Vergiftete Bäume in Hessen: So oft werden Täter ermittelt

Die KEMU (Kommission für Energie, Mobilität und Umwelt) informiert:

Quellenangabe:
Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 08.08.25, 19:30 Uhr 
Quelle: hessenschau.de/Barbara Berner/Stephan Hübner
 

Veröffentlicht am 09.08.25 um 11:37 Uhr


Vergiftete Bäume in Hessen: So oft werden Täter ermittelt

 

Zuletzt haben sich Meldungen von mutwillig vergifteten Bäumen in Hessen gehäuft. Wer tut so was? Wie können Stadtbäume besser geschützt werden? Und: Werden Täter zu lasch bestraft? Experten geben Auskunft.

 

Stadtbäume spenden Schatten und haben eine natürliche Kühlfunktion. Was Spaziergängern und Nachbarn zugutekommt, passt manchen Umweltkriminellen offenbar nicht. In Hessen sind in diesem Jahr mehrere Bäume bewusst vergiftet worden. Für Empörung sorgte vor allem, dass Unbekannte im Frankfurter Nordend das Pflanzenschutzmittel Glyphosat in zwei Platanen auf einem beliebten Platz gespritzt hatten.

 

Wer tut so etwas? Und wie können Bäume geschützt werden? Wir haben mit einem Rechtsanwalt und Baum-Expertinnen über den Wert von Stadtbäumen, über Umweltkriminalität und mögliche Strafen für die Täter gesprochen.
Schützen Städte und Gemeinden ihre Bäume ausreichend?

 

Aus rechtlicher Sicht ist es erst einmal wichtig, dass man Bäume überhaupt unter Schutz stellt, wie der Frankfurter Rechtsanwalt Cedric Vornholt sagt. Es gibt Baumschutzvorschriften, die von den Kommunen vor Ort erlassen werden.

 

Die Vorschriften sind nach Ansicht von Vornholt ausreichend, auch wenn es kein Baumschutzgesetz auf Bundes- und Landesebene gebe. "Für die Vergiftungsfälle brauchen wir gar nicht die Baumschutzvorschriften. In diesen Fällen greift meistens das Strafrecht", erläutert Vornholt, der auf Umwelt- und Baurecht spezialisiert ist. Man könnte darüber nachdenken, das Strafmaß hochzusetzen, findet er.

 

Die meisten Fälle von Baumbeschädigungen hierzulande ziehen ein Bußgeld oder eine Geldstrafe nach sich. Im europäischen Ausland zeigt sich Anwalt Vornholt zufolge, dass Strafen durchaus empfindlicher ausfallen können: In England müssen Täter für mehr als vier Jahre ins Gefängnis, weil sie den berühmten Robin-Hood-Baum im Norden des Landes gefällt haben. "Die Täter haben sich dann auch noch gefilmt und das Ganze online gestellt", kritisiert Vornholt.

 

Welche Bäume stehen unter besonderem Schutz?

 

Baumschutzsatzungen gelten häufig für Bäume mit einem Mindestumfang ab 80 Zentimetern. Dünnere Bäume sind meistens nicht geschützt, wie Jurist Vornholt berichtet.

 

Es gibt auch Städte, die Bäume zum Beispiel erst ab 1,20 Metern Stammumfang unter Schutz stellen. Das ist lokal unterschiedlich geregelt.

 

Welche Strafen drohen Tätern, die Bäume vergiften?

 

Wenn jemand den Baum eines anderen beschädigt, begeht er eine Straftat. Bäume werden juristisch als Sache eingestuft. Somit handelt es sich bei der vorsätzlichen Vergiftung eines Baums um eine Sachbeschädigung.

 

Bei einer Sachbeschädigung drohen Umweltkriminellen bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe, wie das Landeskriminalamt (LKA) mitteilt. "Wahrscheinlicher ist in solchen Fällen eine Geldstrafe", sagt Anwalt Vornholt: "Wenn der Baum noch als Naturdenkmal ausgewiesen ist, könnten es bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe sein."

Es wird auch Bußgeld verhängt, wenn Bäume beschädigt werden, die durch eine Baumschutzsatzung oder andere Vorschriften geschützt sind - auch wenn es der eigene Baum ist. "Dieses Bußgeld kann bis zu 50.000 Euro betragen", so Vornholt.

 

Wie ticken Baumvergifter?

Es ist wenig bekannt über Menschen, die Bäume vergiften. Denn viele Täter werden nicht erwischt und die Spurensuche gestaltet sich schwierig.

 

Es gibt aber laut Vornholt bestimmte Tätergruppen. Es sei häufig der Fall, dass für Bauvorhaben oder aus eigenem Interesse Bäume beseitigt werden sollen. Es könne sich auch um Mutproben handeln, bei denen es darum gehe, Bäume in der Öffentlichkeit anzubohren und Glyphosat oder andere Giftstoffe einzuleiten. Anleitungen für das Töten von Bäumen fänden sich im Internet.

Daniela Antoni, Sachverständige für Stadtbäume in Stockstadt (Groß-Gerau), berichtet von einer regelrechten Wut auf Bäume: "Ich erlebe, dass Leute extra wegen mir auf die Straße gerannt kommen und mich aus dem Nichts heraus anschreien: Der Baum muss weg, der Baum muss gefällt werden, der Baum muss eingekürzt werden, der macht Dreck das ganze Jahr über." Der Hass habe zugenommen, genauso wie die Naturferne vieler Menschen.


Ist die Anzahl an Fällen von vergifteten Bäumen gestiegen?

 

In diesem Jahr gab es in Hessen eine Serie von Giftattacken auf Bäume. Die Sachverständige Daniela Antoni spricht von einer gefühlten Zunahme an Fällen. Früher habe es mal eine Baumvergiftung bei einem Nachbarschaftsstreit gegeben. "Ich kriege jetzt öfter Fälle zugesendet, die noch gar nicht bei der Polizei gelandet sind oder überhaupt nicht strafrechtlich verfolgt werden", sagt sie.

 

Zuletzt wurden in Bad Hersfeld drei Linden durch Bohrlöcher und Gift beschädigt. Am Frankfurter Merianplatz fielen zwei Platanen Glyphosat-Attacken zum Opfer. Auch in Limburg und Butzbach (Wetterau) wurden mehrere Bäume mit Gift und Bohrlöchern angegriffen.

 

In Riedstadt (Groß-Gerau) gab es unlängst mutmaßliche Anschläge auf zehn Bäume im Stadtgebiet. Besonders der Angriff auf die rund 200 Jahre alte Karl-Spengler-Eiche sorgte für Entsetzen. Es wurde eine Belohnung für Hinweise zu einem Täter oder einer Täterin in Höhe von 500 Euro ausgesetzt. Bürger spenden nun, um die Belohnung zu erhöhen.


Wie viele Fälle von beschädigten Bäumen in Hessen liegen der Polizei vor?

 

Konkrete Zahlen für 2025 liegen dem Landeskriminalamt noch nicht vor. Mehrere Stadtverwaltungen haben in diesem Jahr aber Anzeige wegen vergifteter Bäume erstattet.

 

In der Polizeilichen Kriminalstatistik für Hessen wurden von 2020 bis 2024 insgesamt 79 Fälle erfasst, bei denen es zu Sachbeschädigungen an Bäumen und Sträuchern gekommen war. In den meisten Fällen wurden Bäume allerdings nicht vergiftet, sondern auf andere Art beschädigt oder zerstört, wie das Landeskriminalamt mitteilt. "Hierzu zählt beispielsweise der Einsatz von Sägen", so das LKA. 2021 konnte demnach eine Vergiftung nachgewiesen werden.

 

Die Fallzahlen unterliegen nach Angaben des LKA Schwankungen. Im Jahr 2022 gab es 23 Fälle, von denen neun aufgeklärt wurden. 2023 kam es zu 18 mutwilligen Baumbeschädigungen, damals wurden in ebenfalls neun Fällen Täter ermittelt. Im vergangenen Jahr sank die Zahl auf zehn Fälle, sechs davon wurden aufgeklärt.

 

Welchen Wert haben Stadtbäume für uns Menschen?

 

Bäume erfüllen viele Funktionen. "Sie tragen erheblich dazu bei, dass wir auch künftig in den Städten leben können", sagt Julia Krohmer vom Senckenberg Institut in Frankfurt. Vor allem alte und kranke Menschen sowie Kinder sollen vor aufgrund des Klimawandels häufiger auftretenden extremen Temperaturen geschützt werden.

 

Auch Baumexpertin Antoni verweist darauf, dass Bäume Schatten spenden und eine natürliche Kühlleistung erbringen. "In Städten und Gemeinden kann man damit die Temperaturen um bis zu acht Grad senken", erklärt sie.

 

Bäume filtern zudem Staub aus der Luft, mindern Lärm und tragen dazu bei, dass Wasser versickern kann. Sie bieten einen Lebensraum für viele Tierarten, darunter Vögel, Insekten und Fledermäuse.  

 

Welche ökologischen Folgen hat es, wenn Bäume zerstört werden?

 

Ein 60 Jahre alter Baum, der von einem Tag auf den anderen entfernt wird, reißt ein richtiges Loch in die Ökosystemleistungen, wie Expertin Krohmer vom Senckenberg Institut erläutert. Alle seine Funktionen hinsichtlich Kühlung und Wasserversickerung sowie als Lebensraum fallen von einem auf den anderen Tag weg.

 

"Wenn ein großer Baum mit 20 Metern Kronendurchmesser gefällt wird, müsste man viele hundert junge Bäume pflanzen, um die Leistungen dieses einen Baumes zu ersetzen", sagt Krohmer. Der finanzielle Schaden sei enorm.

 

Ein alter Baum sei nicht zu ersetzen, sagt auch die Sachverständige Antoni. Stadtbäume seien ohnehin schon Einzelkämpfer. Antoni führt aus: "Sie haben einen unfassbar stressbelasteten Standort in den Städten - kaum Wasser, Hunde, Urin, Bodenverdichtung durch Fahrzeuge oder schweres Gerät." Durch diese Bedingungen hätten sie ein niedrigeres Immunsystem als Bäume in der Natur. Sie seien damit anfälliger für Krankheiten.
 

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Veröffentlichung

Immenhausen
Fr, 15. August 2025

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