat: „Noch jemand zuhause?“ Meine Freundlichkeit und meine guten Manieren hatten sich in dem Moment auch gerade in den Keller verzogen.


Ich legte das Notebook zur Seite und starrte aus dem Fenster. Immer noch drückte der Sturm gegen die Scheiben. Das Glas wölbte sich bei jedem Windstoß leicht nach innen und ich hatte das Gefühl, in meiner Wohnung entsteht der gleiche ungesunde Überdruck, der in meinem Inneren herrschte. Der Signalton holte mich aus meinen Gedanken. Eine Antwort im Chat: „Hallo. Ich bin Yvonne. Was kann ich für dich tun?“


Es war nur ein Feld auf einer Website. Ein weißes, rechteckiges Feld, in das man Text in schwarzer Schrift eingeben konnte. Und während man auf Antwort wartete, erschienen drei graue Punkte, die rhythmisch auf und ab hüpften. Nur ein weißes Feld mit schwarzer Schrift. Und doch: Sofort als sie schrieb, hatte ich das Gefühl, ich höre ihre Stimme.


Ja, das war die Frage: Was konnte sie für mich tun? Ich sah mein Spiegelbild im Fenster bei jeder Bö vibrieren als ich nach Antwort suchend nach draußen in den Sturm schaute. Doch mir fiel nichts anderes ein, als meine Gedanken zu Worten und Buchstaben und wie wichtig sie für mich sind, deshalb schrieb ich: „Habt ihr Buchstabensuppe?“ Unerwartet schnell kam die Antwort: „Jeps. Pasta-King Buchstabensuppe. Esse ich selbst oft. Voll lustig.“


Da war also ein echter Mensch am anderen Ende, ein offensichtlich gut gelaunter Mensch. Warum das verderben? Ich versuchte, die Ruppigkeit meiner ersten Sätze wieder gut zu machen: „Hi Yvonne. Ich bin Rüdiger.“


„Hallo Rüdiger. Willst du die Suppe bestellen?“ Das wollte ich nicht. Vor allem wollte ich nicht, dass das so schnell ging, so nüchtern und geschäftsmäßig. Ich hatte ihre Stimme gehört, in mir drin und wollte sie weiter hören. Eine Stimme, die nach Lachen klang. Ich tippte: „Kann ich damit meinen Namen schreiben?“ Fast gleichzeitig kam ihr „Na klar!“.
„Ist da ein Ü drin?“, fragte ich.
„Du kannst statt Ü ein U-E schreiben.
„Ich heiße aber Rüdiger. Nicht Ru-ediger.“ 
„U und E spricht sich zusammen Ü aus.“
„U und E spricht sich zusammen U-E aus.“
„Sicher?“
Ich musste nicht lange nachdenken, um Beispiele zu finden: „Zuerst, Duett, Buenas Dias ...“
„Schon gut.“
„... Suezkanal, Fuerte Ventura ...“
„Habs kapiert. U-E ist gestorben.“
„Danke. Und jetzt?“


Die drei grauen Punkte hüpften gelangweilt vor sich hin. Hatte sie den Chat verlassen? Kümmerte sie sich parallel noch um andere Kundenchats? Komm zurück, Yvonne! Meine Geduld hatte sich wohl auch ein Plätzchen im Keller gesucht. Nach einer Ewigkeit erschien: „Pasta-King Sternchensuppe. Zwei Sternchen in die Buchstabensuppe dazu tun als Ü-Punkte.“


„Clever. Zwei Suppen auf einmal verkauft. Aber was mache ich mit dem Rest von der Sternchensuppe?“, antwortete ich.
„An Sören verschenken. Der hat das gleiche Problem.“ 
Ich musste laut lachen. Hätte sie mich hören können: Ich bin mir sicher, wir hätten zusammen gelacht. Ich schrieb: „Kenne aber keinen Sören.“
„Hüseyin? Dörte? 
„Nope“
„Jörg? Gürkan?
„Merkst du was? Ihr schließt ganz schön viele Leute von eurer Buchstabensuppe aus.“
„Keine Absicht“ 
„Schon gut. Was ist jetzt mit dem Ü?“
Die drei grauen Punkte hüpften träge vor sich hin, schließlich schrieb sie: „Letzter Vorschlag: Das Y!
„Das Y???“
„Das Ypsilon! Kann als Ü ausgesprochen werden. Bei Zypern zum Beispiel. Oder androgyn. Oder halt bei Ypsilon.“
„Du meinst: Rydiger?“
„Bingo!“
„Ich weiß nicht ...“ 
„Doch! Das Y ist cool. Ein richtiger Einzelgänger“ 
„What?“
„Zum Beispiel A und O und E. Da wird mit dem U ein AU draus oder ein EU oder so. Ein ganz neuer Laut. Was Gemeinsames. Beim Y: Fehlanzeige.“
„Hmm ...“ 
„Oder K und H. Machen mit dem C ein CK oder CH. Kooperation. Beim Y: Nix. Ein lonely Cowboy!“
„Da ist was dran ...“, musste ich zugeben.
„Und glaub mir, alles mit Y hört sich irgendwie cool an.“
„Haha. Wie bei Yvonne oder was?“
„Nee. Aber nimm Gabi. Mit i hinten. Klingt irgendwie langweilig mit Tendenz zu Speckröllchen. Aber Gaby hinten mit y: Immer auf Achse und eine Granate im Bett!“
„Hast ´ne Schwäche fürs Y, was?“
„Kann hinkommen.“


Draußen war es dunkel geworden. Wie aus dem Nichts drückten die Windstöße weiter gegen die Scheiben. Im nachtschwarzen Fenster sah ich, wie mein Spiegelbild lächelte. Ich schrieb:
„Heißt du wirklich Yvonne?
„Ist nur der Nickname für den Job hier.“
„Sondern?“
„Gaby“
„Hahaha ... Echt jetzt?“
„Unseren richtigen Namen sollen wir im Chat nicht sagen.“
„Schade!“
„Und du? Heißt wirklich Rüdiger?“
„Auf der Schule Spitzname „La Rue“. Weil ich so lang bin.“
„Ich kannte auch mal einen Rüdiger. An der Uni“ 
„Ja und?“
„Das bist nicht zufällig du?“
„Nö!“
„Rüdi! Bist du das? Gibs zu!“
„Nicht möglich ...“
„Warum?“
„Hab nicht studiert. Bin Autodidakt“
„Als was?“
„Internet-Aktivist.“
„Was machst du da so?“
„Kämpfe für die Rechte unterdrückter Umlaute.“
„Hahaha ... mein Rüdiger an der Uni, der war auch ... so ein bisschen ... anders halt ...“
„Machst du dich lustig, Yvonne?“
„Never!“
„Ist schlimm genug, wenn man Rüdiger heißt.“
„Mimimi ...“
„Bin deswegen sogar in Therapie ;- )“
„Ich hab‘ gewusst, ich kenne dich irgendwo her :- )“
„Haha ... Dein Tipp ist also echt ‚Rydiger‘?
„Mit dem Y bist du gut bedient. Glaub‘s mir.“
„Okay, hast mich überzeugt“
„Whoop-Whoop!“


Sie hatte mich in die Tasche gesteckt und ich fühlte mich wohl dort. Rydiger! Offensichtlich war sogar mein Verstand mittlerweile im Keller verschwunden. Dieser Chat hatte mich vollständig aufgesaugt. Sie schrieb:
„Wenn du mir deine Mail-Adresse gibst, melde ich dich für unseren Newsletter an.“

„Spinner!“
„Und du willst mir deinen Namen wirklich nicht verraten?“
Die drei Punkte hüpften. Diesmal sehr, sehr lange. Schließlich kam die Antwort: „Es ist spät, La Rue. Ich muss los. Meine Kleine wartet.“ 
So riss der Sog plötzlich ab. Ich atmete tief durch und tippte in das Feld: „Dann machs gut. Gaby-Yvonne“
„Haha. Machs auch gut. Rydiger.“
„War nice!“
„Sehr!“
„Also dann“
„Also dann“


Ob ich noch Pasta bestellen wollte - daran haben wir beide nicht mehr gedacht. Einer von uns hat schließlich den Chat verlassen. Ich wars nicht. Sie war weg und ich hatte keinen Namen, keine Nummer und kein Gesicht, das mich zu der lachenden Stimme hätte führen können. Ich stierte noch eine Weile auf das kleine Textfenster, in dem eben noch die Punkte hüpften. Jetzt war da nichts mehr.


Ich kann nicht sagen, wie oft ich danach meine Mails gecheckt habe. Keine Nachricht von ihr. Dann, vier Tage später - es war, wie wenn man eine Sonnenbrille mit gelben Gläsern aufsetzt. Die Sonne scheint stärker, die Luft wird frischer, das Gras wächst schneller. Ich hatte sogar das Gefühl, mein Monitor leuchtet heller als ich ihre Mail sah:


„Bin nicht so besonders groß. Deshalb auf der Schule Spitzname: μ - Das My. Wollen wir mal zusammen in Therapie gehen? Liebe Grüße, Myriam."

 

Ich weiß, es ist weit. Elf Stockwerke nach unten, noch weiter runter zu den Parkdecks, wo es nach kaltem Beton und Motoröl riecht, und immer noch tiefer, durch dunkle Gänge mit Spinnweben an den Lampen bis zu den Verschlägen aus Holzlatten, an deren Türen Vorhängeschlösser baumeln. Ja, es dauert, bis man dort ist. Aber es sind ein paar Dinge im Keller, die ich jetzt dringend brauche. Ich habe das Gefühl, ich muss bald mal wieder da hin.

 


 

2. Preis: Bernd Großmann (74 Jahre), Hamburg

 

Shalom

„Psst“ zischelte er und legte den Zeigefinger auf die gespitzten Lippen. Augenblicklich erstarrte im Umkreis alles Leben. Keine Wimper zuckte, jede Bewegung blieb in der Luft hängen. Sogar das Atmen schien eingestellt. Selbst die ältere Frau unterdrückte die Zuckungen ihrer Hände, indem sie sie fest in den Schoß presste. Nur ihre Mundwinkel bezeugten ihre Unruhe, wenn sich ihr Gesicht vom breiten Grinsen in eine tiefe Trauermiene verzog. Angst sprang aus allen Gesichtern. Wie auf Knopfdruck war Totenstille eingekehrt. Auf der anderen Seite der Wand lauerte Gefahr, ja, der Tod, wenn sie nicht unsicht- und unhörbar waren.

 

Sie hörten wie die Stubentür aufgestoßen und die zittrige Stimme der Magd durch den Klang von Stiefelabsätzen übertönt wurde, „Buur, de Dörpschult wullt mit di praten!“ „Bedankt, Trintje. Moin, Ernst. Na, was führt dich raus zum Vogthof? Hab' dich ja lang' nicht gesehen!“ „Heil Hitler, Hinnerk. So viel Zeit für 'nen anständigen deutschen Gruß muss sein!“ Der Bürgermeister riss den rechten Arm in die Höhe und nahm eine ungewollt komische Haltung ein. Die braune Uniform spannte bedrohlich im Bereich des Bauches, sodass nur das Koppelschloss die Jacke am Bersten zu hindern schien. Er atmete schwer, hatte ihm der steife Wind auf dem Stahlross doch arg zugesetzt. „Na, Ernst, konnste de Kinner inne School allein lassen?“ „Hinnerk, du weißt selbst,“ hob der Bürgermeister an, sich den Schweiß von der Stirn wischend, „seit die Partei mich zum Bürgermeister ernannt hat, hab' ich mehr umme Ohren als eure Kinder zu guten Deutschen zu erziehen. Aber ja, ich bin von Amts wegen hier. Und als Mensch. Hinnerk, du weißt doch, dass wir das Reichsbürgergesetz immer großzügig ausgelegt haben und die Rosenblatts ihren Laden ohne große Auflagen führen konnten. Dafür hab' ich mich persönlich bis ganz nach oben eingesetzt! Das kannste mir glauben.“

 

Herrn Rosenblatt stockte der Atem hinter der Wand. Er konnte durch ein Astloch in der Vertäfelung den umherstolzierenden Dorflehrer Graubner sehen. Was für ein mieser Stiefel- und widerlicher Speichellecker, der krampfhaft an seiner Herrenmenschenideologie festhielt. Dieser unerträgliche Opportunist, dem „Mein Kampf“ und das Parteibuch näher am Herzen lagen als jedes andere Buch. Und von wegen Großzügigkeit. Ständig wurden die Rosenblatts vom Hygieneamt heimgesucht, um etwas an ihren Waren zu bemängeln. Nun ja, sie lagerten Fleischiges und Milchiges gesondert. Die jüdischen Speisegesetze waren ihnen wichtig. Dafür kamen viele Kunden, meist Glaubensbrüder, aus ganz Niedersachsen angereist, um in ihrem Krämerladen zu kaufen. Doch auch die Graubners zählten lange zu ihren Kunden. Gerade deshalb hätte Herr Rosenblatt aufschreien können.

 

Jetzt stellte sich Graubner breitbeinig vor den Pfeife stopfenden Hinnerk Vogt, zupfte an der Hakenkreuzbinde am Arm und erklärte im Respekt gebietenden Ton: „Doch jetzt is‘ Schluss! Endgültig! Unsere Mitmenschlichkeit wurde überstrapaziert! Ich weiß, du siehst das anders, aber auch die Rosenblatts gehören zu den Volksschädlingen, die die Volksgemeinschaft nicht nur mit ihren Wucher- und Schacherpraktiken in die Knie zwingen wollen. Das kannste im „Völkischen Beobachter“ nachlesen. Seit letztem Montag aber, als der deutsche Diplomat von jüdischem Gesocks in Paris erschossen wurde, wissen wir, wer der Feind ist. Das Weltjudentum. Und das werden wir mit allen Mitteln bekämpfen. Gesindel gehört ausgemerzt. Doch wo sind die feinen Rosenblatts seit dem 10.11.? Untergetaucht? Wie vom Erdboden verschluckt, hä, als hätten sie ihre Finger mit im Verrat am deutschen Volk.“ Um den Worten Gewicht zu verleihen, schritt Graubner bedächtig auf und ab. „Schlägt da das schlechte jüdische Gewissen? Wenn wir sie kriegen, wird sich erweisen, wie sie zu dieser feigen Tat stehen. Verbrecher, Hinnerk, das weißte so gut wie ich, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Da gibt's kein Pardon.“ Er holte Luft, um besänftigend fortzufahren. „Aber, Hinnerk, du weißt, ich bin kein Unmensch. Du kennst sie ja besser als ich. Solltest du eine Ahnung haben, wo sie sind, sag's uns oder rate ihnen, sich zu stellen. 'S besser für sie! Wenn die Gestapo sie aus irgend 'nem Unterschlupf rausholt, wird's erst recht bitter. Und so viel Aufsehen wollen wir beide doch nicht für unser Dorf, oder?“

 

Die vier hörten jedes Wort und Herr Rosenblatt verfolgte, das Auge ans Astloch gepresst, jede Bewegung. Dabei entging ihm nicht, dass Graubner hinter seinem selbstherrlichen Gehabe ein gerüttelt Maß an Unsicherheit verbarg. Sein nervöses Fingern an den Ärmeln seiner Uniform verrieten die innere Spannung. Er war auf Weisung des Sicherheitsdienstes, Abteilung 'Gegnerbekämpfung', erschienen und hatte als Bürgermeister Erfolge vorzuweisen. Er stand unter Druck. So versuchte er sein Glück bei Hinnerk Vogt, von dem er sich Hinweise erhoffte. Und die Rosenblatts spürten, dass dieser willfährige Bürokrat ihnen gefährlich werden könnte, vertraute er doch der Nazi-Justiz und den Hetzparolen der Judenhäscher. Sie ahnten bereits, wie gefährdet sie waren, als am 8.11. vom Attentat berichtet und darauf jüdische Geschäfte und Synagogen in Schutt und Asche gelegt wurden.

 

Die Rosenblatts fühlten sich früh zu Hinnerk Vogt hingezogen und hatten ihm sogar ein paar Sorgen anvertraut, galt er doch als unbeugsamer Mann, der seinen Dickschädel stets gegen den braunen Mob mit seinem rassistischen Unfug einsetzte. Ein freiheitsliebender Niedersachse war er, ein Ostfriese, der sich von keinem und schon gar nicht von Obrigkeiten vereinnahmen ließ. War ihm jede Art von Religion auch suspekt, in den Rosenblatts sah er nicht die Juden, sondern nur die Mitbürger, Mitmenschen, denen er einen helfenden Arm anbot. So war er eben, sturköpfig und grad heraus. Das schien in der Familie zu liegen So hatte ein Vorfahr im Vogthof ein Versteck gebaut, um seine Familie vor plündernden Söldnern zu schützen. In der Zeit der Napoleonischen Kriege hatte er zwischen Stube und Scheune Wände eingezogen und eine Kammer geschaffen, die von außen nicht erkennbar ihren Zugang in einem mächtigen Eichenschrank hatte. Also zögerte Hinnerk nicht, als die Rosenblatts mit Sack und Pack vor ihm standen und um Zuflucht in der Scheune baten. Nur fürs Wochenende. Überall standen Synagogen in Flammen, hatten sie von Glaubensbrüdern gehört. Die Gauleitungen hatten SA-Dienststellen angewiesen, jüdische Einrichtungen zu vernichten und Polizei wie Feuerwehren nicht einzugreifen.


Hinnerk bat die verängstigte Familie in ihrer Not herein. Sie hatten den Laden Hals über Kopf verlassen und wussten nicht wohin. Gerüchte gingen um, dass hunderte von Juden zusammen-getrieben wurden, um in ein Lager abtransportiert zu werden. Die Rosenblatts konnten, nein, sie wollten dem keinen Glauben schenken, doch sie ängstigten sich zu Tode.

 

Als Hinnerk mit dem Stopfen der Pfeife fertig war, zündete er schmauchend den Knösel an und sagte: „Nee, Ernst, ich hab' kein' blassen Schimmer, wo die stecken könnten. Da haste den Weg wohl umsonst gemacht. Is' ja 'ne mächtig steife Brise draußen. Hoffentlich kommste vorm Regen zurück. Wär' schad' um die feine Uniform“ und schob noch „Ihr Nazis steht ja ungern im Regen!“ nach. „Nix für ungut, Hinnerk. Aber wennde was hörst, denk' dran, Bericht erstatten. Nicht, dass du dich strafbar machst!“ Hinnerk geleitete Graubner an die Tür und rief ihm noch zu: „Ich halt' Augen und Ohren offen, versprochen. Hol du di man stief, Ernst!“ Zufrieden kehrte er in die Stube zurück und klopfte an die Paneele. „He is wech! Kommt mal 'n Moment raus.“ Er öffnete die Eichentür und die Rosenblatts entstiegen dem Schrank. „Tja, da hatten wir Dusel, dass Trintje den Schulte entdeckt hat,“ sagte Hinnerk mit einem Grienen im Gesicht. „Wenn die Gestapo aber aufkreuzen sollte, müsst ihr unsichtbar sein. Solange keine Fluchtlösung da ist, müsst ihr im Verschlag ausharren.“ Herr Rosenblatt lächelte, „Das macht nichts. Lieber hinter dieser Wand da,“ und er deutete hinter sich, „als hinter Stacheldraht. Wir sind Ihnen ewig dankbar für Ihre Mitmenschlichkeit. Ihr Bruder findet sicher einen Weg.“

 

Tatsächlich hatte Hinnerks Bruder Gerke Kontakt zu niederländischen Widerstandsgruppen, die Juden bei der Flucht halfen. Fluchtwege mussten ausfindig gemacht, Transportmittel besorgt, Ausweise gefälscht werden. Das brauchte Zeit, aber wenn die Rosenblatts zu resignieren schienen, schaute Hinnerk mit ‘ner Kanne heißem Tee mit Kluntje vorbei. „Teetied“ kündigte er sich an, wenn er durch den Schrank kroch. Den Sahnelöffel hochhaltend fragte er, „Un wullt ji ok 'n Wulkje Rohm?“ Damit war alle Trübsal verflogen. Auf den Tisch wurde Gebäck gestellt, der Tee langsam über den braunen Kandis gegossen und die Sahne vorsichtig hineingeträufelt, sodass eine zarte Sahnewolke entstand. Welch eine Zeremonie an diesem trostlosen Ort.

 

Neunzehn Tage haben die Rosenblatts dort verbracht, haben gegessen, geschlafen, gebetet, haben gehofft, gezweifelt und gesungen. In der Nacht zum 1. Dezember übergab Gerke sie einem Fluchthelfer. Der Abschied war kurz, aber innig. Ihnen war klar, dass es „Ungläubige“ waren, die die rettende Wand zwischen Grauen und Leben gezogen hatten, hinter der sie sich verbergen konnten. Wo das Leben sie auch hintragen würde, sie nahmen die Gewissheit mit, dass es Menschen sind, nicht Religionen, die Mauern bauen, Stacheldrahtzäune ziehen, Gräben aufreißen, die aber ebenso Wände und Dämme errichten, um Schutz zu bieten.

 

Im März 1947 erreichte die Vogts ein Brief. Die Rosenblatts hatten ‘39 ein Boot besteigen können und damit das Tor zu ihrer Heimat, zu Ostfriesland, endgültig hinter sich zugeschlagen. Sie haben viel von den Grausamkeiten erfahren, die ihren Glaubensbrüdern und -schwestern in Deutschland und auch in Ostfriesland angetan wurden. Es gab zu viele Graubners. Dieser Gedanke war schier unerträglich für sie. Rückkehr ausgeschlossen. Doch der Brief enthielt auch eine versöhnliche Note. Herr Rosenblatt schrieb bewegt, dass sie die Sicherheit des Verschlages nie vergessen werden, dass sie im Kibbuz die Teezeremonie, „de Teetied mit 'n Wulkje Rohm“, beibehalten hätten und ihr Sohn Aaron die drei Sabbatfeiern hinter der Wand als die eindrücklichsten in Erinnerung behalten werde. Und er beendete den Brief mit einem Vergleich, der Hinnerk sehr berührte. Wie Moses das Volk Israel aus Ägypten führte, indem er die Wasser des Schilfmeeres teilte, so boten die Vogts ihnen bei der Flucht aus Friesland ins Gelobte Land die Wand, hinter der sie Schutz vor Verfolgung fanden. Eine Mauer der Mitmenschlichkeit.
Shalom.